Delphi vs. Brainstorming – In vielen Unternehmen ist klar, dass wichtige Entscheidungen nicht mehr allein „aus dem Bauch heraus“ getroffen werden können. Gleichzeitig fehlt oft die passende Methode, um Wissen aus Teams und Experten systematisch zu nutzen. Spätestens bei komplexen Projekten, strategischen Fragen oder Risikoanalysen taucht deshalb ein wiederkehrendes Thema auf: Nutzen wir Brainstorming – oder ist die Delphi-Methode sinnvoller?
Der folgende Beitrag zeigt kompakt und praxisnah, wie sich beide Ansätze unterscheiden, wann welche Methode überzeugt und wie Sie Delphi und Brainstorming im Projekt- und Managementalltag gezielt einsetzen.

Warum der Vergleich „Delphi vs. Brainstorming“ für Entscheider relevant ist
Sowohl Brainstorming als auch die Delphi-Methode sind bewährte Werkzeuge, um Wissen zu bündeln und bessere Entscheidungen vorzubereiten. Dennoch verfolgen sie unterschiedliche Logiken:
- Brainstorming: schnelle, offene Ideensammlung in einer Gruppe
- Delphi-Methode: strukturierte, mehrstufige Expertenbefragung mit anonymem Feedback
Für Projektleiter, Product Owner, Bereichsleiter und andere Entscheider ist wichtig zu verstehen:
- Welche Methode passt zu welchem Problem?
- Wie unterscheiden sich Aufwand, Tiefe und Ergebnisqualität?
- Wie lassen sich beide Ansätze kombinieren, statt sie gegeneinander zu stellen?
Was ist Brainstorming? Kurzer Überblick
Brainstorming ist eine moderierte Gruppenmethode zur schnellen Ideensammlung ohne Bewertung in der ersten Phase.
Typische Merkmale:
- 4–12 Teilnehmende, häufig ein Team oder Projektgruppe
- offene, spontane Beiträge („laut denken“)
- zunächst keine Kritik oder Bewertung
- anschließend Clustern, Verdichten und Priorisieren der Ideen
Häufige Varianten:
- Klassisches Brainstorming: Ideen mündlich sammeln, Moderator dokumentiert
- Brainwriting (z. B. 6-3-5-Methode): Ideen schriftlich, oft anonym
- Brainstorming im Remote-Workshop: digitale Whiteboards, Online-Moderation
- Silent Brainstorming: stille Ideensammlung, erst danach Austausch
Brainstorming eignet sich besonders für:
- neue Produkt- oder Service-Ideen
- Verbesserungen bestehender Prozesse
- schnelle Lösungsfindung in frühen Projektphasen
- Kick-off-Workshops und Innovationsrunden
Was ist die Delphi-Methode? Kurz erklärt
Die Delphi-Methode ist ein mehrstufiges Verfahren, bei dem eine Gruppe von Experten anonym befragt wird, um schrittweise zu einem fundierten, oft konsensnahen Urteil zu gelangen.
Kernprinzipien:
- anonyme Befragung von Experten (kein direkter Austausch)
- mehrere Runden (Iterationen) mit Feedback zu den vorigen Ergebnissen
- strukturierte Fragebögen statt offener Diskussion
- statistische Auswertung (z. B. Median, Streuung der Bewertungen)
Typische Einsatzfelder der Delphi-Methode:
- Prognosen (Marktentwicklung, Technologietrends, Nachfrageentwicklung)
- Risikoanalysen und Szenarien in Projekten und Programmen
- Bewertung von Maßnahmenportfolios
- Strategie- und Roadmap-Entwicklung in Management und IT
Im Unterschied zum Brainstorming liegt der Fokus weniger auf Kreativität im Sinne „viele neue Ideen“, sondern auf Qualität, Begründung und Annäherung an ein tragfähiges Urteil.
