Personas erklärt – Personas gelten heute als Standardwerkzeug in Strategie-, IT- und Change-Projekten – und werden dennoch oft missverstanden oder zu oberflächlich umgesetzt. Das führt zu schönen Folien, aber kaum spürbarem Mehrwert in Produktentwicklung, Vertrieb oder internen Projekten.
In diesem Beitrag werden Personas erklärt – praxisnah, fundiert und mit konkreten Schritten, wie Sie sie in Ihrem Unternehmen nutzbar machen. Sie erfahren, was Personas wirklich sind, wie Sie sie anhand von Daten erstellen, wie viele Personas sinnvoll sind und wie Sie damit bessere Entscheidungen in Projekten, Produktmanagement und Kommunikation treffen.
Was sind Personas?
Kurzdefinition:
Personas sind fiktive, aber datenbasierte Stellvertreter realer Nutzer- oder Kundengruppen. Sie bündeln typische Merkmale, Ziele, Bedürfnisse und Verhaltensweisen eines Segments in einer greifbaren Figur mit Namen, Gesicht und Hintergrundgeschichte.
Wichtige Punkte:
- Personas sind keine Fantasieprofile, sondern basieren auf Recherche, Daten und Interviews.
- Sie sind konkret genug, um Entscheidungen zu leiten („Wäre das für Sabine sinnvoll?“).
- Sie ersetzen nicht die Zielgruppenanalyse, sondern übersetzen Segmente in anschauliche, alltagstaugliche Profile.
Im B2B-Kontext unterscheiden wir häufig:
- Buyer Personas (Entscheider im Kaufprozess)
- User Personas (Anwender der Lösung im Alltag)
- Stakeholder-Personas (z. B. IT, Compliance, Betriebsrat)
Warum Personas im Unternehmen so wichtig sind
Personas sind vor allem ein Entscheidungswerkzeug. Sie helfen, Prioritäten in komplexen Projekten zu setzen und Diskussionen zu versachlichen.
Typische Nutzen:
- Gemeinsames Verständnis
- Fachbereich, IT, UX, Vertrieb und Management sprechen über dieselben Nutzerbilder.
- Missverständnisse („Der Kunde will…“) werden reduziert.
- Bessere Priorisierung
- Anforderungen, Features und Inhalte werden danach bewertet, welcher Persona sie wirklich helfen.
- „Nice-to-have“ lässt sich leichter aussortieren.
- Relevantere Lösungen
- Produkte, Services und interne Tools passen besser zu den Arbeitsabläufen der Nutzer.
- Risiken teurer Fehlentwicklungen sinken.
- Effizientere Kommunikation
- Content, Sales-Unterlagen und Schulungen adressieren konkrete Rollen, Probleme und Trigger.
- Messbare Wirkung
- Entscheidungen lassen sich im Nachhinein an den Zielen der Personas spiegeln (z. B. Onboarding-Zeit, Support-Tickets, Nutzungsrate).
Für Entscheider und Projektleiter sind Personas damit ein Hebel, um Business-Ziele und Nutzerbedürfnisse systematisch zu verbinden.
Arten von Personas im B2B-Umfeld
1. Buyer Personas
Buyer Personas repräsentieren Entscheiderrollen im Kaufprozess:
- z. B. CFO, CIO, Einkaufsleiter, Werksleiter, Bereichsleiter HR
- Fokus auf Budgethoheit, Risiken, KPIs, Entscheidungslogik
Typische Inhalte:
- Verantwortungsbereich und Ziele (z. B. Kosten senken, Ausfallzeiten minimieren)
- Entscheidungskriterien (ROI, Compliance, Stabilität, Referenzen)
- Informationsquellen (Fachmedien, Messen, Empfehlungen, Berater)
- Einwände und Bedenken (Sicherheitsrisiken, Abhängigkeit vom Anbieter, interne Akzeptanz)
2. User Personas
User Personas beschreiben tatsächliche Anwender der Lösung im Alltag:
- z. B. Sachbearbeiter, Servicetechniker, Produktionsplaner, Projektmanager, Teamleiter
Wichtige Aspekte:
- Tagesabläufe, Routinen, Peaks
- Fähigkeiten, IT-Affinität, Tools im Einsatz
- Schmerzpunkte (z. B. Medienbrüche, Doppelarbeit, komplexe Oberflächen)
- Ziele (z. B. Vorgänge schneller abschließen, Fehler vermeiden, weniger Abstimmungen)
3. Stakeholder- oder Influencer-Personas
Diese Personas beeinflussen Entscheidungen, auch wenn sie nicht selbst kaufen oder nutzen:
- IT-Leitung, Informationssicherheit, Datenschutz, Betriebsrat, Key Users
Typisch sind:
- Anforderungen an Integration, Sicherheit, Wartbarkeit
- Bedenken gegenüber Cloud, neuen Prozessen oder Systemwechseln
- Einfluss auf Pilotprojekte und Rollout-Strategien
4. Negative Personas
Negative Personas repräsentieren Zielgruppen, die Sie nicht ansprechen wollen:
- Kunden ohne Budget oder Entscheidungsbefugnis
- Fälle mit hohem Betreuungsaufwand, aber niedriger Marge
- Use Cases, die außerhalb des Fokus Ihrer Lösung liegen
Sie helfen, Klarheit in Marketing und Vertrieb zu schaffen und Ressourcen zu schonen.
