Mit Lessons Learned Projekte nachhaltig verbessern – Projekte liefern Ergebnisse, doch sie hinterlassen auch Erfahrungen – gute wie schlechte. Wer diese Erfahrungen systematisch auswertet, schafft einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil. Lessons Learned sind dabei ein zentrales Instrument, um Projektarbeit Schritt für Schritt zu professionalisieren und die Organisation lernfähig zu machen.
In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie Lessons Learned so einsetzen, dass Ihre Projekte nachweislich besser werden – ohne in reinen Formalismus zu verfallen.

Was sind „Lessons Learned“ eigentlich genau?
Unter Lessons Learned versteht man strukturierte Erkenntnisse aus abgeschlossenen oder laufenden Projekten, die künftig helfen sollen,
- wiederkehrende Fehler zu vermeiden,
- erfolgreiche Ansätze zu wiederholen,
- Prozesse, Zusammenarbeit und Ergebnisse zu verbessern.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen drei Ebenen:
- Beobachtung
- Was ist tatsächlich passiert?
- Beispiel: „Wir haben Meilenstein 2 um drei Wochen verfehlt.“
- Erkenntnis
- Was lernen wir daraus?
- Beispiel: „Die Schnittstellenklärung mit der IT war unzureichend und zu spät angesetzt.“
- Konsequenz/Empfehlung
- Was tun wir künftig anders?
- Beispiel: „Wir planen künftig einen verbindlichen Kick-off mit allen Schnittstellenpartnern innerhalb der ersten Projektwoche ein.“
Viele Organisationen bleiben bei der Beobachtung stehen und sprechen im Projektabschlussbericht lediglich über „Was gut lief“ und „Was schlecht lief“. Lernen entsteht jedoch erst, wenn klare Konsequenzen für zukünftiges Handeln formuliert werden.
Warum Lessons Learned für nachhaltige Projektverbesserung entscheidend sind
Lessons Learned sind mehr als ein Pflichtpunkt auf der Agenda des Projektabschlusses. Richtig umgesetzt, bieten sie mehrere strategische Vorteile:
- Reduktion von Projektrisiken
Weil wiederkehrende Ursachen von Problemen früh erkannt werden, lassen sie sich im nächsten Projekt gezielt entschärfen. - Beschleunigung von Projekten
Da bewährte Vorgehensweisen und Templates wiederverwendet werden, sparen Teams Zeit und vermeiden Umwege. - Wissenssicherung
Während Personen kommen und gehen, bleiben dokumentierte Lessons Learned in der Organisation verankert. - Kultur des Lernens und der Offenheit
Teams, die regelmäßig reflektieren, entwickeln ein höheres Vertrauensniveau und sprechen Probleme früher an. - Professionalisierung des Projektmanagements
Erkenntnisse fließen in Standards, Methoden und Trainings ein, wodurch das gesamte Projektportfolio profitiert.
Damit diese Potenziale tatsächlich wirksam werden, braucht es allerdings mehr als nur ein Protokoll im Ablageordner.
Typische Fehler beim Umgang mit Lessons Learned
Viele Unternehmen führen Lessons Learned bereits durch, erzielen aber kaum Nutzen. Häufig liegen die Ursachen in einigen typischen Fehlannahmen:
1. Lessons Learned als Pflichtübung am Projektende
Oft findet der Workshop „irgendwie noch schnell“ statt,
- wenn das Team gedanklich schon beim nächsten Projekt ist
- und der Sponsor keinen konkreten Nutzen erkennt.
Dadurch entsteht eine Alibi-Veranstaltung, in der das Team nur noch „abhakt“, was formell gefordert ist.
2. Fokus auf Schuld statt auf Ursachen
Wenn die Diskussion in Richtung individueller Schuldzuweisung kippt,
- vermeiden Teammitglieder offene Kritik,
- beschönigen Probleme
- oder argumentieren defensiv.
Ein konstruktives Lessons-Learned-Format legt den Fokus deshalb konsequent auf Systeme, Prozesse und Zusammenarbeit, nicht auf persönliche Schuld.
3. Unklare Verantwortlichkeiten
Selbst gute Erkenntnisse verpuffen, wenn
- niemand ihre Umsetzung verantwortet
- oder keine Frist definiert ist.
„Man sollte…“ und „Wir müssten mal…“ führen selten zu Veränderungen. Konkrete Verantwortlichkeiten sind daher ein Muss.
