Was ist ein Use Case?

Was ist ein Use Case? – Use Cases gehören zu den meistgenutzten Werkzeugen in der Anforderungsanalyse, doch in vielen Projekten bleibt unklar, was genau damit gemeint ist und wie man sie sauber einsetzt. Wenn Sie Software, Prozesse oder Services konzipieren, hilft ein gut formulierter Use Case dabei, Missverständnisse zu vermeiden, bessere Lösungen zu entwerfen und das Team zu fokussieren.

In diesem Artikel erfahren Sie, was ein Use Case ist, warum er so wichtig ist und wie Sie selbst professionelle Use Cases erstellen, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden.

Was ist ein Use Case?
Was ist ein Use Case?

1. Grundverständnis: Was ist ein Use Case?

Ein Use Case (Anwendungsfall) beschreibt, wie ein bestimmter Nutzer – der sogenannte Akteur – mit einem System interagiert, um ein konkretes Ziel zu erreichen. Es geht dabei nicht um technische Details, sondern um fachliche Abläufe und sichtbare Ergebnisse.

Ein Use Case beantwortet immer Fragen wie:

1.1 Formale Definition

Vereinfacht ausgedrückt:

Ein Use Case ist eine strukturierte Beschreibung einer Interaktion zwischen einem Akteur und einem System, die zu einem für den Akteur messbaren Mehrwert führt.

Wichtig ist, dass der Use Case immer ein Ziel hat. Deshalb beschreiben Sie nicht „Klicks“ oder „Buttons“, sondern Zielerreichung aus Sicht des Nutzers.

Beispielsweise ist nicht „Formular ausfüllen“ der Use Case, sondern „Neukundenkonto eröffnen“.

1.2 Abgrenzung: Was ein Use Case nicht ist

Damit Sie Use Cases sauber einsetzen, lohnt sich die Abgrenzung zu anderen Artefakten:


2. Warum sind Use Cases so wichtig?

Use Cases unterstützen Projekte an mehreren Stellen gleichzeitig, weil sie eine gemeinsame Sprache für Fachbereich, IT, UX und Management schaffen.

2.1 Zentrale Vorteile von Use Cases

Use Cases bringen insbesondere folgende Nutzen:

2.2 Typische Einsatzbereiche

Use Cases kommen in vielen Kontexten zum Einsatz, zum Beispiel:


3. Bausteine eines Use Cases

Damit ein Use Case strukturiert und leicht verständlich bleibt, folgt er üblicherweise einem wiederkehrenden Aufbau.

3.1 Typische Bestandteile im Überblick

Ein professioneller Use Case enthält meist:

3.2 Beispiel: Struktur in Kurzform

Zur Veranschaulichung eine kompakte, generische Struktur:


4. Konkretes Beispiel: Use Case „Rechnung online bezahlen“

Damit das Konzept greifbarer wird, betrachten wir einen konkreten Use Case aus einem typischen Self-Service-Portal.

4.1 Kontext

Stellen Sie sich einen Energieversorger vor, der seinen Privatkunden ein Online-Portal anbietet. Dort können Kunden ihre Rechnungen einsehen und online bezahlen.

4.2 Ausformulierter Use Case (vereinfachte Form)

Name: Rechnung online bezahlen
Ziel: Der Kunde bezahlt eine offene Rechnung bequem online und erhält eine unmittelbare Bestätigung.
Akteur: Privatkunde
System: Online-Kundenportal des Energieversorgers
Vorbedingungen:

Nachbedingungen:

Trigger:

Hauptablauf (Happy Path):

  1. Der Kunde meldet sich im Online-Portal an und gelangt zur Startseite.
  2. Er navigiert zum Bereich „Rechnungen“ und wählt eine offene Rechnung aus.
  3. Das System zeigt die Rechnungsdetails sowie verfügbare Zahlungsarten an.
  4. Der Kunde entscheidet sich für eine Zahlungsart (z. B. Kreditkarte) und gibt die erforderlichen Zahlungsdaten ein.
  5. Das System prüft die Zahlungsdaten und leitet die Zahlung an den Zahlungsdienstleister weiter.
  6. Der Zahlungsdienstleister bestätigt die erfolgreiche Zahlung.
  7. Das System markiert die Rechnung als bezahlt und aktualisiert den offenen Saldo.
  8. Der Kunde erhält im Portal eine Bestätigungsmeldung und optional eine E-Mail mit der Zahlungsbestätigung.

Alternative Abläufe / Ausnahmen:

Dieses Beispiel zeigt, wie ein Use Case fachliche Abläufe beschreibt, ohne in technische Implementierungsdetails abzurutschen.


5. Wie erstellt man einen guten Use Case?

Gute Use Cases sind präzise, verständlich und nutzenorientiert. Damit Ihnen das gelingt, hilft ein praktikables Vorgehen, das Sie in fast jedem Projekt anwenden können.

