Vorteile der Amazon Retrospektive – Agile Teams kennen das Problem: Die Sprint-Retrospektive ist Pflichttermin, aber die Diskussion bleibt an der Oberfläche, es fehlt Klarheit bei den Maßnahmen und vieles wiederholt sich. Gerade in komplexen Projekten mit hohen Kundenanforderungen suchen Führungskräfte nach einem Format, das Feedback strukturiert, greifbar und anschlussfähig für Entscheidungen macht.
Die Amazon Retrospektive bietet genau das: Sie überträgt das Prinzip der Amazon-Produktbewertung auf den Teamrückblick und verbindet damit Kundennutzen, Emotion und klare Priorisierung. In diesem Beitrag erfahren Sie, was hinter der Methode steckt, wie sie funktioniert und welche konkreten Vorteile der Amazon Retrospektive für Ihre Organisation entstehen – von besserer Teamreflexion bis zu messbarer Verbesserung der Zusammenarbeit.

Was ist eine Amazon Retrospektive?
Die Amazon Retrospektive ist ein spezielles Format der agilen Retrospektive, bei dem ein Sprint, Projektabschnitt oder eine Zusammenarbeit so bewertet wird, als wäre sie ein Produkt auf Amazon.
Kurzdefinition:
Die Amazon Retrospektive ist ein strukturiertes Reflexionsformat, bei dem Teammitglieder den letzten Sprint oder Projektabschnitt mit einer Sternebewertung (1–5 Sterne) und einer kurzen „Produktrezension“ bewerten, um Stärken, Schwächen und konkrete Verbesserungsmaßnahmen sichtbar zu machen.
Typische Elemente sind:
- Sternebewertung (1–5 Sterne) für den betrachteten Zeitraum
- Prägnanter Titel („Review-Überschrift“) der Erfahrung
- Kurzbeschreibung: Was war gut, was nicht?
- Begründung der Bewertung
- Konkrete Verbesserungsvorschläge („Was müsste passieren, damit es 5 Sterne wären?“)
Dadurch entsteht ein sehr greifbares, bildhaftes Feedback, das Führungskräften wie auch Teams hilft, Muster und Prioritäten schnell zu erkennen.
Warum Retrospektiven in agilen Teams unverzichtbar sind
Bevor wir auf die spezifischen Vorteile der Amazon Retrospektive eingehen, lohnt ein kurzer Blick auf den Zweck von Retrospektiven allgemein:
- Inspektion und Anpassung: Retrospektiven sind das zentrale Instrument, um Arbeitsweisen regelmäßig zu überprüfen und zu verbessern.
- Kontinuierliche Verbesserung: Kleine, stetige Optimierungen sind oft wirkungsvoller als seltene große Transformationen.
- Teamlernen: Gemeinsame Reflexion fördert geteiltes Verständnis, Wissensaustausch und psychologische Sicherheit.
- Transparenz für Stakeholder: Gut dokumentierte Retrospektiven liefern Führungskräften Einblick in Stimmung, Risiken und Potenziale.
In der Praxis scheitern viele Retrospektiven jedoch an:
- Wiederkehrenden, austauschbaren Diskussionen ohne klare Ergebnisse
- Geringer Beteiligung („immer die gleichen reden“)
- Fehlender Verbindung zum Kundennutzen
- Maßnahmen, die nach dem Meeting versanden
Genau hier setzt die Amazon Retrospektive an und schafft mit ihrem klaren, bildhaften Rahmen bessere Struktur und mehr Verbindlichkeit.
Aufbau und Ablauf der Amazon Retrospektive
Eine Amazon Retrospektive folgt im Kern dem bekannten Retrospektiven-Zyklus („Set the stage – Gather data – Generate insights – Decide what to do – Close the retrospective“), nutzt aber das Amazon-Review-Bild als durchgängige Klammer.
1. Vorbereitung
- Ziel definieren: Welcher Zeitraum oder Kontext wird bewertet? (z. B. letzter Sprint, Release, Quartal, Zusammenarbeit mit einem Bereich)
- Zeitfenster planen: Typischerweise 60–90 Minuten für ein Team von 6–9 Personen
- Template vorbereiten: Digitales Whiteboard oder Miro/Mural-Template mit Feldern für:
- Sternebewertung
- Review-Titel
- Review-Text
- Verbesserungsvorschläge
2. Einstieg und Kontext
- Kurze Erinnerung: Ziel der Retrospektive und gewählter Betrachtungszeitraum
- Erklärung des Formats, falls neu:
- „Stellen Sie sich vor, der letzte Sprint war ein Produkt bei Amazon. Sie schreiben nun eine ehrliche Kundenbewertung.“
3. Individuelle „Amazon Reviews“ schreiben
Jedes Teammitglied erstellt zunächst still für sich eine Bewertung, z. B.:
- Sternebewertung: 1–5 Sterne
- Titel: Max. 1 Satz („Guter Sprint mit zähem Start“, „Starker Teamspirit, aber technische Schulden bremsen“)
- Kurzreview: Was war besonders positiv? Wo lagen die größten Probleme?
