Stakeholder identifizieren & priorisieren

Stakeholder identifizieren & priorisieren – Wer komplexe Projekte, Produkte oder Veränderungen erfolgreich umsetzen möchte, kommt um ein professionelles Stakeholder-Management nicht herum. Denn jede Entscheidung berührt Menschen oder Organisationen, die Erwartungen haben, Einfluss ausüben und im Zweifel den Projekterfolg massiv beschleunigen oder blockieren können.
Damit Sie diese Dynamik beherrschen, anstatt von ihr überrascht zu werden, brauchen Sie einen strukturierten Ansatz, um Stakeholder zu identifizieren und zu priorisieren.

In diesem Fachartikel erfahren Sie Schritt für Schritt, wie Sie:

Stakeholder identifizieren & priorisieren
Stakeholder identifizieren & priorisieren

1. Was sind Stakeholder – und warum sind sie so wichtig?

Stakeholder sind alle Personen oder Organisationen, die ein berechtigtes Interesse an Ihrem Projekt, Ihrer Initiative oder Ihrem Unternehmen haben – oder von den Ergebnissen betroffen sind. Dazu gehören typischerweise:

Wichtig ist: Stakeholder sind nicht nur „Mitwisser“, sondern Akteure mit Einfluss. Sie können Ressourcen bereitstellen, Entscheidungen treffen, Stimmung machen – oder Widerstand organisieren. Deshalb sollten Sie sie nicht erst dann ernst nehmen, wenn Probleme auftauchen, sondern bewusst von Anfang an.

Stakeholder-Management verfolgt im Kern drei Ziele:

  1. Risiken früh erkennen (z. B. Widerstände, Zielkonflikte, Interessenkonflikte)
  2. Chancen nutzen (z. B. Unterstützer, Multiplikatoren, zusätzliche Ressourcen)
  3. Akzeptanz und Tragfähigkeit von Entscheidungen erhöhen

Je früher Sie diese Perspektiven aufnehmen, desto eher gelingt ein tragfähiges, strategisch abgestimmtes Vorgehen.


2. Warum eine systematische Stakeholder-Analyse entscheidend ist

Viele Projekte scheitern nicht an der fachlichen Lösung, sondern an den Menschen drumherum. Typische Symptome sind:

Eine strukturierte Stakeholder-Analyse hilft Ihnen deshalb, Klarheit zu schaffen:

Gerade weil Projekte häufig komplex sind und viele Schnittstellen haben, brauchen Sie ein methodisches Vorgehen – und nicht nur Bauchgefühl.


3. Schritt 1: Stakeholder systematisch identifizieren

Am Anfang steht immer die einfache, aber zentrale Frage: Wer sind unsere Stakeholder?
Obwohl die Frage simpel wirkt, übersehen Teams in der Praxis regelmäßig kritische Gruppen, weil sie zu schnell in die Lösung springen oder nur an die „üblichen Verdächtigen“ denken.

3.1 Informationsquellen nutzen

Nutzen Sie mehrere Perspektiven, damit Ihre Liste wirklich vollständig wird:

Kombinieren Sie diese Quellen, denn genau dadurch entsteht ein deutlich vollständigeres Bild.

3.2 Stakeholder-Kategorien bilden

Es hilft, Stakeholder zunächst grob zu clustern, bevor Sie ins Detail gehen. Typische Kategorien:

Ordnen Sie konkrete Personen oder Gruppen zunächst diesen Kategorien zu und verfeinern Sie dann nach und nach.

3.3 Praktische Methoden zur Stakeholder-Identifikation

Damit Sie nicht im Theoretischen bleiben, nutzen Sie einfache, aber wirksame Methoden:

Am Ende dieses Schritts sollten Sie eine erste vollständige Liste aller relevanten Stakeholder besitzen – idealerweise dokumentiert in einer Tabelle oder einem Stakeholder-Register.


4. Schritt 2: Stakeholder analysieren

Nachdem Sie eine Liste erstellt haben, geht es um die Frage: Wie wichtig ist welcher Stakeholder für das Gelingen des Vorhabens?
Dafür betrachten Sie mehrere Dimensionen, die Sie systematisch erfassen sollten.

4.1 Zentrale Bewertungskriterien

Bewährt haben sich unter anderem diese Kriterien:

Je nach Projektkontext können Sie weitere Kriterien ergänzen, etwa Reputationswirkung, Innovationskraft oder Umsetzungsverantwortung.

4.2 Die Power-Interest-Matrix als Kerninstrument

Ein sehr verbreitetes und in der Praxis gut handhabbares Werkzeug ist die Power-Interest-Matrix (Macht-Interessen-Matrix).
Sie ordnen dabei jeden Stakeholder in ein Raster mit zwei Achsen ein:

Daraus entstehen vier Quadranten:

  1. Hohe Macht, hohes Interesse – „Schlüsselakteure“
    • Beispiele: Projekt-Sponsor, Top-Management, starke Fachbereiche
    • Rolle: kritisch für Erfolg oder Misserfolg
    • Umgang: eng einbinden, aktiv managen, frühzeitig informieren
  2. Hohe Macht, geringes Interesse – „Latente Mächtige“
    • Beispiele: übergeordnete Vorstände, zentrale Stabsstellen
    • Rolle: können Projekt stoppen oder stark beeinflussen, interessieren sich aber nicht von selbst
    • Umgang: gezielt informieren, Bewusstsein schaffen, bei Bedarf aktivieren
  3. Geringe Macht, hohes Interesse – „Betroffene & Multiplikatoren“
    • Beispiele: viele operative Mitarbeitende, einzelne Nutzergruppen
    • Rolle: prägen Akzeptanz, Nutzung und Umsetzbarkeit
    • Umgang: beteiligen, Feedback einholen, als Botschafter gewinnen
  4. Geringe Macht, geringes Interesse – „Beobachter“
    • Beispiele: weit entfernte Fachbereiche, entfernte externe Gruppen
    • Rolle: aktuell wenig relevant, können aber später wichtiger werden
    • Umgang: beobachten, bei Bedarf Informationen bereitstellen

Indem Sie Stakeholder in diese Matrix einsortieren, schaffen Sie eine belastbare Grundlage für die spätere Priorisierung.


5. Schritt 3: Stakeholder priorisieren

Nun geht es darum, aus der Analyse konkrete Prioritäten abzuleiten. Nicht jeder Stakeholder erhält die gleiche Aufmerksamkeit, und genau deshalb brauchen Sie eine klare Linie.

5.1 Segmentierung nach Wichtigkeit

Typischerweise bieten sich drei Prioritätsstufen an:

Treffen Sie diese Einteilung bewusst im Projektteam und dokumentieren Sie, warum ein Stakeholder in eine bestimmte Kategorie fällt. Dadurch bleiben Ihre Entscheidungen später nachvollziehbar und diskutierbar.

5.2 Scoring-Modell zur Feinpriorisierung

Wenn Sie in größeren Programmen arbeiten oder sehr viele Stakeholder haben, hilft ein einfaches Scoring-Modell:

  1. Definieren Sie 3–5 Kriterien (z. B. Macht, Interesse, Einstellung, Expertise).
  2. Bewerten Sie jedes Kriterium auf einer Skala, etwa von 1 (niedrig) bis 5 (hoch).
  3. Summieren oder gewichten Sie die Punkte.
  4. Ordnen Sie Stakeholder anhand der Punktzahl in Prioritätsklassen ein.

Ein solches Modell schafft Transparenz und unterstützt Sie dabei, Diskussionen im Steering Committee oder mit Sponsoren auf eine sachliche Basis zu stellen.


6. Schritt 4: Strategien für priorisierte Stakeholder ableiten

Die Priorisierung hat nur dann echten Wert, wenn Sie daraus konkrete Maßnahmen ableiten. Deshalb verknüpfen Sie die Analyse nun mit Ihrem Kommunikations- und Change-Management.

6.1 Strategien je Stakeholder-Gruppe

Angelehnt an die Power-Interest-Matrix bieten sich typische Strategien an:

So stellen Sie sicher, dass Sie Ihre begrenzten Ressourcen dort einsetzen, wo der Hebel am größten ist.

6.2 Geeignete Kommunikationskanäle wählen

Neben der inhaltlichen Strategie ist die Wahl der Kanäle entscheidend. Sie kombinieren im Idealfall mehrere Formate:

Entscheidend ist, dass Sie Zielgruppe, Botschaft und Kanal bewusst miteinander verknüpfen, statt nur „irgendetwas“ zu kommunizieren.


7. Typische Fehler beim Stakeholder-Management – und wie Sie sie vermeiden

Auch erfahrene Projektteams tappen immer wieder in ähnliche Fallen. Wenn Sie diese Fallstricke kennen, können Sie sie gezielt umgehen.

Häufige Fehler:

Best Practices dagegen:


8. Praxisbeispiel (vereinfacht)

Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das ein neues ERP-System einführt. Auf den ersten Blick erscheinen die IT-Abteilung und das Finanzwesen als Hauptstakeholder. Wenn Sie jedoch genauer hinsehen, erkennen Sie schnell weitere Gruppen:

Wenn Sie nun eine Power-Interest-Matrix anwenden, erkennen Sie etwa:

Darauf aufbauend planen Sie zum Beispiel:

So sorgen Sie dafür, dass Sie nicht nur ein System technisch einführen, sondern eine tragfähige Lösung mit breiter Akzeptanz etablieren.


9. Fazit Stakeholder identifizieren & priorisieren: Stakeholder-Management ist Chefsache – und Teamaufgabe zugleich

Stakeholder zu identifizieren und zu priorisieren ist keine bürokratische Pflichtübung, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor für Projekte und Veränderungsvorhaben.
Wenn Sie konsequent vorgehen, gewinnen Sie:

Nutzen Sie dazu einen strukturierten Prozess:

  1. Stakeholder umfassend identifizieren
  2. Relevanz und Einfluss analysieren
  3. Gruppen nach Wichtigkeit priorisieren
  4. Passende Strategien und Kanäle ableiten
  5. Die Analyse regelmäßig aktualisieren

Auf diese Weise erhöhen Sie nicht nur die Erfolgschancen Ihres Vorhabens, sondern stärken auch Vertrauen, Transparenz und Zusammenarbeit in Ihrer Organisation – und genau das zahlt langfristig auf Ihre gesamte Unternehmensentwicklung ein.

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