Tuckman Modell vs. andere Teammodelle

Tuckman Modell vs. andere Teammodelle – In Projekten, Linienorganisationen und agilen Setups taucht das Tuckman Modell fast zwangsläufig auf, wenn es um Teamentwicklung geht. Doch ist es wirklich das passende Modell für Ihre Situation? Oder liefern alternative Teammodelle – etwa Belbin, Lencioni, GRPI oder das Dreiphasenmodell nach Wheelan – bessere Orientierung?
Dieser Beitrag zeigt, was das Tuckman Modell leistet, wo seine Grenzen liegen und wie es im Vergleich zu anderen Teammodellen in der Praxis abschneidet.

Tuckman Modell vs. andere Teammodelle
Tuckman Modell vs. andere Teammodelle

1. Kurzüberblick: Was beschreibt das Tuckman Modell?

Das Tuckman Modell beschreibt die typische Entwicklung eines Teams in fünf Phasen:

  1. Forming – Orientierung, Höflichkeit, Unsicherheit
  2. Storming – Konflikte, Positionskämpfe, Widerstände
  3. Norming – Entstehung von Regeln, Rollen, Vertrauen
  4. Performing – produktive, weitgehend selbstorganisierte Zusammenarbeit
  5. Adjourning – Auflösung/Abschluss des Teams

Kernaussage in einem Satz:
Teams durchlaufen charakteristische Entwicklungsphasen – wer diese kennt, kann Konflikte einordnen und Teamentwicklung gezielt steuern.

Stärken des Tuckman Modells

Schwächen und typische Missverständnisse

Deshalb lohnt der Blick auf andere Teammodelle, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.


2. Typische Einsatzfragen: Wann ist welches Teammodell hilfreich?

Wenn Sie über „Tuckman Modell vs. andere Teammodelle“ nachdenken, stehen meist konkrete Fragen im Raum:

Die verschiedenen Modelle bieten hierfür unterschiedliche Blickwinkel:

Im Idealfall nutzen Sie nicht ein Modell exklusiv, sondern kombinieren je nach Problemstellung.


3. Überblick: Wichtige Teammodelle im Vergleich

3.1 Tuckman Modell (Phasenmodell der Teamentwicklung)

Zweck:
Verstehen, in welcher Entwicklungsphase ein Team steht und welche Interventionen jeweils hilfreich sind.

Kernelemente:

Typische Fragen, die das Modell beantwortet:


3.2 Belbin Teamrollen

Zweck:
Verstehen, welche Rollen und Verhaltenspräferenzen Menschen in Teams einnehmen und wie sich ein ausgewogenes Team zusammensetzt.

Neun klassische Rollen (Auswahl, verkürzt):

Stärken:

Grenzen:

Kurz: Belbin ergänzt Tuckman ideal, wenn es darum geht, wer im Team welche Rolle übernimmt.


3.3 Lencioni: Die fünf Dysfunktionen eines Teams

Zweck:
Identifizieren, welche Vertrauens- und Kooperationsprobleme ein Team davon abhalten, seine Ziele zu erreichen.

Die fünf Dysfunktionen (von unten nach oben als Pyramide):

  1. Fehlendes Vertrauen
  2. Angst vor Konflikten
  3. Mangel an Commitment
  4. Scheu vor Verantwortung
  5. Fehlende Ergebnisorientierung

Stärken:

Grenzen:

Kurz: Lencioni vertieft einen Aspekt, den Tuckman aufgreift: wie Teams mit Konflikten, Vertrauen und Verantwortung umgehen.


3.4 GRPI-Modell (Goals, Roles, Processes, Interpersonal)

Zweck:
Teams strukturiert analysieren und verstehen, ob Probleme aus Zielen, Rollen, Prozessen oder Beziehungen resultieren.

Vier Ebenen:

  1. Goals – klare, abgestimmte Ziele
  2. Roles – klare Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten
  3. Processes – effiziente Arbeitsprozesse und Entscheidungswege
  4. Interpersonal Relationships – Zusammenarbeit, Kommunikation, Vertrauen

Stärken:

Grenzen:

Kurz: GRPI ergänzt Tuckman dort, wo es um strukturelle Hebel für bessere Teamleistung geht.


3.5 Weitere relevante Modelle (kurz)


4. Vergleich: Tuckman Modell vs. andere Teammodelle

4.1 Übersichtstabelle

Fragestellung: „Welches Modell hilft mir wann am meisten?“

PerspektiveTuckman ModellBelbin TeamrollenLencioni 5 DysfunktionenGRPI-Modell
HauptfokusPhasen der TeamentwicklungVerhaltens- und ArbeitsrollenVertrauens- und KooperationsproblemeZiele, Struktur, Prozesse, Beziehungen
Typische Use CasesProjektstart, Change, KonflikteTeamzuschnitt, RollenklärungTeambuilding, KonfliktklärungDiagnose von Leistungsproblemen
Vorteilhafte SituationenNeues Team, Reorganisation, FusionCross-funktionale Teams, MatrixstrukturenTeams mit Spannungen, MisstrauenUnklare Zuständigkeiten, Silos
StärkeEinfaches, eingängiges PhasenmodellStärkenorientierung auf IndividualebeneKlare Benennung von TeamdysfunktionenGanzheitliche Systemdiagnose
Typische LimitationTeils zu grob/linearGefahr der StereotypisierungFokus auf Psychologie, wenig StrukturWenig zeitliche Entwicklungslogik