- Verbesserungsfrage: Was müsste sich ändern, damit Sie beim nächsten Mal 5 Sterne geben?
4. Sammeln und Sichtbarmachen
- Alle Reviews werden auf einem Board, Flipchart oder in einem digitalen Tool sichtbar gemacht.
- Moderator:in sortiert sie zunächst grob nach Sternebewertung (z. B. alle 5-Sterne-Reviews zusammen, alle 3-Sterne-Reviews etc.).
5. Muster erkennen und diskutieren
- Wo häufen sich niedrige Bewertungen? Warum?
- Welche Themen tauchen in verschiedenen Reviews wieder auf?
- Wo ist die Spannbreite besonders groß (einige 2 Sterne, andere 5 Sterne) – was steckt dahinter?
6. Verbesserungsmaßnahmen ableiten
- Gemeinsame Auswahl von 2–3 Top-Handlungsfeldern
- Formulierung konkreter Maßnahmen:
- Beschreibend („Was genau wird verändert?“)
- Verantwortlich („Wer übernimmt?“)
- Terminiert („Bis wann überprüfen wir den Effekt?“)
7. Abschluss
- Kurze Rückmeldung zum Format (Liked / Learned / Lacked)
- Optional: erneute, sehr kurze Sternebewertung der Retrospektive selbst
Konkrete Vorteile der Amazon Retrospektive
Die Vorteile der Amazon Retrospektive liegen in ihrer Kombination aus Einfachheit, Klarheit und hoher Relevanz für Kundennutzen und Managemententscheidungen.
1. Klarer Fokus auf Kundennutzen
Durch die Analogie zur Produktbewertung rücken automatisch folgende Fragen in den Vordergrund:
- Wie „erlebbar“ war unser Sprint für den Kunden?
- Würde ein Kunde diesen „Sprint“ oder dieses „Release“ weiterempfehlen?
Das Format schärft damit den Blick weg von internen Rechtfertigungen hin zu wahrnehmbaren Ergebnissen.
2. Hohe Beteiligung aller Teammitglieder
Die Amazon Retrospektive zwingt niemanden in eine offene Diskussion, bevor er oder sie Gedanken formuliert hat:
- Alle schreiben zunächst ihre Bewertung still auf.
- Auch introvertierte Personen kommen zu Wort.
- Die Sternebewertung senkt die Einstiegshürde: Ein Klick oder eine Zahl ist leicht gegeben.
Das führt zu breiterer Beteiligung und repräsentativerem Feedback.
3. Emotionen werden sichtbar – aber strukturiert
Sternebewertungen und knackige Titel transportieren Stimmungen schnell und deutlich:
- „2 Sterne – Zäher Sprint mit vielen Unterbrechungen“ zeigt deutliche Unzufriedenheit.
- „4 Sterne – Guter Teamspirit, technische Hürden bleiben“ weist auf Stärken und Engpässe gleichzeitig hin.
Gleichzeitig zwingt der Review-Text zur Begründung. So bleiben Emotionen nicht unkonkret, sondern werden in beobachtbares Verhalten und Situationen übersetzt.
4. Bessere Vergleichbarkeit über Zeit
Wenn Sie die Amazon Retrospektive regelmäßig einsetzen, entsteht eine Zeitreihe:
- Durchschnittliche Sternebewertung pro Sprint oder Release
- Häufige Schlagworte in Review-Titeln
- Wiederkehrende Kritikpunkte
Das erleichtert:
- Trendanalysen („Werden wir besser oder schlechter?“)
- Berichte für Management und Stakeholder
- Priorisierung von Verbesserungsinitiativen
5. Klar priorisierte Handlungsfelder
Da jeder Review konkrete Verbesserungsvorschläge enthält („Was müsste passieren, damit es 5 Sterne wären?“), ist der Sprung von Analyse zu Maßnahmen sehr kurz:
- Themen mit vielen ähnlichen Vorschlägen haben hohe Relevanz.
- Management erkennt schnell, wo Investitionen am meisten bewirken.