Delphi vs. Brainstorming: Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einen Blick
Gemeinsamkeiten
- nutzen Gruppenwissen („Wisdom of the Crowd“ bzw. „Wisdom of Experts“)
- strukturieren Entscheidungs- und Ideensituationen
- brauchen klare Fragestellungen und eine kompetente Moderation/Koordination
- lassen sich gut mit anderen Methoden kombinieren (z. B. SWOT, Priorisierungsmatrizen)
Zentrale Unterschiede
- Zielsetzung
- Brainstorming: möglichst viele Ideen generieren
- Delphi: fundierte Einschätzungen, Prognosen und Bewertungen gewinnen
- Teilnehmerkreis
- Brainstorming: meist internes Team, gemischte Rollen
- Delphi: bewusst ausgewählte Fachexperten, oft auch externe
- Interaktion
- Brainstorming: direkte Diskussion, mündlicher Austausch
- Delphi: kein direkter Austausch, Kommunikation über Fragebögen / Online-Tools
- Anonymität
- Brainstorming: Beiträge sind sichtbar zuordenbar
- Delphi: Beiträge und Bewertungen bleiben anonym, reduziert Hierarchiedruck
- Zeitaufwand
- Brainstorming: typischerweise 60–120 Minuten
- Delphi: mehrere Tage bis Wochen (mehrere Runden)
- Ergebnisform
- Brainstorming: Ideenliste, Hypothesen, Themencluster
- Delphi: konsolidierte Einschätzungen, Szenarien, Wahrscheinlichkeiten
- Eignung für komplexe Entscheidungen
- Brainstorming: gut für Problemverständnis und Lösungsansätze
- Delphi: stark bei unsicheren, langfristigen oder politisch sensiblen Entscheidungen
Wann Brainstorming die bessere Wahl ist
Brainstorming spielt seine Stärken vor allem dann aus, wenn Schnelligkeit, Beteiligung und Kreativität im Vordergrund stehen.
Typische Situationen
- Start eines neuen Projekts oder Produkts
- Suche nach Alternativen („Welche Lösungswege sehen wir?“)
- Verbesserung bestehender Prozesse oder Services
- Fehlersuche („Was kann die Ursache dieses Problems sein?“)
- Vorbereitung eines Entscheidungs-Workshops (Themensammlung)
Vorteile von Brainstorming
- geringer organisatorischer Aufwand
- hohe Beteiligung – Teammitglieder fühlen sich gehört
- gute Eignung für Workshops (Präsenz und remote)
- einfach zu erklären, auch ohne Methoden-Hintergrund
- fördert Teamdynamik und gemeinsame Problemperspektive
Typische Stolpersteine
- Dominanz starker Persönlichkeiten („Lauteste setzt sich durch“)
- Hierarchieeffekte: Führungskräfte beeinflussen Beiträge
- Tendenz zu „naheliegenden“ Ideen, wenig Tiefgang
- Ideensammlung ohne konsequente Priorisierung und Umsetzung
Wer Brainstorming im Projektmanagement einsetzt, sollte deshalb Moderation, klare Regeln und eine saubere Nachbereitung sehr ernst nehmen.
Wann die Delphi-Methode Brainstorming überlegen ist
Die Delphi-Methode lohnt sich immer dann, wenn Unsicherheit hoch, Entscheidungsdruck groß und die Auswirkungen langfristig sind.
Typische Situationen
- Bewertung strategischer Optionen (z. B. neue Märkte, Technologiepfade)
- Roadmap-Planung in IT und Digitalisierung
- Risiko- und Chancenbewertung großer Investitionsprojekte
- Einschätzung von regulatorischen Entwicklungen
- Szenarioplanung („Wie entwickelt sich unser Markt bis 2030?“)
Vorteile der Delphi-Methode
- anonyme Beiträge reduzieren politische und hierarchische Effekte
- mehrere Runden erlauben Reflexion und Korrektur voreiliger Urteile
- strukturierte Erhebung führt zu vergleichbaren, auswertbaren Daten
- mündige Experten begründen ihre Einschätzungen, nicht nur Bauchgefühl
- gut kombinierbar mit Szenario-Technik, Portfolioanalyse, Risikomatrizen
Herausforderungen
- höherer Aufwand in Planung, Durchführung und Auswertung
- benötigt methodische Kompetenz und Ressourcen
- erfordert sorgfältige Auswahl der Experten
- nicht sinnvoll für triviale oder sehr kurzfristige Fragestellungen
Kurz gesagt: Je komplexer und langfristiger die Entscheidung, desto eher spricht „Delphi vs. Brainstorming“ für Delphi.
Praxisbeispiele: Wie Delphi und Brainstorming im Unternehmen zusammenspielen können
Beispiel 1: Produktstrategie im B2B
- Brainstorming im Kernteam
- Ziel: Identifikation möglicher Kundensegmente, Use Cases, Mehrwerte
- Ergebnis: Ideenspeicher mit möglichen Produktfeatures, Preismodellen, Go-to-Market-Ansätzen
- Delphi-Befragung mit internen und externen Experten
- Ziel: Einschätzung von Marktattraktivität, Umsetzbarkeit und Risiken
- Ergebnis: priorisierte Szenarien, z. B. „Segment A in 3 Jahren mit hoher Nachfrage, mittlerem Risiko“
So lassen sich breite Kreativität (Brainstorming) mit tiefer, faktenbasierter Bewertung (Delphi-Methode) verbinden.
