Delphi Methode: Leitfaden und Best Practice – Die Delphi Methode gehört zu den wirkungsvollsten Instrumenten, wenn es darum geht, fundierte Einschätzungen von Experten zu strukturieren: für Strategien, Technologien, Risiken oder Markttrends. Gerade in komplexen Projekten, in der Digitalisierung oder im Portfoliomanagement liefert sie belastbare Ergebnisse, wo Daten allein nicht ausreichen. In diesem Leitfaden erfahren Sie, was die Delphi-Methode ist, wie sie funktioniert und wie Sie sie in der Praxis so aufsetzen, dass Sie verlässliche Entscheidungsgrundlagen erhalten – ohne wissenschaftlichen Overkill, aber mit sauberem Vorgehen, klaren Schritten und konkreten Best Practices aus der Unternehmenspraxis.

Was ist die Delphi-Methode?
Die Delphi-Methode ist ein strukturiertes Befragungsverfahren, mit dem das Wissen mehrerer Experten zu einer Fragestellung schrittweise gebündelt wird.
Kernmerkmale:
- Mehrere Befragungsrunden mit denselben Experten
- Anonymität der Antworten (kein direkter Schlagabtausch)
- Standardisierter Fragebogen
- Zwischenfeedback nach jeder Runde (aggregierte Ergebnisse, z. B. Mittelwerte, Spannweiten, Kommentare)
- Schrittweise Annäherung der Einschätzungen auf eine nachvollziehbare Position
Ziel ist nicht zwangsläufig „Konsens um jeden Preis“, sondern eine transparente, begründete Einschätzung der Experten – oft genutzt für Prognosen, Priorisierungen und Szenarien.
Wofür eignet sich die Delphi-Methode?
Typische Einsatzfelder in Unternehmen und Projekten:
- Strategieentwicklung
- Einschätzung von Markt- und Branchentrends
- Relevanz neuer Geschäftsmodelle
- Technologie- und Innovationsmanagement
- Bewertung von Technologietrends
- Priorisierung von Innovationsideen und -projekten
- Risikomanagement
- Identifikation und Bewertung von Projektrisiken
- Ableitung von Maßnahmenprioritäten
- Projekt- und Portfoliomanagement
- Scoring von Projektideen
- Bewertung von Nutzen, Aufwand, Risiken aus verschiedenen Perspektiven
- Organisationsentwicklung
- Einschätzung von Change-Bereitschaft
- Bewertung künftiger Kompetenzanforderungen
Typische Fragen, bei denen die Delphi Methode besonders sinnvoll ist:
- „Mit welcher Wahrscheinlichkeit tritt Szenario X in den nächsten 5 Jahren ein?“
- „Wie hoch ist der Nutzen von Maßnahme Y für das Unternehmen – und warum?“
- „Welche Fähigkeiten werden in unserem Bereich bis 2030 erfolgskritisch sein?“
Immer dann, wenn harte Daten fehlen, Unsicherheit hoch ist und Expertenwissen verteilt vorliegt, ist die Delphi-Methode ein starkes Werkzeug.
Wie funktioniert die Delphi Methode? – Schritt-für-Schritt-Ablauf
1. Ziel und Fragestellung präzisieren
Ohne klare Fragestellung wird jede Delphi-Studie zur Meinungs-Sammlung ohne Nutzen.
Klären Sie:
- Was genau soll bewertet oder prognostiziert werden?
- Für wen werden die Ergebnisse aufbereitet (Vorstand, Bereichsleitung, Projektteam)?
- Welche Art von Ergebnis wird benötigt?
- z. B. Ranking, Prioritätenliste, Eintrittswahrscheinlichkeiten, Szenarien, Handlungsempfehlungen
- Zeithorizont der Betrachtung (1 Jahr, 5 Jahre, 10 Jahre)
Formulieren Sie 1–3 Leitfragen, z. B.:
- „Welche technologischen Entwicklungen werden unser Geschäftsmodell bis 2030 voraussichtlich am stärksten beeinflussen?“
- „Welche Risiken können die erfolgreiche Einführung von System X gefährden, und wie kritisch sind sie?“
2. Expertenpanel definieren und auswählen
Die Qualität der Delphi-Methode steht und fällt mit der Auswahl der Experten.
Worauf sollten Sie achten?
- Fachliche Tiefe UND Perspektivenvielfalt
- interne Fachexperten unterschiedlicher Bereiche
- ggf. externe Experten (Kunden, Partner, Wissenschaft)
- Erfahrungsniveau
- Kombination aus „alten Hasen“ und „neuen Köpfen“
- Unabhängigkeit
- keine Gruppe darf dominieren (z. B. nur Vertrieb oder nur IT)
- Verfügbarkeit
- realistische Einschätzung: Wer kann in 2–3 Runden verlässlich teilnehmen?