4. Keine Verankerung in Standards und Prozessen
Viele Lessons Learned landen in einem Abschlussbericht,
- werden aber weder in Vorlagen integriert
- noch in Guidelines oder Trainings aufgenommen.
Dadurch wird das Gelernte nicht organisationales Wissen, sondern bleibt eine einmalige Erfahrung des jeweiligen Teams.
Ein praxiserprobter Prozess für wirksame Lessons Learned
Um Projekte mit Lessons Learned nachhaltig zu verbessern, hat sich ein strukturierter Vier-Phasen-Prozess bewährt.
Phase 1: Vorbereitung – die Basis für Qualität legen
In der Vorbereitung legen Sie fest, wofür Sie Lessons Learned erheben und wie Sie vorgehen.
Zentrale Schritte:
- Zielsetzung klären
- Was wollen Sie aus diesem Projekt konkret lernen?
- Geht es eher um Methoden, um Zusammenarbeit oder um fachliche Inhalte?
- Teilnehmerkreis definieren
- Kernteam
- wesentliche Stakeholder
- ggf. Vertreter von Fachabteilungen, die stark betroffen waren
- Datenbasis sichern
- Projektplan, Meilensteine, Statusberichte
- Risiko- und Änderungslisten
- Ergebnisse aus Retrospektiven (bei agilen Projekten)
- Leitfragen und Agenda festlegen
Typische Leitfragen lauten zum Beispiel:- Was lief besser als erwartet – und warum?
- Wo sind wir hinter unseren Zielen zurückgeblieben – und weshalb?
- Welche Risiken haben sich realisiert oder fast realisiert?
- Welche Entscheidungen würden wir heute anders treffen?
Eine gute Vorbereitung reduziert später emotionale Diskussionen,
weil sich das Team stärker an Fakten orientiert.
Phase 2: Durchführung – der Lessons-Learned-Workshop
Der eigentliche Workshop ist das Herzstück. Er sollte moderiert, gut strukturiert und zeitlich ausreichend bemessen sein.
Rollen im Workshop
- Moderator/in
- strukturiert den Prozess
- sorgt für konstruktive Atmosphäre
- achtet darauf, dass alle zu Wort kommen
- Projektleitung
- liefert Kontext
- stellt wesentliche Ereignisse und Kennzahlen vor
- Team und Stakeholder
- bringen Perspektiven ein
- formulieren Beobachtungen und Empfehlungen
Möglicher Ablauf
- Ankommen und Rahmen setzen
- Ziel und Nutzen des Workshops erläutern
- Prinzipien vereinbaren (z. B. „Keine Schuldzuweisungen“, „Offenheit vor Perfektion“)
- Faktenbasis schaffen
- Kurzer Rückblick auf Projektziele, Scope und wesentliche Ereignisse
- Visualisierung der Projektchronologie (z. B. Zeitstrahl)
- Sammlung von Beobachtungen
- Was lief gut?
- Was lief nicht gut?
- Wo gab es Überraschungen?
- Brainstorming mit Post-its (z. B. in den Kategorien „People“, „Process“, „Technology“)
- Start–Stop–Continue
- Mad–Sad–Glad (insbesondere in agilen Umfeldern)
- Clusterung und Priorisierung
- Ähnliche Punkte zusammenfassen
- Bewertung nach Einfluss und Umsetzbarkeit
- Ableitung von Maßnahmen und Empfehlungen
- Für die Top-Themen werden konkrete Maßnahmen definiert:
- Was genau ändern wir?
- In welchem Kontext (Projekt, Bereich, Gesamtorganisation)?
- Wer ist verantwortlich?
- Bis wann?
- Für die Top-Themen werden konkrete Maßnahmen definiert:
- Abschluss und Commitment
- Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse
- Vereinbarung des weiteren Vorgehens (Dokumentation, Follow-up)
Wenn Sie diesen Ablauf klar kommunizieren, erhöht das die Akzeptanz und verbessert gleichzeitig die Qualität der Ergebnisse.
Phase 3: Auswertung und Dokumentation
Nach dem Workshop folgt die eigentliche „Verdichtung“. Denn hier entscheiden Sie, welche Erkenntnisse für andere Projekte relevant sind.
Bausteine einer guten Lessons-Learned-Dokumentation:
- Kontext
- Projekttyp, Branche, Teamgröße, Dauer
- Relevante Rahmenbedingungen (z. B. starke Abhängigkeit von Lieferanten)
- Problem- oder Erfolgssituation
- Beschreiben Sie kurz und konkret, was passiert ist.