Beispiel 2: IT-Strategie und Technologie-Roadmap
- Brainstorming mit IT-Leitung, Enterprise-Architekten und Business-Vertretern:
- Welche Technologien sind in den nächsten 5 Jahren für uns relevant?
- Welche Legacy-Systeme müssen mittelfristig abgelöst werden?
- Delphi-Verfahren mit ausgewählten Experten aus IT, Fachbereichen und ggf. externen Spezialisten:
- Wie schätzen Sie Reifegrad, Risiken, Integrationsaufwand und Nutzen der Top-Technologien ein?
- Welche Migrationsszenarien halten Sie für realistisch?
Ergebnis: eine priorisierte Technologie-Roadmap, abgestützt durch mehrfach reflektierte Experteneinschätzungen.
Beispiel 3: Organisationsentwicklung und Change
- Brainstorming mit Führungskräften: Welche Veränderungsfelder sehen wir im Unternehmen?
- Brainstorming mit Mitarbeitenden (oder anonymes Brainwriting): Wo erleben Sie Hindernisse im Alltag?
- Delphi-Befragung mit Schlüsselpersonen aus verschiedenen Bereichen: Wie bewerten Sie Wirksamkeit und Akzeptanz möglicher Change-Maßnahmen?
So entsteht ein abgestütztes Bild der Organisation, das weit über ein einzelnes Stimmungsbild hinausgeht.
Schritt-für-Schritt: Ein wirkungsvolles Brainstorming aufsetzen
Damit Brainstorming nicht bei „bunten Kärtchen“ stehenbleibt, hilft ein klarer Ablauf:
- Fragestellung schärfen
- Konkrete, fokussierte Frage formulieren
- Beispiel: „Welche Maßnahmen können wir ergreifen, um die Durchlaufzeit im Onboarding um 30 % zu senken?“
- Rahmen definieren
- Teilnehmerkreis bewusst wählen (Fachwissen + Perspektivenvielfalt)
- Zeitbox festlegen (z. B. 60–90 Minuten)
- Regeln erklären: keine Bewertung in Phase 1, kein Unterbrechen, kein „Ja, aber…“
- Ideenphase (Divergenz)
- schnelle Sammlung ohne Diskussion, ggf. in Runden
- Nutzung von Techniken: Brainwriting, stille Phase, Impulsfragen
- alles sichtbar dokumentieren (Whiteboard, Miro, Flipchart)
- Strukturierung (Clustern)
- ähnliche Ideen zusammenfassen
- Cluster benennen (z. B. „Prozess“, „Rollen“, „Tools“, „Kunde“)
- Bewertung und Priorisierung
- z. B. mit Impact/Effort-Matrix, Dot-Voting, MoSCoW
- klare nächste Schritte für die Top-Ideen definieren
- Nachbereitung sichern
- Ergebnisse dokumentieren und verteilen
- Verantwortlichkeiten und Zeitplan für weitere Analyse / Umsetzung festlegen
So wird Brainstorming vom „Kreativritual“ zur konkreten Vorbereitung von Entscheidungen und Maßnahmen.
Schritt-für-Schritt: Eine Delphi-Befragung planen und durchführen
Eine Delphi-Studie ist anspruchsvoller, aber bei guter Planung ein sehr wirkungsvolles Instrument.
- Ziel und Leitfragen definieren
- Welche Entscheidung soll vorbereitet werden?
- Beispiele: „Wie wahrscheinlich ist eine Markteinführung von Technologie X bis 2029?“
- „Welche Transformationsrisiken sind für unser Programm am kritischsten?“
- Expertengruppe auswählen
- 10–30 Personen, abhängig vom Thema
- Mischung aus internen und externen Fachleuten, wenn möglich
- klare Kriterien: Erfahrung, Rollen, Fachgebiete
- Erste Runde: Explorative Befragung
- eher offene oder halboffene Fragen
- Ziel: Themenbreite, relevante Einflussfaktoren und erste Einschätzungen sammeln
- Auswertung: Kategorien bilden, Kennzahlen ableiten, Spannweiten sichtbar machen
- Zweite Runde: Strukturierte Bewertung
- auf Basis der ersten Runde quantitative und qualitative Fragen formulieren
- z. B. Skalen von 1–10, Szenario-Wahrscheinlichkeiten, Rangfolgen
- Ergebnisse der ersten Runde anonymisiert als Feedback zur Verfügung stellen
- Dritte Runde (optional, aber oft sinnvoll)
- Experten sehen aggregierte Ergebnisse und ggf. Argumente
- Möglichkeit zur Anpassung der eigenen Einschätzungen
- Ziel: Streuung verringern, Begründungen schärfen
- Auswertung und Aufbereitung
- statistische Kennzahlen (Median, Mittelwert, Verteilung)
- qualitative Kernargumente pro Option / Szenario
- Visualisierung: Szenariomatrizen, Risikoheatmaps, Roadmaps
- Verankerung in der Entscheidung
- Ergebnisse in Management- oder Lenkungsausschuss einbringen
- Klar machen: Delphi liefert informierte Einschätzungen, ersetzt aber nicht die Verantwortung der Entscheider
So wird die Delphi-Methode zu einer robusten Grundlage für strategische Entscheidungen, die sich transparent dokumentieren lässt.