Praxisregel:
Für unternehmensinterne Delphi-Studien sind 10–25 Experten meist ausreichend. Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Repräsentativität der Sichtweisen.
3. Fragebogendesign: Die richtigen Fragen stellen
Der Fragebogen bildet das Rückgrat der gesamten Delphi-Befragung.
Best Practices für Fragen in der Delphi Methode:
- Klar und präzise formulieren
- Keine Doppel- oder Suggestivfragen
- Quantitative Skalen nutzen
- z. B. 1–9 Skalen für Eintrittswahrscheinlichkeit, Wirkung, Priorität
- Qualitative Begründungen zulassen
- kurze Freitextfelder: „Bitte begründen Sie Ihre Einschätzung“
- Begriffe definieren
- z. B. Zeithorizonte, was „hoch“ oder „kritisch“ konkret bedeutet
- Übersichtliche Struktur
- Themenblöcke: Trends, Risiken, Maßnahmen, Zeithorizont etc.
Beispiel für eine kombinierte Frage:
„Wie hoch schätzen Sie die Eintrittswahrscheinlichkeit von Risiko R in den nächsten 3 Jahren ein?
Skala 1 (sehr unwahrscheinlich) bis 9 (sehr wahrscheinlich).
Bitte begründen Sie Ihre Einschätzung in 2–3 Sätzen.“
4. Erste Runde: Individuelle Einschätzungen einholen
In der ersten Delphi-Runde beantworten alle Experten unabhängig und anonym denselben Fragebogen.
Wichtige Punkte:
- Nutzung eines Online-Tools (Survey-Tool, Formular, Delphi-Software)
- Klare Deadline setzen (z. B. 7–10 Tage)
- Den Experten im Vorfeld erklären:
- Ziel und Nutzen der Studie
- Ablauf der Runden
- Art der Rückmeldung (aggregierte Auswertung, keine Nennung von Namen)
Ergebnis der ersten Runde:
Sie erhalten eine Streubreite von Einschätzungen und Begründungen, die die Vielfalt der Meinungen sichtbar macht.
5. Auswertung und Feedback aufbereiten
Zwischen der ersten und zweiten Runde liegt die eigentliche analytische Arbeit.
Typische Auswertungselemente:
- Statistische Kennzahlen
- Mittelwert, Median, Spannweite
- Clusterung von Antworten
- z. B. Gruppen mit hoher vs. niedriger Einschätzung
- Auswahl aussagekräftiger Kommentare
- konträre Begründungen; typische Argumentationslinien
Ziel ist eine kompakte Rückmeldung, etwa nach dem Muster:
- „Für Item X liegen die Einschätzungen zwischen 2 und 9 (Mittelwert 6,5, Median 7).“
- „Hauptargumente für hohe Einschätzung: A, B, C.“
- „Hauptargumente für niedrige Einschätzung: D, E.“
Diese Rückmeldung dient als Grundlage für die zweite Runde.
6. Zweite (und ggf. weitere) Runde: Überdenken der Einschätzungen
In der zweiten Runde erhalten die Experten:
- ihre eigene Erst-Einschätzung
- die aggregierten Ergebnisse der Gruppe
- typische, anonymisierte Begründungen
Sie werden gebeten:
- ihre Einschätzung zu überprüfen (ggf. anzupassen)
- eine stärkere oder geringere Abweichung bewusst zu begründen
Dadurch entsteht ein Prozess des reflektierten Meinungsabgleichs:
- Experten erkennen, wenn sie Ausreißer sind
- sie erhalten neue Argumente der anderen
- ohne Gesichtsverlust können Einschätzungen angepasst werden
Oft reichen zwei bis drei Runden, um stabile Ergebnisse zu erreichen. Je mehr Runden, desto höher die Gefahr von Ermüdung und fallender Beteiligung.
7. Konsolidierung und Dokumentation der Ergebnisse
Am Ende der Delphi Methode steht nicht nur ein Zahlenwerk, sondern ein begründetes Bild:
- Wo gibt es hohe Übereinstimmung? (z. B. klare Trends, zentrale Risiken)
- Wo bleiben kontroverse Einschätzungen? (wertvoll als Risikohinweis)
- Welche Argumentationsmuster dominieren?