Gute vs. schlechte Personas
Woran Sie gute Personas erkennen
Gute Personas:
- basieren auf Daten, Interviews und Beobachtungen, nicht auf Bauchgefühl
- beschreiben Verhalten, Ziele und Kontexte, nicht nur demografische Fakten
- sind handlungsleitend: Teams können konkrete Entscheidungen daran ausrichten
- sind fokussiert: keine Sammelbecken für „alle möglichen Varianten“
- werden regelmäßig überprüft und angepasst
Beispiele für starke Persona-Elemente:
- „Braucht Freigaben ab 10.000 € und scheut Projekte mit unklarem ROI.“
- „Hat wenig Zeit, liest E‑Mails nur diagonal, bevorzugt kompakte Executive Summaries.“
- „Fürchtet Akzeptanzprobleme im Team und Widerstand des Betriebsrats.“
Typische Fehler bei Personas
Häufige Schwachstellen:
- Zu generisch: „männlich, 35–55, technikaffin“ – ohne echten Erkenntnisgewinn
- Ohne Datenbasis: im Workshop „erfunden“, ohne Kundenkontakt
- Zu viele Personas: 10–15 Profile, die niemand mehr nutzt
- Kein klarer Einsatzzweck: schöne Poster, aber keine Verbindung zu Backlog, Content oder Roadmap
- Nicht gepflegt: nach dem initialen Projekt nie wieder aktualisiert
Eine einfache Prüffrage:
Treffen Teams tatsächlich andere Entscheidungen, weil sie mit Personas arbeiten?
Wenn nicht, sind die Personas entweder ungeeignet oder nicht richtig verankert.
Schritt-für-Schritt: Personas erstellen
1. Ziele und Rahmen definieren
Bevor Sie Personas erstellen, klären Sie:
- Für welches Projekt oder Produkt werden die Personas benötigt?
- Welche Entscheidungen sollen sie beeinflussen (z. B. Funktionsumfang, UX-Design, Vertriebsansprache)?
- Welche Regionen / Märkte sind relevant?
- Welche Rollen müssen unbedingt abgedeckt werden (z. B. Entscheider, Anwender, IT)?
Ein klarer Rahmen verhindert, dass Sie sich in zu vielen Varianten verlieren.
2. Datenbasis aufbauen
Kombinieren Sie quantitative und qualitative Daten:
Quantitative Quellen:
- CRM-Daten (Branchen, Unternehmensgrößen, Rollen)
- Web-Analytics (Seitenpfade, Suchbegriffe, Conversion-Pfade)
- Support-Tickets, Chat-Logs, NPS-Befragungen
Qualitative Quellen:
- Tiefeninterviews mit Kunden, Nutzern, Interessenten
- Gespräche mit Vertrieb, Service, Consultants, Support
- Beobachtungen / Shadowing im Arbeitsalltag
- Usability-Tests, Feedback aus Pilotprojekten
Ziel ist, reale Muster zu erkennen: Welche Rollen verhalten sich ähnlich, haben vergleichbare Ziele und ähnliche Hürden?
3. Muster erkennen und Persona-Cluster bilden
Analysieren Sie Ihre Daten auf wiederkehrende Muster:
- Wiederkehrende Rollen und Funktionen
- Typische Ziele, KPIs und Verantwortlichkeiten
- Ähnliche Entscheidungswege (z. B. stark formalisiert vs. pragmatisch)
- Gemeinsame Schmerzpunkte und Risiken
Gruppieren Sie diese Muster zu 3–5 Kern-Personas, z. B.:
- „Kostenorientierter CFO im Mittelstand“
- „Innovationsgetriebener IT-Leiter im Konzern“
- „Zeitknapper Projektmanager im Engineering“
- „Service-Techniker im Außendienst“
4. Persona-Profile strukturieren
Ein praxistaugliches Persona-Template kann u. a. folgende Elemente enthalten:
- Name und Kurzbeschreibung
- z. B. „Sabine Keller, Leiterin Finanz- und Rechnungswesen“
- Rolle & Kontext
- Verantwortungsbereich, Teamgröße, Branche, typische Projekte
- Ziele & KPIs
- Was will diese Persona erreichen? Woran wird sie gemessen?