- Maßnahmen werden nicht „aus der Luft gegriffen“, sondern direkt aus Kundensicht und Teamerfahrung abgeleitet.
6. Einfache Skalierbarkeit – auch für größere Einheiten
Die Methode eignet sich nicht nur für einzelne Scrum-Teams:
- Mehrere Teams können parallel Reviews zum gleichen Produktbereich schreiben.
- In verteilten oder Matrixorganisationen lassen sich Bewertungen aus verschiedenen Standorten bündeln.
- Führungskräfte erhalten so ein konsolidiertes Bild der Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg.
7. Sehr gut geeignet für Remote- und Hybrid-Teams
Digitale Tools (Miro, Mural, Whiteboard-Apps, Umfragetools) bilden Sternebewertungen und kurze Texte problemlos ab:
- Remote-Teilnehmende können gleichberechtigt mitmachen.
- Asynchrone Vorbereitung ist möglich (Reviews vorab einsammeln).
- Ergebnisse lassen sich leicht dokumentieren, exportieren und mit Stakeholdern teilen.
Praxisbeispiele: Wie Unternehmen die Amazon Retrospektive nutzen
IT-Projektteams
Ein Softwareentwicklungsteam bewertet jeden Sprint mit einer Amazon Retrospektive:
- Kontinuierliche Sternebewertungen zeigen, ab wann technische Schulden die Lieferfähigkeit spürbar beeinträchtigen.
- Produktmanagement nutzt die Kommentare, um Prioritäten im Backlog neu zu ordnen.
- Stakeholder sehen in komprimierter Form, wie „marktreif“ einzelne Inkremente wahrgenommen werden.
Produktentwicklung über mehrere Standorte
Verteilte Teams eines internationalen Unternehmens führen quartalsweise eine Amazon Retrospektive durch:
- Jedes Team schreibt eine Review für das Produkt-Inkrement des Quartals.
- Die Sternebewertungen werden aggregiert, um ein Gesamtbild zu erzeugen.
- Unterschiede zwischen Standorten werden sichtbar („Warum nur 2 Sterne in Standort A, aber 4 Sterne in B?“).
Service- und Supporteinheiten
Auch non-IT-Bereiche profitieren:
- Support-Teams nutzen Amazon Reviews, um Prozesse, Tools oder Schichtmodelle zu bewerten.
- Die Sternebewertung macht sichtbar, wo interne Services als „schwach“ erlebt werden.
- Führungskräfte erkennen schnell, wo organisatorische Anpassungen nötig sind (z. B. bessere Übergaben, klarere Zuständigkeiten).
Best Practices für Entscheider und Projektleiter
Damit die Vorteile der Amazon Retrospektive voll zur Geltung kommen, sollten Führungskräfte einige Erfolgsfaktoren beachten.
1. Zweck klar benennen
- Wofür nutzen wir die Ergebnisse?
- Wer sieht sie?
- Was passiert mit den Maßnahmen?
Transparenz schafft Vertrauen und erhöht die Bereitschaft, ehrliches Feedback zu geben.
2. Psychologische Sicherheit sicherstellen
- Keine individuellen Schuldzuweisungen
- Fokus auf System und Prozesse, nicht auf Personen
- Management nimmt eine zuhörende, nicht verteidigende Rolle ein
3. Maßnahmen wirklich umsetzen
Die beste Retrospektive verliert an Wirkung, wenn nichts passiert. Empfehlenswert:
- Maximal 2–3 Maßnahmen pro Retrospektive
- Klare Verantwortlichkeiten und Termine
- Kurzer Check im nächsten Meeting: „Was hat sich durch unsere letzte Maßnahme verändert?“
4. Kombination mit Kennzahlen
Verknüpfen Sie die Sternebewertungen mit quantitativen Metriken, z. B.:
- Durchlaufzeiten
- Defect-Rate
- Kundenzufriedenheit (NPS, CSAT)
So entsteht ein ganzheitliches Bild aus subjektiver Wahrnehmung und objektiven Kennzahlen.
Typische Fallstricke und wie Sie sie vermeiden
Auch die Amazon Retrospektive ist kein Allheilmittel. Typische Stolpersteine sind:
- Bewertungen ohne Begründung:
Gegenmaßnahme: Moderator:in fordert stets die Begründung zur Sternezahl ein. - Fokus auf Details statt Systemik:
Gegenmaßnahme: Bei jedem Punkt fragen: „Was ist der systemische Treiber dahinter?“ - Maßnahmen-Overload:
Gegenmaßnahme: Konsequente Begrenzung auf wenige, realistische Maßnahmen. - Management nutzt Ergebnisse als Kontrollinstrument gegen Teams:
Gegenmaßnahme: Klare Vereinbarung, dass Bewertungen zur Verbesserung, nicht zur Sanktion dienen. - Format wird zu selten oder zu häufig eingesetzt:
Gegenmaßnahme: Bewusste Taktung, z. B. alle 2–3 Sprints oder zu spezifischen Meilensteinen.
