Ambidextrie vs. Agilität

Ambidextrie vs. Agilität – In vielen Unternehmen stehen Führungskräfte vor der Frage, wie sie gleichzeitig das laufende Kerngeschäft stabil führen und neue Geschäftsmodelle erfolgreich aufbauen können. Begriffe wie Ambidextrie, Agilität, agile Transformation oder „dual operating system“ tauchen überall auf – oft ohne klare Abgrenzung. Das Ergebnis: Verwirrung, Überforderung und Initiativen, die nebeneinander herlaufen.
Dieser Beitrag zeigt präzise, worin sich Ambidextrie und Agilität unterscheiden, wie sie zusammenwirken und wie Sie beides für Ihre Organisation nutzbar machen können. Mit klaren Definitionen, Praxisbeispielen und einem Entscheidungsleitfaden für Entscheider, Projektmanager und Führungskräfte.

Ambidextrie vs. Agilität
Ambidextrie vs. Agilität

Was ist Ambidextrie?

Ambidextrie (Beidhändigkeit) beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, gleichzeitig zwei widersprüchliche Anforderungen zu erfüllen:

Kurzdefinition:
Ambidextrie ist die organisatorische Fähigkeit, bestehende Geschäfte effizient zu managen und parallel neue Geschäfte aufzubauen – ohne dass sich beide Ziele gegenseitig blockieren.

Typische Ausprägungen der organisatorischen Ambidextrie:

Ambidextrie ist damit primär ein strategisch-strukturelles Konzept: Wie richte ich Organisation, Governance und Ressourcen so aus, dass heute und morgen gleichzeitig möglich werden?


Was ist Agilität?

Agilität beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, schnell, anpassungsfähig und kundenzentriert auf Veränderungen zu reagieren – mit Hilfe passender Prinzipien, Methoden und Strukturen.

Kurzdefinition:
Agilität ist die Fähigkeit, kontinuierlich und flexibel auf Veränderungen zu reagieren, indem Arbeit in kurzen Zyklen, nah am Kunden und mit hoher Selbstorganisation organisiert wird.

Typische Merkmale agiler Arbeitsweisen:

Agilität zeigt sich konkret z. B. in:

Agilität adressiert damit vor allem die operative Ebene: Wie organisieren wir Arbeit, Entscheidungen und Zusammenarbeit im Alltag?


Ambidextrie vs. Agilität – der zentrale Unterschied

Auf den Punkt gebracht:

Einfacher Vergleich:

Wichtige Unterscheidung:

Langfristig erfolgreich sind vor allem Organisationen, die beides bewusst kombinieren.


Warum „entweder Ambidextrie oder Agilität“ in die Irre führt

In vielen Transformationsprogrammen wird implizit ein Entweder-oder aufgebaut:

Das Problem:
Beides löst unterschiedliche Herausforderungen – und häufig werden die falschen Erwartungen an das jeweilige Konzept geknüpft.

Typische Fehlannahmen:

Korrekt ist:

Statt „Ambidextrie vs. Agilität“ lautet die produktive Frage daher:
Wie nutzen wir Agilität gezielt, um ambidextre Strategien erfolgreich umzusetzen?


Praxisbeispiele: Wie Ambidextrie und Agilität zusammenspielen

Beispiel 1: Industrielles Kerngeschäft mit digitalen Services

Ausgangslage:

Sinnvolle Kombination:

Hier unterstützt Ambidextrie bei der strategischen Trennung und Kopplung von Bestand und Neuem – Agilität macht die Explorationsarbeit im Neugeschäft wirksam.

Beispiel 2: IT-Dienstleister im Transformationsdruck

Ausgangslage:

Sinnvolle Kombination:

Ambidextrie sorgt hier für ein klares Operating Model zwischen „Run“ und „Change“ – Agilität für einen effektiven und transparenten Liefermodus.

Beispiel 3: Konzernfunktionen und Corporate IT

Ausgangslage:

Sinnvolle Kombination:

Ambidextrie hilft, realistische Erwartungen an Agilität zu definieren; Agilität sorgt dafür, dass die wirklich dynamischen Bereiche schneller und kundenorientierter agieren.


Typische Missverständnisse und Fallstricke

Bei der Diskussion Ambidextrie vs. Agilität tauchen wiederkehrende Muster auf:

Ambidextrie und Agilität sind nur dann wirksam, wenn Führung, Governance, Kultur und Strukturen konsequent mitgedacht werden.