- Herausforderungen & Schmerzpunkte
- Wo treten Engpässe, Risiken, Frust auf?
- Entscheidungslogik
- Wichtigste Kriterien, Bedenken, Trigger, No-Gos
- Informationsverhalten
- Bevorzugte Kanäle, Formate, interne/externe Quellen
- Beispiele & Zitate
- Typische Aussagen aus Interviews („Ich habe keine Kapazität für komplexe Einführungen.“)
- Bezug zu Ihrem Angebot
- Wie hilft Ihre Lösung konkret? Welche Use Cases sind relevant?
Wichtig: Halten Sie die Persona konkret, aber nicht überladen. Alles, was nicht handlungsleitend ist, kann wegfallen.
5. Personas priorisieren
Nicht jede Persona ist gleich wichtig. Differenzieren Sie:
- Primäre Personas
- Stehen im Zentrum von Entwicklung und Kommunikation.
- Sekundäre Personas
- Werden berücksichtigt, aber nicht in jeder Entscheidung priorisiert.
- Rand-Personas
- Haben geringe Relevanz im aktuellen Projekt, können später wichtig werden.
So vermeiden Sie, dass sich Teams in Randfällen verlieren.
6. Validierung & Abgleich
Überprüfen Sie Ihre Personas systematisch:
- mit Kunden und Nutzern (z. B. in Interviews oder Feedback-Sessions)
- mit Sales, Service, Consultants („Erkennen Sie Ihre Kunden darin wieder?“)
- mit Daten (passen Nutzungs- oder Verkaufszahlen zum Bild?)
Anschließend justieren Sie Formulierungen, Gewichtungen und ggf. die Anzahl der Personas.
7. Verankerung im Alltag
Personas sind nur dann wertvoll, wenn sie in Prozessen und Artefakten auftauchen:
- In User Stories („Als [Persona] möchte ich …, um …“)
- In Priorisierungs-Workshops („Welche Persona profitiert am stärksten?“)
- In Content-Planung (Themen, Formate, Kanäle je Persona)
- In Schulungen und Change-Kommunikation (Wer braucht welche Botschaft?)
Sichtbare Artefakte (Poster, Miro-Boards, Intranet-Seiten) helfen, die Persona-Methode dauerhaft zu verankern.
Praxisbeispiel 1: SaaS-Lösung für Projektmanagement
Ein Anbieter von Projektmanagement-Software fokussiert zunächst auf eine generische „Projektleiter“-Zielgruppe. Die Nutzung bleibt hinter den Erwartungen zurück.
Nach einer strukturierten Persona-Analyse entstehen u. a.:
- „Strategischer PMO-Leiter“ (Fokus: Portfoliotransparenz, Standardisierung, Governance)
- „Operativer Projektmanager“ (Fokus: Übersicht, Ressourcen, Kommunikation)
- „Teammitglied im Projekt“ (Fokus: einfache To-do-Steuerung, klare Prioritäten)
Konsequenzen:
- Das Produktteam trennt Executive Dashboards (für PMO-Leiter) von operativen Boards.
- Onboarding-Mails und Hilfetexte werden je Persona angepasst.
- Im Vertrieb werden Demos auf die jeweilige Persona zugeschnitten.
Ergebnis: Höhere Aktivierungsraten und weniger Supportaufwand im Onboarding.
Praxisbeispiel 2: Maschinenbau – Servicegeschäft ausbauen
Ein Maschinenbauer möchte sein Servicegeschäft (Wartungsverträge, Remote Services) ausbauen. Bisher richtet sich Kommunikation allgemein an „Kunden im After Sales“.
Nach Interviews entstehen:
- „Werksleiter in Schichtproduktion“
- Ziel: Maximale Anlagenverfügbarkeit, stabile Schichten, planbare Wartungsfenster
- Bedenken: Produktionsausfälle, Störungen im Schichtplan
- „Leiter Instandhaltung“
- Ziel: Vorausschauende Wartung, klare Tickets, wenig Feuerwehreinsätze
- Bedenken: Unübersichtliche Tools, mangelnde Datenqualität
Die Serviceangebote werden entsprechend umgebaut:
- Persona-spezifische Argumentationen (Kosten vs. Risiko, Einfachheit vs. Kontrolle)
- Unterschiedliche Präsentationen und Gesprächsleitfäden für Vertrieb
- Überarbeitete Dashboards, die die wichtigsten KPIs je Persona zeigen
Personas im Projektalltag nutzen: konkrete Einsatzfelder
1. Anforderungsmanagement & Backlog
- User Stories mit klarer Persona-Zuordnung
- Priorisierung von Epics und Features nach Persona-Nutzen
- Ableitung von Akzeptanzkriterien aus den Zielen der Persona
2. UX- und Service-Design
- Nutzungsszenarien aus Sicht einer konkreten Persona
- Customer- bzw. User Journeys je Persona (Touchpoints, Emotionen, Hürden)
- Usability-Tests mit Teilnehmenden, die der Persona möglichst nahekommen
3. Content- und Kommunikationsstrategie
- Themenplanung nach Persona-Fragen („Was will diese Rolle wissen?“)
- Aufbereitung in passenden Formaten (Executive Summary, Whitepaper, Tutorials, Webinare)
- Persona-spezifische Landingpages oder Bereiche im Kundenportal
4. Vertrieb & Account Management
- Persona-Profile im CRM verknüpfen (Rollen, Einwände, Trigger)
- Sales-Unterlagen (Präsentationen, One-Pager) je Hauptpersona
- Schulungen für Vertriebsteams: Welche Persona entscheidet in welcher Phase?
