Inhalte & Struktur eines Product Backlogs – Ein gut geführtes Product Backlog entscheidet in vielen agilen Vorhaben darüber, ob Teams fokussiert liefern oder im Anforderungschaos versinken. Gerade für Entscheider, Projektmanager und Fachbereiche ist es wichtig zu verstehen, welche Inhalte in ein Product Backlog gehören, wie es aufgebaut sein sollte und wie daraus ein wirksames Steuerungsinstrument wird. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie ein professionell strukturiertes Product Backlog aussieht, welche Elemente unverzichtbar sind, wie Sie Prioritäten transparent machen und typische Fehler vermeiden. Mit den beschriebenen Prinzipien können Sie Ihr bestehendes Backlog prüfen, neu aufsetzen und nachhaltig verbessern.

Was ist ein Product Backlog?
Ein Product Backlog ist die geordnete, fortlaufend gepflegte Gesamtübersicht aller Anforderungen, Ideen und Aufgaben, die für ein Produkt oder eine Lösung relevant sind.
Kurz gesagt:
Das Product Backlog ist die zentrale, priorisierte Anforderungsliste für die Weiterentwicklung eines Produkts.
Typische Merkmale eines Product Backlogs:
- Es umfasst alle Arten von Anforderungen (fachlich, technisch, regulatorisch, Qualität usw.).
- Es ist immer geordnet – das wichtigste steht oben.
- Es ist dynamisch und entwickelt sich mit dem Produkt und den Erkenntnissen weiter.
- Es gehört zu genau einem Produkt (ein Produkt, ein Backlog).
- Es ist für alle Beteiligten transparent einsehbar.
Im Scrum-Kontext ist das Product Backlog das Bindeglied zwischen Produktvision, Roadmap und der konkreten Arbeit der Entwicklungsteams.
Ziele und Nutzen eines gut strukturierten Product Backlogs
Ein professionell aufgebautes Product Backlog liefert vor allem:
- Transparenz: Alle relevanten Anforderungen sind sichtbar, konsolidiert und verständlich beschrieben.
- Fokus auf Wert: Die Reihenfolge zeigt klar, was den größten geschäftlichen Nutzen bringt.
- Steuerbarkeit: Entscheidungen zu Budget, Scope und Roadmap werden auf Basis eines geordneten Gesamtbilds getroffen.
- Planbarkeit: Aufwände und Abhängigkeiten werden sichtbar, Forecasts werden belastbarer.
- Ausrichtung: Fachbereiche, IT und Management diskutieren über dasselbe priorisierte Bild – nicht über unterschiedliche Listen und Excel-Dateien.
Für Führungskräfte ist das Backlog damit ein zentrales Steuerungsinstrument, kein reines „Tool der IT“.
Was gehört in ein Product Backlog?
Ein Product Backlog umfasst alle Elemente, die notwendig sind, um ein Produkt zu entwickeln, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Dazu gehören insbesondere:
- Fachliche Anforderungen und Features
- User Stories und Use Cases
- Fehler (Bugs) und Defects
- Technische Tasks und Refactorings
- Spikes und Explorationsaufgaben
- Nicht-funktionale Anforderungen (z. B. Sicherheit, Performance)
- Regulatorische und Compliance-Anforderungen
- Infrastruktur- und Betriebsanforderungen
Wichtig:
Alles, was Kapazität des Teams bindet und für das Produkt relevant ist, sollte als Eintrag im Product Backlog sichtbar sein.
Typische Backlog-Einträge (Product Backlog Items)
In der Praxis haben sich folgende Typen von Product Backlog Items (PBIs) etabliert:
- Epics / Initiativen: Größere Themenblöcke mit hohem Umfang, die später in kleinere Einträge zerlegt werden.
- Features: Zusammenhängende Funktionalitäten, die für den Nutzer erkennbaren Mehrwert liefern.
- User Stories: Kleinere, aus Kundensicht formulierte Anforderungen („Als [Rolle] möchte ich …, damit …“).
- Bugs: Fehlerbehebungen, die bestehende Funktionen korrigieren.
- Technische Tasks: Arbeiten an Architektur, Wartung, Refactoring, Infrastruktur.
- Spikes: Forschungs- oder Analyseaufgaben, um technische oder fachliche Fragen zu klären.
- Enabler / technische Stories: Einträge, die andere Features erst ermöglichen (z. B. Aufbau eines Frameworks).
Welche Typen Sie konkret verwenden, ist weniger wichtig als eine konsequente, verständliche Klassifikation im gesamten Backlog.