Bereiten Sie die Ergebnisse für Entscheider so auf, dass diese:
- zentrale Befunde auf einen Blick erfassen können (Charts, Heatmaps, Rankings)
- verstehen, warum die Experten so urteilen (Kernaussagen der Begründungen)
- konkrete Handlungsempfehlungen ableiten können
Best Practices für erfolgreiche Delphi-Studien
1. Anonymität konsequent sichern
- Keine Nennung von Namen oder Funktionen in den Ergebnisberichten pro Runde
- Keine Kleinstgruppen, in denen Antworten leicht zugeordnet werden können
- Kommunikation über neutrale Kanäle (keine „Reply all“-E-Mails mit Meinungsäußerungen)
Anonymität ist entscheidend, um Hierarchieeffekte und Gruppendruck zu vermeiden.
2. Klarer Zeitplan und schlanker Prozess
- Runden im Voraus planen (Start- und Endtermine)
- Fragebögen nicht überladen (lieber mehrere kurze als eine überlange Runde)
- Aufwand für Experten transparent machen (z. B. „je Runde ca. 20–30 Minuten“)
So sichern Sie eine hohe Beteiligungsquote und zuverlässige Ergebnisse.
3. Professionelle Moderation und Auswertung
Eine erfahrene Moderation sorgt dafür, dass:
- Fragen verständlich sind
- Auswertungen neutral bleiben
- keine Interpretation in eine gewünschte Richtung gedrückt wird
- auch Minderheitsmeinungen sichtbar bleiben
Gerade bei politisch sensiblen Themen (z. B. Standortentscheidungen, Reorganisationen) ist Neutralität entscheidend.
4. Klare Rückkopplung an die Praxis
Ein häufiger Fehler: Die Delphi Methode wird als „Studienprojekt“ durchgeführt, die Ergebnisse versanden in einer Schublade.
Stellen Sie sicher:
- Ergebnisse werden mit konkreten Entscheidungsanlässen verknüpft
- es gibt eine Verantwortung für die Umsetzung von Empfehlungen
- zentrale Erkenntnisse fließen in Strategie-, Portfolio- oder Projektentscheidungen ein
Varianten der Delphi Methode
Je nach Ziel und Rahmenbedingungen können unterschiedliche Delphi-Formate sinnvoll sein.
Klassische Delphi-Studie
- Mehrere klar getrennte Runden
- Auswertung zwischen den Runden
- Fokus auf Prognosen und Prioritäten
Geeignet für:
Strategieprozesse, Technologie-Roadmaps, Langfristprognosen.
Policy Delphi
- Ziel ist weniger Konsens, sondern das Aufzeigen kontroverser Positionen
- Wird oft in Politik, Regulierung, Unternehmensleitlinien genutzt
- Betonung von Argumenten und Alternativen, nicht nur Zahlenwerten
Geeignet für:
Grundsatzentscheidungen, Leitbildprozesse, Ethik- oder Compliance-Themen.
Online- bzw. Real-Time-Delphi
- Durchführung über spezialisierte Online-Plattformen
- Ergebnisse werden quasi in Echtzeit aggregiert und zurückgespielt
- Experten können ihre Einschätzungen sofort anpassen
Geeignet für:
Zeitkritische Fragestellungen, große verteilte Organisationen, internationale Panels.
Typische Fehler bei Delphi-Studien – und wie Sie sie vermeiden
1. Unklare oder zu breite Fragestellung
- Gegenmaßnahme: Schärfen Sie den Scope. Lieber mehrere gezielte Delphi-Runden als eine unscharfe „Alles-Frage“.
2. Zu homogene Expertenrunde
- Gegenmaßnahme: Frühzeitig Stakeholder-Analyse machen und gezielt unterschiedliche Perspektiven einbeziehen.
3. Überfrachtete Fragebögen
- Gegenmaßnahme: Fokus auf die wirklich entscheidenden Items; zu viele Fragen reduzieren Qualität und Beteiligung.
4. Kein echtes Feedback zwischen den Runden
- Gegenmaßnahme: Immer aggregierte Ergebnisse und typische Begründungen bereitstellen. Nur so kann echte Meinungsentwicklung stattfinden.
5. Verdeckt gewünschte Ergebnisse
- Gegenmaßnahme: Neutraler Projektauftrag, transparente Methodik, klare Trennung von Analyse und Entscheidung.
Praxisbeispiel: Delphi Methode in einem IT-Transformationsprojekt
Ausgangssituation:
Ein Unternehmen plant die Einführung einer neuen, cloudbasierten ERP-Lösung. Die Entscheidungsträger möchten wissen:
- Welche Risiken gefährden die erfolgreiche Einführung?
- Welche Maßnahmen sind am wichtigsten, um diese Risiken zu minimieren?
- Wie wahrscheinlich ist ein erfolgreicher Go-Live im geplanten Zeitrahmen?
