Ist-Analyse erklärt

Ist-Analyse erklärt – Wer Projekte startet, Prozesse optimiert oder eine neue Software einführt, scheitert oft nicht an der Lösung – sondern daran, dass der Ausgangspunkt unklar ist. Genau hier setzt die Ist-Analyse an: Sie schafft ein gemeinsames, belastbares Bild des aktuellen Zustands. In diesem Beitrag erfahren Sie, was eine Ist-Analyse ist, wie sie Schritt für Schritt abläuft, welche Methoden sich eignen und worauf Sie in der Praxis achten müssen. So können Sie fundiert entscheiden, welche Veränderungen wirklich sinnvoll sind – statt auf Annahmen, Bauchgefühl oder Einzelmeinungen zu setzen.

Ist-Analyse erklärt
Ist-Analyse erklärt

Was ist eine Ist-Analyse?

Eine Ist-Analyse ist die systematische Untersuchung des aktuellen Zustands eines Unternehmensbereichs, Prozesses, Systems oder Projekts. Ziel ist es, den „Status quo“ faktenbasiert zu verstehen:

Kurz gesagt:
Die Ist-Analyse beschreibt den derzeitigen Zustand („Ist-Zustand“) so genau, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis für Probleme, Ursachen und Potenziale entwickeln.

Häufige Bezeichnungen und Synonyme sind z. B.:


Warum eine Ist-Analyse im Projekt- und Change-Management unverzichtbar ist

Viele Projekte scheitern daran, dass direkt in die Lösungsfindung gesprungen wird:

Ohne vorher zu verstehen, wie die heutige Arbeitsweise tatsächlich aussieht, bleiben Ursachen im Dunkeln. Typische Folgen:

Eine saubere Ist-Zustand-Analyse liefert dagegen:

Gerade für Entscheider und Projektverantwortliche ist die Ist-Analyse damit ein Risikofilter: Sie reduziert Projektrisiken, bevor größere Budgets freigegeben werden.


Typische Anlässe für eine Ist-Analyse

In der Praxis wird die Ist-Analyse in vielen Kontexten eingesetzt. Typische Anwendungsfälle:

In all diesen Situationen ist die zentrale Frage:
„Wie läuft es heute wirklich ab – und warum?“


Ist-Analyse Schritt für Schritt: Vorgehensmodell

Je nach Größe und Komplexität gibt es unterschiedliche Varianten. Bewährt hat sich ein klar strukturiertes, aber pragmatisches Vorgehen in fünf Schritten.

1. Ziel und Fokus klären

Bevor Sie Daten sammeln, müssen Sie wissen, wofür Sie analysieren:

Ergebnis dieses Schritts:

2. Analysekonzept und Vorgehensplan erstellen

Nun wird festgelegt, wie Sie den Ist-Zustand aufnehmen:

Hilfreich ist ein kurzer Analyseplan, der u. a. enthält:

3. Daten und Informationen erheben

In diesem Schritt findet die eigentliche Bestandsaufnahme des Ist-Zustands statt. Typische Aktivitäten:

Wichtig:
Hier geht es zunächst um Verstehen, nicht Bewerten. Vermeiden Sie es, vorschnell Lösungen zu diskutieren – die kommen später.

4. Ist-Zustand strukturieren und visualisieren

Die gesammelten Informationen werden nun aufbereitet:

Typische Darstellungsformen sind:

Ergebnis: Ein konsistentes Bild des Ist-Zustands, das sich mit den Beteiligten abgleichen lässt.

5. Ergebnisse auswerten, Ursachen analysieren, Handlungsfelder ableiten

Zum Schluss wird der Ist-Zustand bewertet:

Hilfreich sind dabei u. a.:

Das Ergebnis dieses Schrittes sind konkrete Handlungsfelder und erste Verbesserungsideen, die in die Soll-Konzeption einfließen.


Methoden und Werkzeuge für die Ist-Analyse

In der Praxis werden meist mehrere Methoden kombiniert. Einige zentrale Werkzeuge im Überblick:

Interviews und strukturierte Gespräche

Wofür geeignet?
Zum Verständnis von Arbeitsabläufen, Pain Points, informellen Regeln und Rahmenbedingungen.

Vorgehen in Kürze:

Workshops zur Prozessaufnahme

Wofür geeignet?
Für komplexe, bereichsübergreifende Prozesse, bei denen ein gemeinsames Verständnis wichtig ist.

Typischer Ablauf:

  1. Prozessgrenzen definieren (Start, Ende)
  2. Beteiligte Rollen/Abteilungen auflisten
  3. Prozessschritte gemeinsam auf einem Whiteboard oder digitalen Board visualisieren
  4. Inputs, Outputs, IT-Systeme, Dokumente ergänzen
  5. Probleme, Schleifen, Medienbrüche markieren

Beobachtung und Gemba Walk

Gerade in Produktion, Logistik oder Service lohnt sich ein Blick vor Ort:

Diese Beobachtungen sind oft sehr aufschlussreich, weil sie versteckte Ineffizienzen sichtbar machen.