Pflichtinformationen pro Backlog Item
Damit ein Backlog-Eintrag wirklich nutzbar ist, sollte er eine einheitliche, klare Struktur haben. Bewährt hat sich mindestens:
- Titel / Kurzbeschreibung
Knapp, eindeutig, such- und verstehbar. - Business-Ziel oder Nutzen
Warum ist dieser Eintrag wichtig? Welches Problem löst er? Welchen Beitrag leistet er zum Produktziel? - Beschreibung
Häufig im User-Story-Format oder als strukturierte Anforderung (z. B. fachliche Regeln, Szenarien, Beispiele). - Akzeptanzkriterien
Konkrete, prüfbare Bedingungen, wann der Eintrag als „erledigt“ gilt. - Priorität / Order
Die relative Reihenfolge im Backlog – nicht nur „hoch/mittel/niedrig“, sondern eine eindeutige Position. - Aufwandsschätzung
Typischerweise in Story Points oder einer anderen relativen Maßeinheit. - Status
Zum Beispiel: „neu“, „im Refinement“, „bereit für Sprint“, „in Arbeit“, „fertig“. - Abhängigkeiten
Welche anderen Backlog Items oder Systeme beeinflussen die Umsetzbarkeit?
Diese Pflichtinformationen machen ein Backlog Item verständlich, bewertbar und planbar.
Optionale, aber sinnvolle Felder
Je nach Organisation können zusätzliche Felder helfen, Inhalte und Struktur Ihres Product Backlogs weiter zu schärfen:
- Zugeordneter Stakeholder / Kunde
- Verknüpfung zu Epics oder Themenclustern
- Release-Zuordnung oder Zielzeitraum
- Risiken / Annahmen
- Tags / Kategorien (z. B. „Security“, „Reporting“, „Mobile“)
- Kostenschätzung oder grobe Budgetdimension
Wichtig ist, die Komplexität im Blick zu behalten: Zu viele Pflichtfelder bremsen die Pflege und führen zu schlechter Datenqualität.
Struktur eines Product Backlogs: Wie ist ein Product Backlog aufgebaut?
Ein professionell aufgebautes Backlog folgt drei Grundprinzipien:
- Ein Produkt – ein Backlog
Alle relevanten Anforderungen zu einem Produkt werden in einer Liste geführt. - Klare Ordnung nach Wert, Risiko und Dringlichkeit
Das wichtigste steht oben, nicht das älteste. - Abnehmender Detaillierungsgrad nach unten
Oben sind Einträge feingranular und umsetzbar, unten grob und noch unklar.
Typischer Aufbau von oben nach unten:
- Konkrete, umsetzbare User Stories und Bugs für die nächsten 1–2 Sprints
- Detailliertere Features für den mittleren Planungshorizont
- Gröbere Epics und Ideen für spätere Releases
- Erste Skizzen neuer Themen, Hypothesen, Experimente
So entsteht ein „Trichter“: Je näher am oberen Ende, desto klarer, kleiner und besser geschätzt sind die Einträge.
Ebenen im Product Backlog: Vom Produktziel bis zur Story
Auch wenn das Backlog formal nur eine Liste ist, hilft eine logische Ebenenstruktur:
- Produktvision
Warum existiert das Produkt? Welches Problem löst es grundsätzlich? - Product Goal / Produktziel(e)
Konkrete Zielbilder für einen mittelfristigen Zeitraum (z. B. 2–3 Quartale). - Epics / Themenbereiche
Größere Initiativen, die zur Erreichung der Produktziele beitragen. - Features
Erkennbare Funktionalitäten, die Nutzermehrwert liefern. - User Stories / Bugs
Feingranulare Arbeitspakete, die direkt in Sprints umgesetzt werden können. - Tasks / technische Sub-Tasks
Feinaufteilung der Stories, meist im Sprint Backlog gepflegt, nicht im Product Backlog selbst.
Entscheidend ist, dass die Verbindung von oben nach unten nachvollziehbar bleibt: Jede Story sollte zu einem Feature und dieses wiederum zu einem Produktziel beitragen.
Wie detailliert müssen Product-Backlog-Einträge sein? – Das DEEP-Prinzip
Ein hilfreiches Leitmodell für Inhalte und Struktur eines Product Backlogs ist das DEEP-Prinzip:
- D – Detailed appropriately (angemessen detailliert)
Einträge oben im Backlog sind ausreichend detailliert, um sie zeitnah umsetzen zu können. Nach unten hin nimmt der Detailgrad ab. - E – Estimated (geschätzt)
Relevante Einträge sind grob oder fein geschätzt, sodass Aufwand und Kapazitäten planbar werden. - E – Emergent (entstehend)
Das Backlog ist kein statischer Plan, sondern entwickelt sich. Neue Erkenntnisse, Feedback und Marktveränderungen führen zu Anpassungen. - P – Prioritized (priorisiert)
Die Liste ist geordnet. Die Reihenfolge basiert auf Wert, Risiko, Abhängigkeiten und strategischer Relevanz.