Schritt 1: Expertenpanel
- IT-Leitung, Projektleitung, Key-User aus Fachbereichen, Vertreter Informationssicherheit, HR, Change Management
- zusätzlich ein externer Berater mit Erfahrung aus vergleichbaren Projekten
Schritt 2: Fragebogen (Runde 1)
Blöcke im Fragebogen:
- Identifikation zentraler Projektrisiken (Freitext)
- Bewertung definierter Risiken (Wahrscheinlichkeit, Auswirkung, Entdeckbarkeit)
- Einschätzung des Reifegrads in kritischen Bereichen (z. B. Testmanagement, Schulungskonzept, Datenmigration)
Schritt 3: Auswertung und Runde 2
Nach der ersten Runde zeigt sich:
- einige Risiken werden von Teilen der Experten sehr hoch, von anderen sehr niedrig eingeschätzt
- es gibt unterschiedliche Annahmen zu Verantwortlichkeiten und vorhandenen Ressourcen
In Runde 2 erhalten die Experten:
- die aggregierten Risikobewertungen
- eine Übersicht der stärksten Abweichungen
- ausgewählte Begründungen aus Runde 1
Sie werden gebeten:
- ihre Bewertungen zu prüfen und ggf. anzupassen
- bei stark abweichenden Werten ihre Sicht genauer zu begründen
Schritt 4: Ergebnis und Nutzung
Die konsolidierte Delphi-Auswertung ergibt:
- eine Top-10-Liste kritischer Risiken mit klaren Prioritäten
- sichtbar bleibende Meinungsunterschiede zwischen IT und Fachbereichen zu einzelnen Themen (z. B. Datenqualität)
- konkrete Handlungsempfehlungen (frühzeitige Testläufe, zusätzliche Ressourcen für Schulung und Change-Kommunikation)
Diese Ergebnisse fließen direkt in die Projektplanung und das Risikoregister ein. Der Nutzen der Delphi Methode liegt hier nicht in „perfekten Prognosen“, sondern in einer gemeinsam getragenen, transparenten Risikoeinschätzung.
Wann lohnt sich die Delphi Methode – und wann nicht?
Gute Einsatzsituationen
- Hohe Unsicherheit und fehlende belastbare Daten
- Themen mit starker Expertenabhängigkeit (Technologien, Märkte, Spezialrisiken)
- Notwendigkeit, verschiedene Perspektiven strukturiert einzubinden
- Bedarf an nachvollziehbaren Einschätzungen für Managemententscheidungen
Weniger geeignet ist die Delphi-Methode, wenn:
- ausreichend harte Daten verfügbar sind (z. B. präzise Marktstatistiken, klare Messgrößen)
- die Fragestellung sehr operativ ist (z. B. Detailprozesse im Tagesgeschäft)
- Entscheidungen bereits faktisch gefallen sind und die Methode nur als „Feigenblatt“ dienen soll
- die Organisation nicht bereit ist, abweichende Expertenmeinungen ernst zu nehmen
Praktische Tipps für die Umsetzung in Ihrem Unternehmen
Zum Abschluss eine kompakte Übersicht, wie Sie die Delphi Methode pragmatisch erfolgreich einsetzen:
- Starten Sie klein, aber sauber.
Lieber eine fokussierte Delphi-Studie zu einem klar eingegrenzten Thema als ein überambitioniertes Großprojekt. - Investieren Sie in das Design der ersten Runde.
Eine gute Struktur und verständliche Fragen sparen später erheblich Aufwand. - Kommunizieren Sie den Nutzen für die Experten.
Wer versteht, warum seine Einschätzung wichtig ist, beteiligt sich engagierter. - Achten Sie auf neutrale Moderation.
Besonders wenn es um sensible Themen geht, ist Unabhängigkeit entscheidend. - Verankern Sie die Ergebnisse im Entscheidungsprozess.
Definieren Sie im Vorfeld, wie die Resultate genutzt werden: z. B. als Input für Portfolio-Workshops, Strategieklausuren, Risikoreviews.
Wenn Sie die Delphi Methode in Ihrem Unternehmen gezielt einführen oder bei kritischen Entscheidungen nutzen möchten, kann es sinnvoll sein, mit einem erfahrenen Partner zu arbeiten – von der Konzeption über die Durchführung bis zur Auswertung und Management-Präsentation.
Wenn Sie dazu Unterstützung oder eine zweite Meinung wünschen, können Sie sich beispielsweise an die Berater der PURE Consultant wenden, um ein passendes Vorgehen für Ihre spezifische Fragestellung zu entwickeln.