Entscheidungsleitfaden: Was braucht Ihre Organisation wann?

Um zu entscheiden, wie Ambidextrie und Agilität in Ihrem Kontext zusammenspielen sollten, helfen einige Leitfragen.

1. Strategische Ausgangslage

Wenn das Kerngeschäft noch erhebliches Potenzial bietet, aber neue Modelle bereits am Horizont auftauchen, ist strukturelle oder kontextuelle Ambidextrie sinnvoll: Das Bestehende absichern, während neue Optionen aktiv entwickelt werden.

2. Art der Wertschöpfung

Je höher die Dynamik und Kundennähe, desto stärker lohnt sich ein agiles Arbeitsmodell – unabhängig davon, ob es Teil des Kerngeschäfts oder der Innovation ist.

3. Organisatorische Reife

Fehlt diese Reife, kann es sinnvoll sein, mit klar abgegrenzten Piloten zu starten – sowohl für Ambidextrie (z. B. eine Innovationseinheit) als auch für Agilität (z. B. ein erstes Product-Team).


Konkrete Schritte: Ambidextrie und Agilität gezielt aufbauen

1. Strategische Klarheit schaffen

Diese Klarheit ist Voraussetzung, um Ambidextrie überhaupt sinnvoll zu designen.

2. Operating Model definieren

Auf Basis der Strategie können Sie entscheiden:

Parallel dazu:

3. Teams und Rollen ausrichten

4. Governance und Metriken justieren

Ambidextrie braucht unterschiedliche Steuerungslogiken:

Agilität braucht transparente, aber schlanke Governance:

5. Führung und Kultur entwickeln

Führung ist der Hebel, der Ambidextrie und Agilität ermöglicht oder blockiert. Zentrale Elemente:

Ohne diese Veränderung in Haltung und Verhalten bleibt sowohl Ambidextrie als auch Agilität eine strukturelle Hülle ohne Wirkung.


Häufige Fragen zu Ambidextrie und Agilität

Kann man Ambidextrie ohne Agilität umsetzen?
Nur sehr begrenzt. Zumindest in den explorativen Bereichen ist ein agiles, lernorientiertes Vorgehen praktisch unverzichtbar, um mit Unsicherheit umzugehen.

Muss das gesamte Unternehmen agil werden, um ambidexter zu sein?
Nein. Es geht um kontextgerechte Agilität: Dort, wo Dynamik und Unsicherheit hoch sind, ist Agilität sinnvoller als in hochstandardisierten, stark regulierten Bereichen.

Sind klassische Hierarchien mit Ambidextrie und Agilität vereinbar?
Ja, solange Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten und Freiräume so gestaltet sind, dass sie schnelle, kundenzentrierte Entscheidungen ermöglichen. Häufig entsteht eine Kombination aus Hierarchie (für Richtung und Rahmen) und dezentralen Teams (für Umsetzung und Lernen).

Wie lange dauert der Aufbau einer ambidextren, agilen Organisation?
Realistisch ist ein Horizont von 2–5 Jahren, abhängig von Größe, Branche und Ausgangslage. Entscheidend ist, in klar abgegrenzten Schritten vorzugehen, statt alles gleichzeitig verändern zu wollen.


Fazit Ambidextrie vs. Agilität: Ambidextrie und Agilität gezielt verbinden

Ambidextrie und Agilität sind keine konkurrierenden Managementmoden, sondern komplementäre Antworten auf unterschiedliche Ebenen derselben Herausforderung:

Erst wenn beide Perspektiven zusammengedacht werden – strategisch, strukturell, kulturell und operativ – entfaltet sich das volle Potenzial:

Wenn Sie für Ihr Unternehmen klären möchten, wie Ambidextrie, agile Arbeitsweisen und Ihr bestehendes Operating Model sinnvoll zusammenpassen, ist es hilfreich, externe Perspektive einzubeziehen. Ein erfahrener Partner wie PURE Consultant kann Sie dabei unterstützen, Strategie, Struktur, Governance und konkrete Umsetzung in Projekten so zu verzahnen, dass Ambidextrie und Agilität nicht als Programme neben dem Tagesgeschäft laufen, sondern zur integrierten Handlungslogik Ihrer Organisation werden.

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