Häufige Fragen zu „Delphi vs. Brainstorming“
Wann ist Brainstorming ausreichend?
Wenn das Problem überschaubar ist, rasch Ideen benötigt werden und das Team handlungsnah entscheiden kann, reicht meist ein gut moderiertes Brainstorming mit anschließender Priorisierung.
Wann ist die Delphi-Methode sinnvoller als Brainstorming?
Wenn es um langfristige Entwicklungen, größere Investitionen, kritische Risiken oder politisch sensible Entscheidungen geht – insbesondere, wenn Sie auf fundierte Experteneinschätzungen angewiesen sind, die nicht von Hierarchien beeinflusst werden sollen.
Kann man Brainstorming und Delphi kombinieren?
Ja. Häufig dient Brainstorming zur Themen- und Hypothesengenerierung, während die Delphi-Methode im Anschluss zur Bewertung und Verdichtung dieser Themen genutzt wird.
Wie viele Experten braucht eine Delphi-Studie?
Es gibt keine starre Regel. In der Praxis sind 10–30 Experten ein guter Richtwert, je nach Themenbreite und Verfügbarkeit kompetenter Personen.
Ist Brainstorming in hybriden oder Remote-Teams noch zeitgemäß?
Ja, sofern digitale Whiteboards und klare Moderation eingesetzt werden. Remote-Brainstorming kann sogar diversere Perspektiven einbinden, wenn Standorte und Zeitzonen berücksichtigt werden.
Entscheidungsleitfaden: Welche Methode passt zu Ihrem Vorhaben?
Eine pragmatische Orientierung für Entscheider kann so aussehen:
Nutzen Sie Brainstorming, wenn …
- Sie ein Problem erst einmal breit verstehen wollen
- viele Ideen in kurzer Zeit benötigt werden
- Team-Commitment und Beteiligung im Vordergrund stehen
- die Fragestellung operativ oder taktisch ist
- der Zeitrahmen eng ist (Stunden, nicht Wochen)
Nutzen Sie die Delphi-Methode, wenn …
- Sie Prognosen zu Märkten, Technologien oder Entwicklungen brauchen
- mehrere, teils widersprüchliche Expertenmeinungen vorliegen
- politische oder hierarchische Spannungen ein offenes Gespräch erschweren
- die Entscheidung langfristige finanzielle oder strategische Tragweite hat
- Dokumentation und Nachvollziehbarkeit wichtig sind (z. B. gegenüber Gremien)
Oft ist die beste Antwort auf „Delphi vs. Brainstorming“ keine Entweder-oder-Entscheidung, sondern eine sinnvolle Reihenfolge:
- Brainstorming zur Generierung von Optionen, Einflussfaktoren, Szenarien
- Delphi zur Bewertung, Gewichtung und Priorisierung der wichtigsten Optionen
Nächste Schritte für Ihr Unternehmen
Ob Sie ein PMO aufbauen, eine Transformations-Roadmap planen oder ein kritisches Investitionsprojekt vorbereiten: Die Wahl der richtigen Methode entscheidet mit darüber, wie belastbar Ihre Ergebnisse sind – und wie gut sich Entscheidungen gegenüber Stakeholdern vertreten lassen.
Wenn Sie intern bereits Brainstorming-Workshops durchführen, aber bei komplexeren Fragestellungen mehr Struktur und Tiefe benötigen, lohnt sich ein Blick auf die Delphi-Methode als Ergänzung in Ihrem Methodenbaukasten.
Falls Sie Unterstützung bei der Konzeption und Moderation von Brainstorming-Sessions, bei der Durchführung einer Delphi-Befragung oder beim Aufbau eines konsistenten Entscheidungsprozesses suchen, kann ein externer Sparringspartner wie die PURE Consultant helfen, Methodenkompetenz mit Projekterfahrung zu verbinden und die passenden Formate für Ihre Organisation zu entwickeln.