- Analyse / Ursache
- Warum kam es zu dieser Situation?
- Welche Rahmenbedingungen oder Entscheidungen waren ausschlaggebend?
- Empfehlung für zukünftige Projekte
- Klare, handlungsorientierte Formulierung
- Ideal: „Wenn A eintritt / geplant ist, dann tue B.“
- Priorität und Gültigkeitsbereich
- z. B. „Hohe Relevanz für alle Softwareprojekte mit externen Dienstleistern“
Eine prägnante, wiederverwendbare Lessons Learned könnte so aussehen:
Situation: Im Projekt X verzögerte sich die Integration externer APIs um sechs Wochen.
Ursache: Fehlende frühzeitige Abstimmung mit dem externen Anbieter; vertraglich nicht klar geregelte SLAs.
Empfehlung: In Projekten mit externer API-Abhängigkeit ist spätestens in der Planungsphase ein technischer Workshop mit dem Anbieter durchzuführen. Zudem sind Reaktionszeiten und Verfügbarkeiten vertraglich zu fixieren.
Phase 4: Umsetzung und Verankerung in der Organisation
Lessons Learned entfalten ihren Mehrwert erst, wenn sie Verhalten und Strukturen verändern. Deshalb reicht reine Dokumentation nicht aus.
Konkrete Schritte zur Verankerung:
- Integration in Standards und Vorlagen
- Anpassung von Projekt-Templates (z. B. Checklisten, Risiko-Register, Kommunikationspläne)
- Ergänzung von Standardprozessen im Projektmanagement-Handbuch
- Übernahme in Trainings und Onboarding
- Nutzung realer Projektbeispiele in Schulungen
- Einbindung in Onboarding-Programme für neue Projektleiterinnen und Projektleiter
- Nutzung in Portfolio- und Gate-Entscheidungen
- Lessons Learned als Pflichtinput für Projektanträge oder Stage-Gate-Reviews
- Beispiele: „Welche relevanten Lessons Learned wurden berücksichtigt?“
- Regelmäßige Reviews
- Jährliche oder halbjährliche Durchsicht der Lessons-Learned-Sammlung
- Konsolidierung, Aktualisierung, Entfernen veralteter Einträge
Nur wenn Sie konsequent nachhalten, ob Empfehlungen tatsächlich umgesetzt wurden, entsteht ein echter Lernkreislauf.
Methoden und Formate für Lessons Learned
Je nach Projektkultur und -größe bieten sich unterschiedliche Formate an. Oft ist eine Kombination am wirkungsvollsten.
1. Klassischer Abschlussworkshop
- Eignet sich für mittelgroße bis große Projekte
- Bietet ausreichend Raum für Diskussion und Reflexion
- Sollte moderiert sein, um Dominanz einzelner Stimmen zu vermeiden
2. Laufende Retrospektiven (besonders in agilen Umfeldern)
Statt nur am Ende zu reflektieren, führt das Team regelmäßige Retros durch, etwa am Ende jedes Sprints oder jeder Projektphase.
Vorteile:
- Erkenntnisse fließen frühzeitig ins laufende Projekt ein
- Probleme werden schneller sichtbar
- Lernkultur wird stärker im Alltag verankert
Entscheidend ist anschließend, dass wesentliche Erkenntnisse aus den Retrospektiven in eine übergeordnete Lessons-Learned-Sammlung übernommen werden.
3. Peer-Reviews zwischen Projekten
Hier reflektiert nicht nur das eigene Team,
sondern Projektleitende untereinander teilen Erfahrungen und Best Practices:
- Projektreviews in Communities of Practice
- Austauschformate zwischen Programmen und Portfolios
- Brown-Bag-Sessions oder interne „Projektmanagement-Days“
Das fördert organisationsweites Lernen, weil gute Lösungen nicht in einzelnen Projektsilos verbleiben.
Erfolgsfaktoren: Was Lessons Learned wirklich wirksam macht
Damit Lessons Learned nicht zur Formalie verkommen, sollten Sie auf einige zentrale Erfolgsfaktoren achten.
1. Psychologische Sicherheit
Menschen sprechen nur offen über Fehler, wenn sie keine negativen Konsequenzen befürchten.
- Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Kritik an Prozessen erwünscht ist.
- Trennen Sie klar zwischen sachlicher Reflexion und Leistungsbeurteilung.