5. Change-Management und Schulung
Gerade bei internen IT- oder Prozessprojekten sind Personas hilfreich:
- Kommunikationspläne pro Persona (Botschaften, Kanäle, Frequenz)
- Trainingskonzepte abgestimmt auf Vorkenntnisse und Nutzungsszenarien
- Stakeholder-Management mit klaren Persona-Profilen (z. B. kritische Influencer)
Häufige Fragen zu Personas
Wie viele Personas sind sinnvoll?
In den meisten Projekten reichen 3–5 Kern-Personas:
- genug Differenzierung, um relevante Unterschiede abzubilden
- gleichzeitig noch überschaubar, damit Teams sie im Alltag nutzen
Für große Organisationen können ergänzende Sub-Personas sinnvoll sein, sollten aber klar priorisiert werden.
Wie detailliert müssen Personas sein?
So detailliert wie nötig, so schlank wie möglich.
Alles, was Entscheidungen nicht beeinflusst, kann weggelassen werden. Relevanter als Alter oder Hobbys sind:
- Ziele, KPIs, Verantwortlichkeiten
- Entscheidungslogik und Bedenken
- Arbeitskontext, Prozesse, Tools
Wie oft sollten Personas aktualisiert werden?
Personas sind Hypothesen, keine statischen Wahrheiten. Ein pragmatischer Rhythmus:
- Review alle 12–24 Monate
- Anlassbezogene Updates bei Marktveränderungen, neuen Produktlinien oder strategischen Neuausrichtungen
- Kontinuierliches Feintuning auf Basis von Nutzungsdaten und Vertriebserfahrung
Was ist der Unterschied zwischen Zielgruppen und Personas?
- Zielgruppen beschreiben Segmente auf aggregierter Ebene
- z. B. „CIOs in Unternehmen 500–5.000 Mitarbeiter, DACH, produzierendes Gewerbe“
- Personas übersetzen diese Segmente in konkrete Personenbilder
- mit Namen, Zielen, Herausforderungen, Verhaltensmustern und Kontext
Zielgruppen helfen beim Marktverständnis, Personas beim konkreten Entscheiden und Gestalten.
Checkliste: Persona-Projekt im Unternehmen aufsetzen
Eine kompakte Checkliste für Ihr nächstes Persona-Vorhaben:
- Zweck klären
- Welche Entscheidungen sollen mit Personas besser getroffen werden?
- Scope definieren
- Produkt / Service / Projekt, Märkte, Sprachen, Rollen
- Datenquellen identifizieren
- CRM, Analytics, Support, Vertrieb, Nutzerforschung
- Interviews planen und durchführen
- Kunden, Nutzer, interne Experten
- Muster analysieren und 3–5 Kern-Personas bilden
- Persona-Templates ausarbeiten und visualisieren
- Validierung mit Stakeholdern und ggf. Kunden
- Nutzung in Prozessen verankern
- Backlog, Journeys, Content, Sales, Change
- Governance und Pflege festlegen
- Verantwortlichkeiten, Reviewzyklen, Versionierung
Unterstützung bei der Einführung von Personas
Personas entfalten ihre Wirkung erst dann voll, wenn sie systematisch erhoben, sauber dokumentiert und in Ihren Prozessen verankert werden. Gerade in komplexen B2B-Umfeldern lohnt sich ein strukturiertes Vorgehen mit externer Begleitung:
- Moderation von Persona-Workshops mit Fachbereich, IT, Vertrieb und Management
- Durchführung oder Konzeption von Kunden- und Nutzerinterviews
- Entwicklung praxistauglicher Persona-Templates und Entscheidungsleitlinien
- Verknüpfung der Personas mit Roadmap, Backlog, Content-Strategie und Sales-Prozessen
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen Personas professionell einführen oder bestehende Profile schärfen möchten, unterstützt PURE Consultant Sie dabei, ein robustes Fundament zu legen – von der Datenerhebung über die Moderation bis hin zur Verankerung in Ihren Projekten.