Typische Fehlinterpretationen beim Riemann-Thomann-Modell

Typische Fehlinterpretationen beim Riemann-Thomann-Modell – Das Riemann-Thomann-Modell ist eines der beliebtesten Werkzeuge in Führungskräftetrainings, Projektmanagement-Seminaren und Teamentwicklungen. Gerade weil es eingängig ist und „so gut passt“, wird es jedoch häufig missverstanden – mit teils problematischen Folgen: Menschen werden vorschnell typisiert, Konflikte verschärft statt entschärft, Entscheidungen falsch gedeutet. In diesem Beitrag schauen wir uns typische Fehlinterpretationen beim Riemann-Thomann-Modell an, klären zentrale Missverständnisse und zeigen, wie Sie das Modell in Projekten, Führung und Zusammenarbeit professionell und verantwortungsvoll nutzen.

Typische Fehlinterpretationen beim Riemann-Thomann-Modell
Typische Fehlinterpretationen beim Riemann-Thomann-Modell

Kurzüberblick: Was beschreibt das Riemann-Thomann-Modell wirklich?

Kurzdefinition

Das Riemann-Thomann-Modell beschreibt grundlegende Strebungen, Bedürfnisse und typische Verhaltensmuster von Menschen entlang zweier Achsen (Nähe–Distanz, Dauer–Wechsel) – nicht ihre gesamte Persönlichkeit.

Die beiden Achsen:

Wesentliche Punkte:

Genau hier beginnen im Alltag viele Missverständnisse.


Warum das Modell so häufig falsch verwendet wird

In der Praxis – ob im Projektmeeting, im HR-Workshop oder im Change-Projekt – hat sich eine Reihe typischer Verkürzungen eingebürgert:

Solche Aussagen wirken harm­los, führen aber zu:

Um diese Effekte zu vermeiden, lohnt es sich, die häufigsten Fehlinterpretationen genauer anzuschauen.


Fehlinterpretation 1: „Das Riemann-Thomann-Modell ist ein Persönlichkeitsmodell“

Eine der verbreitetsten Fehldeutungen: Das Modell wird als umfassendes Persönlichkeitsmodell benutzt – ähnlich wie ein Typentest, der „den Menschen erklärt“.

Was daran falsch ist

Was dadurch passiert

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 2: „Die vier Pole stehen für fixe Typen“

Oft wird aus dem Modell ein Typenmodell gemacht:

Manchmal sogar als Quadranten („Nähe-Dauer-Typ“, „Distanz-Wechsel-Typ“ usw.), gern mit Checklisten und Schnelltests.

Was daran problematisch ist

Praxisbeispiel

Ein Projektleiter klassifiziert ein Teammitglied als „klassischen Distanz-Wechsel-Typ“.
Folge:

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 3: „Die Pole Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel bewerten Menschen“

In vielen Organisationen werden implizit Werturteile mit den Polen verknüpft:

Oder auch umgekehrt: In stark innovationsgetriebenen Umfeldern gilt Dauer als „Bremser“.

Was daran falsch ist

Beispiel:

Praxisfehler

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 4: „Das Modell ist statisch – Menschen ändern sich nicht“

Ein weiterer Klassiker: Einmal „verortet“, gelten Menschen jahrelang als „so ist sie halt“. Das Modell wird eingefroren.

Was daran falsch ist

Konsequenzen des statischen Blicks

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 5: „Das Riemann-Thomann-Modell erklärt Konflikte vollständig“

Das Modell wird häufig zur Konfliktklärung eingesetzt – das ist sinnvoll, aber riskant, wenn es überhöht wird.

Typischer Kurzschluss

Was dabei übersehen wird

Konflikte entstehen selten nur aus unterschiedlichen Strebungen. Hinzu kommen:

Das Modell zeigt:

Es erklärt nicht:

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 6: „Man kann andere mit dem Modell objektiv ‚messen‘“

Gerade in HR, Führung und Beratung ist die Versuchung groß, das Modell zu einem Diagnoseinstrument zu machen:

Probleme dabei

Risiken für Führung und Projekte

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 7: „Das Modell ist kultur- und kontextunabhängig“

Manchmal wird stillschweigend angenommen, die vier Strebungen seien überall gleich sichtbar und gleich bewertbar.

Was übersehen wird

Folgen in Projekten und Change

Bessere Nutzung


Fehlinterpretation 8: „Das Modell reicht als Werkzeug für komplexe Personalentscheidungen“

In Auswahlprozessen, Talentprogrammen oder Nachfolgeplanungen wird das Riemann-Thomann-Modell gelegentlich (unausgesprochen) als Filter genutzt:

Risiken

Bessere Nutzung


Wie Sie das Riemann-Thomann-Modell sinnvoll in Projekten und Führung nutzen

Statt das Modell zu überdehnen, können Sie es gezielt und verantwortungsvoll einsetzen.

1. Für Selbstreflexion von Führungskräften

Fragen für sich selbst:

Nutzen:

2. Für Teamentwicklung in Projekten

Vorgehensweise (vereinfachtes Beispiel):

  1. Modell knapp erläutern (Strebungen, keine Typen).
  2. Teammitglieder positionieren sich selbst auf den beiden Achsen – bezogen auf ein aktuelles Projekt.
  3. Gemeinsame Reflexion:
    • Wo häufen sich Nähe, wo Distanz?
    • Wer bringt Stabilität (Dauer), wer Dynamik (Wechsel) ein?
  4. Diskussion:
    • Wo ergänzen wir uns gut?
    • Wo übersteuern wir als Team (z. B. zu viel Wechsel, zu wenig Dauer)?
    • Welche Spannungen sind erklärbar – und wie gehen wir bewusster damit um?

Wichtig:

3. Für Change- und Transformationsprojekte

Typische Fragen:

So lassen sich:


Typische Praxisfallen – und wie Sie sie vermeiden

1. PowerPoint-Typisierung im Training

„Heute finden wir heraus, welcher Typ Sie sind.“

Besser:

2. Etiketten im Alltag

„Klar, das ist wieder typisch Nähe-Dauer von dir.“

Besser:

3. Fehlende Kontextangabe

„Unsere IT ist Distanz-Wechsel.“

Besser:


Zusammenfassung: Wie man typische Fehlinterpretationen vermeidet

In verdichteter Form:

Wenn Sie diese Punkte beherzigen, wird das Riemann-Thomann-Modell vom Etikettierwerkzeug zu einem differenzierten Instrument für Reflexion, Führung und Zusammenarbeit.


Weiterdenken und professionell nutzen

Wenn Sie als Führungskraft, Projektleiter oder Organisationsverantwortlicher das Riemann-Thomann-Modell gezielt in Ihrer Organisation einsetzen möchten – etwa für:

dann lohnt sich eine professionelle Begleitung, die

Eine strukturierte, externe Perspektive hilft, das Modell wirkungsvoll zu nutzen, ohne Menschen zu typisieren oder Konflikte zu vereinfachen – und genau das macht den Unterschied zwischen „nettem Tool“ und echtem Mehrwert in Ihrer Organisation.

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