Konkrete Daumenregel:
- Einträge für die nächsten 1–2 Sprints sind voll beschrieben und mit Akzeptanzkriterien versehen.
- Einträge für den mittleren Horizont sind in Features grob beschrieben und geschätzt.
- Langfristige Ideen erscheinen als Epics oder Hypothesen mit minimalem Aufwand dokumentiert.
Praktisches Beispiel für ein Product Backlog
Nehmen wir ein fiktives Kundenportal für einen B2B-Dienstleister. Ein Ausschnitt des Product Backlogs könnte so aussehen:
Produktziel:
„Kunden sollen 80 % ihrer Standardanliegen selbstständig digital im Portal erledigen können.“
Epic 1: Self-Service-Tickets
- Feature: Ticket-Erstellung durch Kunden
- Story: „Als Kunde möchte ich ein Support-Ticket im Portal erstellen können, damit ich Probleme schnell melden kann.“
- Akzeptanzkriterien:
- Pflichtfelder: Kategorie, Priorität, Beschreibung
- Upload von Screenshots möglich
- Kunde erhält Bestätigungs-E-Mail
- Priorität: sehr hoch
- Schätzung: 5 Story Points
- Akzeptanzkriterien:
- Story: „Als Support-Mitarbeiter möchte ich neue Tickets im System sehen, damit ich sie bearbeiten kann.“
- Akzeptanzkriterien:
- Ticketliste mit Filtermöglichkeiten
- Anzeige von Status und Erstelldatum
- Priorität: hoch
- Schätzung: 3 Story Points
- Akzeptanzkriterien:
- Story: „Als Kunde möchte ich ein Support-Ticket im Portal erstellen können, damit ich Probleme schnell melden kann.“
- Bug: „Kunden können derzeit keine Anhänge hochladen“
- Priorität: kritisch
- Schätzung: 2 Story Points
Epic 2: Rechnungsübersicht
- Feature: Download von Rechnungen als PDF
- Story: „Als Kunde möchte ich meine letzten 12 Rechnungen herunterladen können, damit ich sie intern weitergeben kann.“
- Akzeptanzkriterien:
- Anzeige der letzten 12 Rechnungen
- Download als PDF
- Zugriffsrechte abhängig von Kundenrolle
- Priorität: hoch
- Schätzung: 5 Story Points
- Akzeptanzkriterien:
- Story: „Als Kunde möchte ich meine letzten 12 Rechnungen herunterladen können, damit ich sie intern weitergeben kann.“
- Technische Task: „Anbindung des zentralen Rechnungssystems“
- Beschreibung: Aufbau sicherer Schnittstelle, Authentifizierung, Mapping der Daten
- Priorität: hoch
- Schätzung: 8 Story Points
Schon an diesem einfachen Beispiel wird sichtbar: Inhalte und Struktur des Product Backlogs sorgen dafür, dass fachlicher Nutzen, technische Aufgaben und Fehler in einem konsistenten Rahmen sichtbar und priorisiert werden.
Wer ist für Inhalte und Struktur des Product Backlogs verantwortlich?
Im Scrum-Umfeld liegt die Verantwortung für das Product Backlog beim Product Owner. Das bedeutet:
- Der Product Owner entscheidet über die Reihenfolge der Einträge.
- Er oder sie sorgt für ausreichende Klarheit und Verständlichkeit.
- Er oder sie stellt sicher, dass das Backlog auf Produktziele und Strategie einzahlt.
Gleichzeitig ist das Backlog ein kollaboratives Artefakt:
- Fachbereiche und Stakeholder liefern Anforderungen, Feedback und Prioritäten.
- Entwicklungsteams liefern Schätzungen, technische Einschätzungen und Umsetzungsvorschläge.
- Der Scrum Master (oder Agile Coach) unterstützt beim Prozess der Backlog-Pflege (Backlog Refinement).
Ein robustes Product Backlog entsteht dort, wo diese Rollen in einem regelmäßigen, gut moderierten Refinement-Prozess zusammenarbeiten.
Wie pflegt man ein Product Backlog richtig? – Kernaktivitäten
Damit Inhalte und Struktur eines Product Backlogs nicht verwildern, braucht es klare Routinen:
- Regelmäßiges Backlog Refinement (z. B. alle 1–2 Wochen)
- Neue Einträge prüfen, grob einordnen
- Wichtige Einträge konkretisieren und aufsplitten
- Obsolete Items entfernen
- Kontinuierliche Priorisierung
- Business Value mit Stakeholdern diskutieren
- Risiken, technische Abhängigkeiten und regulatorische Zwänge berücksichtigen
- Reihenfolge pragmatisch anpassen
- Qualitätssicherung der Einträge
- Akzeptanzkriterien ergänzen
- Doppelungen auflösen
- Inkonsistenzen in Benennung und Struktur bereinigen
- Regelmäßige Aufräumaktionen
- Alte, nie priorisierte Ideen konsequent löschen oder archivieren
- Verwaiste Epics und Features klären
So bleibt das Backlog schlank, relevant und handhabbar – statt zu einer unübersichtlichen „Anforderungs-Müllhalde“ zu werden.