- Führen Sie Lessons-Learned-Workshops nicht als Bewertungsgespräch.
2. Klare Verantwortlichkeiten und Follow-up
Jede wichtige Empfehlung braucht:
- einen Owner, der Umsetzungsfortschritte nachhält
- einen realistischen Zeitplan
- eine klare Einbindung in bestehende Gremien, z. B. Lenkungsausschuss oder PMO
Ohne Follow-up bleiben Lessons Learned ein Wunschkonzert.
3. Sichtbare Erfolge kommunizieren
Wenn Teams sehen, dass aus Lessons Learned tatsächlich Veränderungen entstehen,
- steigt ihre Bereitschaft, offen zu reflektieren,
- und die Motivation, aktiv beizutragen.
Kommunizieren Sie positive Beispiele bewusst:
- „Durch die neue Schnittstellen-Checkliste konnten wir im Projekt Y zwei Wochen sparen.“
- „Die im Projekt Z entwickelte Risikobewertung ist jetzt Standard im gesamten Bereich.“
4. Praktische Zugänglichkeit
Eine Lessons-Learned-Sammlung bringt wenig,
wenn sie zwar existiert, aber niemand sie findet oder nutzt.
Achten Sie deshalb auf:
- eine sinnvolle Struktur (z. B. nach Projekttyp, Branche, Technologie)
- eine gute Suchfunktion oder Tags
- kurze, prägnante Einträge statt seitenlanger Berichte
Beispiel aus der Praxis (fiktiv, aber realistisch)
Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das komplexe Kundenprojekte im IT-Umfeld realisiert. Immer wieder kommt es zu folgenden Problemen:
- Scope-Änderungen während des Projekts
- Unklare Verantwortlichkeiten zwischen internem Team und externem Dienstleister
- Engpässe in der Testphase kurz vor Go-live
Nach mehreren kritischen Situationen entscheidet das Unternehmen, Lessons Learned systematisch einzuführen.
- Start mit einem Pilotprojekt
- Am Ende des Projekts findet ein professionell moderierter Abschlussworkshop statt.
- Das Team identifiziert u. a. folgende Erkenntnisse:
- Es fehlte ein gemeinsames Verständnis des Scopes mit dem Kunden.
- Die Verantwortung für Abnahmetests war zwischen internem QA-Team und Kunden nicht klar geregelt.
- Die Kommunikation mit dem externen Dienstleister erfolgte zu spät und ohne feste Ansprechpartner.
- Konkrete Maßnahmen
- Einführung eines verbindlichen „Scope-Alignment-Workshops“ zu Projektbeginn, gemeinsam mit dem Kunden
- Anpassung des Standardvertrags um klare Regelungen zur Testverantwortung
- Benennung von jeweils einem technischen und einem organisatorischen Hauptansprechpartner auf beiden Seiten
- Verankerung auf Organisationsebene
- Die neuen Elemente werden in das Projektmanagement-Framework aufgenommen.
- In der PM-Community werden die Erkenntnisse vorgestellt.
- Künftige Projektofferten müssen den Scope-Alignment-Workshop explizit berücksichtigen.
Ergebnis über mehrere Projekte hinweg:
- weniger Eskalationen in der Testphase
- stabilere Go-live-Termine
- höhere Zufriedenheit bei Kunden und internem Management
Dieses Beispiel zeigt, dass Lessons Learned nicht in einem einzelnen Projekt „steckenbleiben“ dürfen, wenn sie nachhaltige Wirkung entfalten sollen.
Fazit Mit Lessons Learned Projekte nachhaltig verbessern: Lessons Learned als Motor für kontinuierliche Verbesserung
Lessons Learned sind kein Selbstzweck,
sondern ein zentrales Steuerungsinstrument, um Projekte systematisch besser zu machen. Damit das gelingt, sollten Sie:
- frühzeitig und regelmäßig reflektieren, nicht nur am Projektende,
- strukturiert vorgehen – von der Beobachtung über die Analyse bis zur Empfehlung,
- klare Verantwortlichkeiten für die Umsetzung definieren,
- Erkenntnisse in Standards, Vorlagen und Trainings verankern,
- und eine Kultur der Offenheit und des Lernens aktiv fördern.
Wenn Sie diesen Weg konsequent gehen,
entsteht mit der Zeit ein wertvoller Erfahrungsschatz, der jedes neue Projekt ein Stück sicherer, schneller und erfolgreicher macht.