5.1 Schritt-für-Schritt-Vorgehen

Sie können Use Cases unter anderem so erarbeiten:

  1. Zielgruppe und Akteure identifizieren
    • Wer nutzt das System?
    • Welche Rollen gibt es (Kunde, Mitarbeiter, Partner, Systemakteure)?
  2. Geschäftsziele klären
    • Welche geschäftlichen Ziele sollen unterstützt werden?
    • Welche Vorgänge sind dafür wirklich kritisch?
  3. Kandidaten für Use Cases sammeln
    • Listen Sie zunächst alle relevanten Aktivitäten stichwortartig auf.
    • Verdichten Sie ähnliche Aktivitäten zu übergeordneten Use Cases.
  4. Priorisieren
    • Fragen Sie: Welche Use Cases sind am wichtigsten für den Geschäftserfolg?
    • Beginnen Sie mit 5–10 Kern-Use-Cases statt mit 50 Detailfällen.
  5. Use Cases strukturieren und ausformulieren
    • Nutzen Sie die in Abschnitt 3 vorgestellte Struktur.
    • Formulieren Sie in klarer, einfacher Sprache und vermeiden Sie unnötigen Jargon.
  6. Mit Stakeholdern validieren
    • Gehen Sie jeden Use Case gemeinsam mit Fachbereich, IT und ggf. UX durch.
    • Prüfen Sie, ob die Abläufe realistisch, vollständig und verständlich sind.
  7. Pflegen und iterativ verfeinern
    • Passen Sie die Use Cases an, wenn sich Anforderungen oder Rahmenbedingungen ändern.
    • Ergänzen Sie bei Bedarf neue Alternativabläufe oder Geschäftsregeln.

5.2 Formulierungstipps

Damit Ihre Use Cases in der Praxis tatsächlich gelesen und verstanden werden, achten Sie auf folgende Punkte:


6. Typische Fehler bei Use Cases – und wie Sie sie vermeiden

In vielen Projekten existieren zwar Use Cases, allerdings nutzen sie ihrem Zweck kaum, weil einige klassische Fehler auftreten.

6.1 Zu technische Beschreibung

Oft verfallen Teams beim Schreiben in technische Details, sodass der Use Case eher wie ein technisches Design wirkt. Damit Sie das vermeiden, konzentrieren Sie sich auf:

6.2 Kein klares Ziel

Manche Use Cases hängen „in der Luft“, weil das Ziel unscharf bleibt. Achten Sie deshalb darauf, dass:

6.3 Vermischung mehrerer Use Cases

Ein weiterer typischer Fehler besteht darin, mehrere unabhängige Abläufe in einem einzigen Use Case zu bündeln. Dadurch wird der Text schwer lesbar und kaum testbar.

Fragen Sie sich deshalb:

Wenn Sie Zweifel haben, lohnt sich oft eine Auftrennung in zwei getrennte Use Cases.

6.4 Fehlende Alternativabläufe

Wenn nur der ideale Ablauf beschrieben wird, übersehen Teams häufig wichtige Sonderfälle. Planen Sie deshalb bewusst Zeit ein, um alternative Abläufe zu identifizieren:


7. Use Cases, User Stories und Prozesse – wie passt das zusammen?

In modernen Projekten existieren verschiedene Artefakte nebeneinander, sodass schnell Verwirrung entsteht. Trotzdem ergänzen sich diese Werkzeuge, wenn Sie sie klar abgrenzen.

7.1 Unterschied zum Geschäftsprozess

Ein Geschäftsprozess beschreibt aus Unternehmenssicht, wie Wertschöpfung entsteht. Er betrachtet daher häufig mehrere Systeme, Rollen und Organisationseinheiten.

Ein Use Case fokussiert dagegen auf:

Ein komplexer Geschäftsprozess setzt sich somit aus mehreren Use Cases zusammen, die nacheinander oder parallel ausgeführt werden.

7.2 Unterschied zur User Story

Eine User Story (z. B. in Scrum) ist ein kurzer Eintrag im Product Backlog, der den Bedarf aus Nutzersicht beschreibt, zum Beispiel:

„Als registrierter Kunde möchte ich meine offenen Rechnungen online einsehen, damit ich jederzeit einen Überblick über meine Zahlungen habe.“

Der Unterschied liegt vor allem:

In der Praxis ergänzen sich beide:


8. Fazit Was ist ein Use Case?: Wann lohnt sich der Einsatz von Use Cases?

Use Cases lohnen sich insbesondere dann, wenn:

Richtig eingesetzt, helfen Use Cases dabei, Anforderungen klar zu strukturieren, Kommunikationslücken zu schließen und Risiken in der Implementierung zu reduzieren. Wenn Sie Schritt für Schritt vorgehen, Stakeholder aktiv einbeziehen und auf eine klare, nutzenorientierte Sprache achten, entwickeln Sie nach und nach ein Set an Use Cases, das Ihre Projekte spürbar stabiler macht – von der Idee bis zum Go-live.

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