Vergleich mit anderen Retrospektiv-Formaten
Um die Vorteile der Amazon Retrospektive besser einzuordnen, lohnt ein kurzer Vergleich.
Klassische Formate:
- Start–Stop–Continue: Was fangen wir an, was hören wir auf, was machen wir weiter?
- Mad–Sad–Glad: Emotionale Rückschau in drei Kategorien.
- 4Ls (Liked, Learned, Lacked, Longed for): Fokus auf Lernen und Lücken.
Amazon Retrospektive im Vergleich:
- Bietet eine klare Metrik (Sterne) und damit bessere Vergleichbarkeit
- Setzt starken Fokus auf Kundenerlebnis und wahrgenommenen Wert
- Erleichtert Management-Reporting, da Ergebnisse schnell erfassbar sind
- Erzeugt durch die bekannte Metapher („Amazon Review“) eine niedrige Einstiegshürde
Sie ersetzt andere Formate nicht zwingend, ergänzt sie aber um einen stark wirkungsorientierten Blick.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: So führen Sie Ihre erste Amazon Retrospektive durch
- Ziel und Zeitraum festlegen
Entscheiden Sie, ob ein Sprint, ein Release, ein Projektabschnitt oder ein Quartal betrachtet werden soll. - Team und Rahmen klären
Laden Sie alle relevanten Beteiligten ein (Entwicklung, Produkt, ggf. Operations) und planen Sie 60–90 Minuten. - Format erklären
Stellen Sie kurz vor, wie eine Amazon-Bewertung aussieht und wie sie auf den Arbeitskontext übertragen wird. - Individuelle Reviews erstellen lassen
Jedes Teammitglied vergibt Sterne, schreibt einen Titel und einen kurzen Review-Text inklusive Verbesserungsvorschlag. - Bewertungen sichtbar machen und clustern
Sammeln Sie alle Reviews an einem Ort und gruppieren Sie nach Sternebewertung und Themen. - Gemeinsam Muster und Ursachen diskutieren
Identifizieren Sie 2–3 Hauptthemen, die sich durch viele Bewertungen ziehen oder besonders kritisch sind. - Konkrete Maßnahmen definieren
Formulieren Sie zu jedem Hauptthema mindestens eine spezifische Maßnahme mit Verantwortlichen und Termin. - Ergebnisse dokumentieren und nachhalten
Halten Sie Sterne-Durchschnitt, Kernaussagen und Maßnahmen fest und überprüfen Sie im nächsten Zyklus die Wirkung.
Fazit Vorteile der Amazon Retrospektive: Wann sich die Amazon Retrospektive besonders lohnt
Die Amazon Retrospektive ist besonders wirkungsvoll, wenn:
- Sie einen stark kundenorientierten Blick auf Ihre Sprints oder Projekte einnehmen wollen.
- Sie vergleichbare, messbare Retrospektiven-Ergebnisse über mehrere Zyklen oder Teams hinweg benötigen.
- Sie spüren, dass klassische Retrospektiven zu wenig greifbare Maßnahmen liefern oder sich wiederholen.
- Ihre Organisation remote oder verteilt arbeitet und ein sicheres, leicht verständliches Format braucht.
Die Vorteile der Amazon Retrospektive liegen in der Verbindung aus klarer Struktur, emotionaler Ansprache und hoher Management-Tauglichkeit. Sie macht Verbesserungsbedarf schnell sichtbar, übersetzt Teamstimmung in greifbare Daten und unterstützt Sie dabei, die Zusammenarbeit Schritt für Schritt wirksamer zu gestalten.
Wenn Sie prüfen möchten, wie Sie die Amazon Retrospektive und andere Retrospektiv-Formate gezielt in Ihre Projekt- und Transformationslandschaft integrieren können, lohnt sich ein Blick auf erfahrene externe Begleitung. Ein spezialisiertes Beratungshaus wie die PURE Consultant kann Sie dabei unterstützen, passende Formate auszuwählen, moderationssicher einzuführen und mit Ihrer bestehenden Governance zu verzahnen – damit Retrospektiven nicht als Ritual, sondern als echter Hebel für Leistung und Zufriedenheit wirken.