Kennzahlen- und Datenanalyse

Viele Organisationen verfügen über zahlreiche Daten, nutzen sie aber zu wenig für die Ist-Zustand-Analyse. Typische Fragestellungen:

Berücksichtigen Sie dabei:

Dokumentenanalyse

Nützlich, um formale Vorgaben und tatsächliche Praxis abzugleichen:

Frage dabei immer:
„Entspricht die dokumentierte Soll-Vorgabe noch dem gelebten Ist-Zustand?“


Praxisbeispiel: Ist-Analyse in einem Servicebereich

Ein kurzes Szenario, wie eine Ist-Analyse in der Realität aussehen kann:

Ausgangslage:
Ein mittelständisches Unternehmen erhält zunehmende Beschwerden über lange Bearbeitungszeiten im Kundenservice. Die Geschäftsführung plant, ein neues Ticket-System einzuführen.

Vorgehen in der Ist-Analyse:

  1. Ziel klären:
    • Bearbeitungszeiten verstehen
    • Ursachen für Verzögerungen identifizieren
    • Prüfen, ob ein neues System wirklich der Haupthebel ist
  2. Daten sammeln:
    • Auswertung der aktuellen Ticket-Daten (Eingänge, Bearbeitungszeiten, Erstlösungsquote)
    • Interviews mit Service-Mitarbeitenden, Teamleitungen, IT
    • Beobachtung im Tagesgeschäft (Telefon, E-Mail, Chat)
    • Sichtung von Richtlinien, Eskalationswegen und Schulungsunterlagen
  3. Ist-Zustand visualisieren:
    • Prozessdiagramm „vom Eingang der Kundenanfrage bis zur Lösung“
    • Aufzeigen von parallelen Wegen (z. B. direkte E-Mails an Fachbereiche)
    • Markierung von Schleifen (z. B. Rückfragen, Eskalationen, Weiterleitungen)
  4. Erkenntnisse:
    • Häufige Medienbrüche (E-Mail → Excel → System)
    • Uneinheitliche Priorisierung nach persönlichem Ermessen
    • Teilweise unklare Zuständigkeiten bei Spezialanfragen
    • Kein einheitliches Arbeitsvorrats-Management
  5. Handlungsfelder:
    • Standardisierung des Eingangskanals
    • Klare Rollen und Eskalationswege definieren
    • Einführung eines Ticketsystems als Baustein, nicht als alleinige Lösung
    • Schulung und klare Servicelevel

Ohne diese Ist-Analyse wäre womöglich nur ein neues Tool eingeführt worden – die eigentlichen Ursachen (Rollen, Prozesse, Priorisierung) wären bestehen geblieben.


Qualitätskriterien einer guten Ist-Analyse

Woran erkennen Sie, ob Ihre Ist-Zustand-Analyse tragfähig ist?

Eine gute Ist-Analyse ist damit Grundlage für fundierte Entscheidungen, kein Selbstzweck.


Häufige Fehler in Ist-Analysen – und wie Sie sie vermeiden

Fehler in der Ist-Analyse ziehen sich durch das gesamte Projekt. Einige typische Stolperfallen:

1. Direkt in Lösungen springen

Statt den Ist-Zustand in Ruhe zu verstehen, werden sofort Tool-Features diskutiert oder Prozessänderungen skizziert.
Gegenmaßnahme: Analysephase bewusst schützen, Lösungsdiskussionen parken und später systematisch aufgreifen.

2. Nur Führungskräfte befragen

Wer nur das Management zu Wort kommen lässt, bekommt ein gefiltertes Bild. Die gelebte Praxis liegt oft in den Teams.

Gegenmaßnahme:
Bewusste Mischung aus Rollen: Mitarbeitende, Teamleads, Fachverantwortliche, IT, ggf. externe Partner.

3. Dokumente mit Realität verwechseln

Prozesshandbücher und Richtlinien sind wichtig, spiegeln aber selten 1:1 den Alltag wider.

Gegenmaßnahme:
Dokumente als Ausgangspunkt nutzen, aber durch Beobachtung, Interviews und Datenvergleiche validieren.

4. Analyse „aus der Ferne“ durchführen

Nur mit E-Mails, Reports und Excel-Listen zu arbeiten reicht nicht aus.

Gegenmaßnahme:
Mindestens punktuell vor Ort sein (oder Remote-Sessions mit Bildschirmteilen) und sich echte Abläufe zeigen lassen.