Typische Fehler bei Inhalten & Struktur eines Product Backlogs
In vielen Organisationen zeigen sich ähnliche Muster, die den Nutzen des Product Backlogs erheblich schmälern:
- Zu viele, schlecht gepflegte Einträge
Tausende Items ohne klare Priorität oder Zuständigkeit. - Vermischung von Produkt- und Team-Backlogs
Aufgaben aus verschiedenen Produkten oder Projekten in einer Liste. - Fehlende Verbindung zu Zielen
Backlog-Einträge ohne erkennbaren Bezug zu Produktzielen oder Strategie. - Unklare oder fehlende Akzeptanzkriterien
Diskussionen in jedem Sprint darüber, was eigentlich „fertig“ bedeutet. - Priorisierung nach Lautstärke statt nach Wert
Das lauteste Stakeholder-Team bekommt automatisch die höchste Priorität. - Technik und Fachlichkeit in getrennten Welten
Fachliches Backlog in Excel, technisches Backlog im Tool – keine gemeinsame Sicht.
Wer diese Muster erkennt und aktiv adressiert, steigert Qualität und Wirkung seines Product Backlogs erheblich.
Best Practices für Inhalte & Struktur eines Product Backlogs
Zusammengefasst haben sich in vielen Organisationen folgende Leitlinien bewährt:
- Einheitliche Item-Struktur
Einheitliche Templates für Backlog-Einträge (z. B. Titel, Nutzen, Beschreibung, Akzeptanzkriterien). - Ein Produkt – ein Backlog
Keine Parallel-Listen für „IT“, „Fachbereich“, „Change Requests“. - Klare Verbindung zu Produktzielen
Epics und Features sind erkennbar an Produktvision und Roadmap angebunden. - DEEP-Prinzip konsequent anwenden
Angemessener Detailgrad, Schätzungen, Emergenz und Priorisierung. - Regelmäßiges, gut vorbereitetes Refinement
Feste Termine, klare Agenda, Beteiligung der relevanten Rollen. - Transparente Priorisierungskriterien
Zum Beispiel Business Value, Risiko, Time-to-Market, Kundenrelevanz – explizit gemacht und nachvollziehbar angewendet. - Einfaches, zugängliches Tooling
Das Backlog ist dort, wo alle arbeiten – nicht in versteckten SharePoint-Listen oder Insellösungen.
Diese Praktiken helfen, aus dem Backlog ein lebendiges „Produktgedächtnis“ und zentrales Steuerungsinstrument zu machen.
Abgrenzung: Product Backlog, Sprint Backlog, Roadmap
Häufig werden diese Begriffe vermischt. Eine klare Unterscheidung erhöht die Verständlichkeit:
- Product Backlog
Vollständige, priorisierte Liste aller bekannten Anforderungen für das Produkt. - Sprint Backlog
Auswahl von Product-Backlog-Einträgen, die ein Team in einem Sprint umsetzen will, inklusive der dafür notwendigen Tasks. - Produkt-Roadmap
Zeitliche, eher grobe Planung von Epics und größeren Themen über mehrere Monate oder Quartale.
Kurz:
Die Roadmap zeigt den zeitlichen Pfad, das Product Backlog die Gesamtmenge der Anforderungen, das Sprint Backlog die konkrete Arbeit im aktuellen Sprint.
Fazit Inhalte & Struktur eines Product Backlogs: Wie Sie Ihre Backlog-Struktur auf das nächste Level bringen
Ein gut gepflegtes Product Backlog ist mehr als eine To-do-Liste. Es ist die zentrale, priorisierte Wissensbasis für Ihr Produkt – und damit ein entscheidender Hebel für Transparenz, Fokus und Wertschöpfung. Wenn Inhalte und Struktur Ihres Backlogs klar definiert sind, profitieren alle: Management, Fachbereiche und Entwicklungsteams.
Prüfen Sie Ihr aktuelles Product Backlog entlang der beschriebenen Kriterien:
Sind die wichtigsten Einträge oben? Ist die Verbindung zu Ihren Produktzielen erkennbar? Sind Struktur, Inhalte und Detaillierungsgrad konsistent? Wenn Sie beim Neuaufsetzen oder bei der Optimierung Ihres Backlog-Managements Unterstützung wünschen – etwa bei der Einführung von Backlog-Strukturen, Priorisierungsmethoden oder Refinement-Prozessen – begleitet PURE Consultant Sie von der Analyse bis zur pragmatischen Umsetzung in Ihren Teams.