5. Praxisleitfaden: Welches Modell für welche Teamsituation?

5.1 Beispiel 1: Neues Projektteam mit hoher Sichtbarkeit

Ausgangslage:

Empfohlene Kombination:

  1. Tuckman für das Erwartungsmanagement:
    • In Kick-off oder frühen Workshops kurz Forming/Storming erläutern
    • Klar machen: Reibungen sind in der Anfangsphase „normal“, nicht „Teamversagen“
  2. GRPI für Struktur:
    • Ziele sehr klar definieren (Project Charter, OKRs)
    • Rollen und Entscheidungsprozesse explizit machen
    • Kommunikations- und Meetingstrukturen festlegen
  3. Optional Belbin:
    • In einem späteren Workshop schauen, ob wichtige Rollen besetzt sind
    • Verantwortlichkeiten nach Stärken ausrichten

Nutzen:


5.2 Beispiel 2: Bestehendes Team mit verdeckten Konflikten

Ausgangslage:

Empfohlene Kombination:

  1. Lencioni als Diagnoseraster:
    • Wo stehen wir beim Vertrauen?
    • Können Konflikte offen ausgetragen werden?
    • Gibt es echtes Commitment und gegenseitige Verantwortlichkeit?
  2. Tuckman als Reflexionsfolie:
    • Ist das Team in einer Art „Dauer-Storming“ stecken geblieben?
    • Was bräuchte es, um in ein stabiles Norming/Performing zu kommen?
  3. GRPI:
    • Prüfen, ob Konflikte nicht doch strukturelle Ursachen haben:
      • Verschobene Ziele?
      • Überschneidende Verantwortungen?
      • Ineffiziente Prozesse?

Nutzen:


5.3 Beispiel 3: Hochperformantes Team vor einer Veränderung

Ausgangslage:

Empfohlene Kombination:

  1. Tuckman proaktiv nutzen:
    • Klar kommunizieren: „Mit der Veränderung gehen wir wieder durch Forming/Storming-Elemente.“
    • Raum für Unsicherheiten und Neuverhandlung von Normen geben
  2. Team Canvas / Team Charter:
    • Ziele, Rollen, Werte und Spielregeln neu verankern
  3. GRPI:
    • Sicherstellen, dass Ziele, Rollen und Prozesse mit der neuen Struktur konsistent sind

Nutzen:


6. Konkrete Schritte: Wie Sie das Tuckman Modell sinnvoll einsetzen

6.1 Diagnose: In welcher Phase ist Ihr Team wirklich?

Nutzen Sie folgende Fragen zur Selbsteinschätzung:

Wichtig: Ein Team kann je nach Thema in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Phasen zeigen (z. B. Performing im Tagesgeschäft, Storming bei einer neuen Technologie).


6.2 Typische Führungsaufgaben je Phase

Forming:

Storming:

Norming:

Performing:

Adjourning:


7. Wann reicht das Tuckman Modell nicht aus?

In vielen Unternehmen wird das Tuckman Modell als „das“ Standardmodell der Teamentwicklung verwendet. Das ist verständlich, aber riskant, wenn es zum alleinigen Referenzrahmen wird.

Typische Fälle, in denen Tuckman allein zu kurz greift:

Empfehlung:
Nutzen Sie das Tuckman Modell als Einstieg und gemeinsame Sprache, aber kombinieren Sie es bewusst mit mindestens einem Strukturmodell (z. B. GRPI) und einem Rollen- oder Vertrauensmodell (Belbin/Lencioni).


8. Entscheidungsleitfaden: Welches Teammodell für Ihren nächsten Schritt?

Sie können sich an folgenden Leitfragen orientieren:

  1. Geht es primär um „Wo stehen wir als Team aktuell?“
    → Start mit Tuckman oder Wheelan/IMGD
  2. Geht es primär um „Wer macht was – und passt das zusammen?“
    → Ergänzen Sie mit Belbin Teamrollen (oder ähnlichen Rollenmodellen)
  3. Geht es primär um „Warum funktionieren Vertrauen und Zusammenarbeit nicht?“
    → Nutzen Sie Lencioni für eine ehrliche Bestandsaufnahme
  4. Geht es primär um „Warum liefern wir nicht die erwarteten Ergebnisse?“
    → Analysieren Sie mit GRPI, ob Ziele, Rollen, Prozesse und Beziehungen stimmig sind
  5. Geht es um einen größeren Umbau, neue Setups oder Transformation?
    • Tuckman für die Reise
    • GRPI für Struktur
    • Team Charter / Canvas für Klarheit im Alltag

9. Fazit: Tuckman Modell vs. andere Teammodelle – kein Entweder-oder

Das Tuckman Modell bleibt ein wertvolles Fundament, weil es:

Seine Grenzen liegen dort, wo es um:

geht. Hier punkten andere Teammodelle.

Pragmatische Empfehlung für Entscheider, Projektmanager und Führungskräfte:

Wenn Sie vor einer konkreten Herausforderung in Ihrem Projekt oder Bereich stehen und unsicher sind, welches Modell den größten Hebel hat, lohnt sich ein externer Blick. Gemeinsam lassen sich mit überschaubarem Aufwand die passende Modellkombination wählen, ein klares Vorgehen definieren und Ihre Teams so aufstellen, dass sie unter realen Rahmenbedingungen leistungsfähig und stabil arbeiten können.

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