5. Zu viel Detail, zu wenig Relevanz

Es ist leicht, sich in Spezialfällen, Ausnahmen und Technikalitäten zu verlieren.

Gegenmaßnahme:
Fokus auf wertschöpfende Hauptprozesse und zentrale Problemfelder. Detailtiefe bewusst steuern.


Ergebnisse der Ist-Analyse aufbereiten und kommunizieren

Eine Ist-Analyse entfaltet nur dann Wirkung, wenn die Ergebnisse verständlich kommuniziert werden. Bewährt haben sich:

Typische Inhalte eines Ergebnis-Reports

Darstellungsformen

Wichtig ist, die Ergebnisse nicht „im Schrank verschwinden“ zu lassen. Nutzen Sie die Ist-Zustand-Analyse als Dialoganlass – nicht als Einweg-Information.


Von der Ist-Analyse zur Soll-Konzeption

Die Ist-Analyse ist kein Selbstzweck. Sie mündet idealerweise direkt in die Gestaltung des Soll-Zustands.

Typische Schritte:

  1. Zielbild schärfen
    • Was soll sich im Vergleich zum Ist-Zustand konkret verbessern?
    • Welche Ziele gelten (z. B. 30 % kürzere Durchlaufzeit, weniger Fehler, höhere Kundenzufriedenheit)?
  2. Zukünftige Prozesse und Strukturen entwerfen
    • Überarbeiten der Prozessabläufe
    • Anpassung von Rollen, Verantwortlichkeiten, Governance
    • Definition neuer oder geänderter Kennzahlen
  3. IT- und Systemanforderungen ableiten
    • Welche Funktionen muss ein neues System unterstützen?
    • Wo bestehen Integrationsbedarfe zu bestehenden Anwendungen?
  4. Maßnahmenplan erstellen
    • Konkrete Projekte, Arbeitspakete, Meilensteine
    • Ressourcenerfordernisse
    • Change- und Kommunikationsmaßnahmen

Die Stärke einer guten Ist-Zustand-Analyse zeigt sich genau an dieser Stelle:
Je klarer und fundierter der Ist-Zustand beschrieben ist, desto zielgerichteter und realitätsnäher wird der Soll-Zustand.


Checkliste: So planen Sie Ihre Ist-Analyse

Zum Abschluss eine kompakte Übersicht, wie eine Ist-Analyse von Anfang an auf stabile Füße gestellt wird:

  1. Auftrag klären
    • Ziele, Erwartungen, zentrale Fragestellungen
    • Stakeholder und Entscheider
  2. Scope definieren
    • Welche Bereiche und Prozesse werden betrachtet?
    • Welche Themen liegen bewusst außerhalb?
  3. Vorgehen planen
    • Methoden-Mix (Interviews, Workshops, Beobachtung, Datenanalyse …)
    • Zeitplan, Meilensteine, Ressourcen
  4. Datenbasis sichern
    • Verfügbarkeit relevanter Kennzahlen sicherstellen
    • Zugang zu Systemen, Reports, Dokumenten klären
  5. Stakeholder einbinden
    • Frühzeitige Information über Zweck und Nutzen der Ist-Analyse
    • Klare Rollen und Verantwortlichkeiten im Projektteam
  6. Erhebung strukturieren
    • Leitfäden für Interviews und Workshops vorbereiten
    • Standardisierte Templates für Prozessaufnahmen nutzen
  7. Ergebnisse konsolidieren
    • Visualisierungen und Prozessdarstellungen
    • Abgleich mit Beteiligten („Plausibilitäts-Check“)
  8. Handlungsfelder ableiten
    • Probleme und Ursachen clustern
    • Quick Wins und größere Veränderungen unterscheiden
  9. Weiteres Vorgehen definieren
    • Übergang in die Soll-Konzeption
    • Grober Maßnahmen- und Projektplan

Wann externe Unterstützung bei der Ist-Analyse sinnvoll ist

Gerade in komplexen Projekten – etwa bei größeren Digitalisierungsinitiativen, Prozessharmonisierungen über Standorte hinweg oder der Einführung unternehmensweiter Systeme – stößt eine rein interne Ist-Analyse schnell an Grenzen:

In solchen Fällen kann es hilfreich sein, erfahrene Beratungspartner einzubinden, die Vorgehen, Methoden und Moderation übernehmen, während Ihre Organisation das inhaltliche Know-how liefert.

Wenn Sie planen, Prozesse, Organisation und Systeme grundlegend zu verändern und dafür eine belastbare Ist-Analyse benötigen, lohnt sich ein Gespräch mit Spezialisten wie der PURE Consultant. So stellen Sie sicher, dass Ihre Veränderungsprojekte nicht auf Annahmen, sondern auf einer fundierten Analyse des Ist-Zustands aufbauen – und damit nachhaltiger Wirkung entfalten.

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