Ambidextrie erklärt – Ambidextrie gilt als eine der wichtigsten Antworten auf die Frage, wie Unternehmen gleichzeitig effizient im Kerngeschäft bleiben und sich dennoch radikal erneuern können. Viele Organisationen stecken genau in diesem Dilemma: Einerseits sollen Prozesse stabil laufen, Kosten sinken und Qualität steigen. Andererseits verlangt der Markt nach Innovation, neuen Geschäftsmodellen und hoher Veränderungsgeschwindigkeit.
Dieser Beitrag erklärt Ambidextrie verständlich, zeigt Formen und Praxisbeispiele und beschreibt, wie Sie als Entscheider, Führungskraft oder Projektmanager Ambidextrie konkret einführen und steuern können.

Was bedeutet Ambidextrie in Unternehmen?
Kurzdefinition:
Ambidextrie (organisationale Beidhändigkeit) beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, gleichzeitig das bestehende Kerngeschäft zu optimieren (Exploitation) und neue Chancen durch Innovation zu erkunden (Exploration) – ohne dass sich diese beiden Ziele gegenseitig blockieren.
Wichtige Begriffe:
- Exploitation
- Ausschöpfen und Skalieren des Bestehenden
- Fokus: Effizienz, Standardisierung, Kostensenkung, Qualität
- Typisch: operative Exzellenz, kontinuierliche Verbesserung
- Exploration
- Erkunden von Neuem
- Fokus: Innovation, Experimente, neue Technologien, neue Märkte
- Typisch: Prototypen, Pilotprojekte, radikale Ideen
Eine ambidextre Organisation schafft Strukturen, Prozesse und eine Kultur, in der beide Logiken – Effizienz und Innovation – bewusst nebeneinander existieren und professionell gemanagt werden.
Warum Ambidextrie für Unternehmen immer wichtiger wird
Unternehmen stehen heute parallel vor mehreren Herausforderungen:
- Digitalisierung und Automatisierung verändern Wertschöpfungsketten in hoher Geschwindigkeit.
- Neue Wettbewerber und Plattformen greifen etablierte Geschäftsmodelle an.
- Kundenanforderungen ändern sich schneller, Zyklen werden kürzer.
- Fachkräftemangel und Kostendruck erzwingen Effizienz und klare Priorisierungen.
Das führt zu einem Spannungsfeld:
- Wer nur Exploitation beherrscht, wird sehr effizient in etwas, das morgen vielleicht nicht mehr gefragt ist.
- Wer nur Exploration betreibt, erzeugt viele Ideen, aber keine nachhaltige Wertschöpfung.
Ambidextrie erklärt genau dieses Spannungsfeld und bietet einen Rahmen, wie Organisationen bewusst zwischen Erneuerung und Stabilität balancieren.
Formen der organisationalen Ambidextrie
In der Praxis haben sich drei Hauptformen etabliert, wie Unternehmen Ambidextrie organisieren:
1. Strukturelle Ambidextrie
Strukturelle Ambidextrie trennt Exploration und Exploitation organisatorisch.
Typische Merkmale:
- Eigenes Innovationsteam / Innovation Lab getrennt von der Linie
- Unterschiedliche Prozesse und KPIs für Tagesgeschäft und Innovation
- Unterschiedliche Führungslogiken (z. B. agile Methoden im Innovationsteam vs. klassische Linienorganisation)
Vorteile:
- Klare Fokussierung je Einheit
- Schutz der Innovation vor Tagesgeschäft
- Passende Steuerung je Kontext (z. B. andere Budgets, andere Metriken)
Risiken:
- „Elfenbeinturm-Innovation“, wenn die Brücke zur Linie fehlt
- Spannungen zwischen innovativen Einheiten und operativen Bereichen
2. Kontextuelle Ambidextrie
Kontextuelle Ambidextrie bedeutet, dass ein und dieselbe Organisationseinheit (z. B. ein Team oder Bereich) sowohl Exploitation als auch Exploration leistet – je nach Situation.
Typische Merkmale:
- Mitarbeiter dürfen innerhalb ihres Aufgabenbereichs experimentieren
- Führung schafft Rahmenbedingungen: Ziele, Leitplanken, Ressourcen
- Hohe Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit im Team
Vorteile:
- Keine harte Trennung, weniger Silos
- Nah am Kunden, schnelle Rückkopplung
- Ambidextrie wird zum Führungsthema im Alltag, nicht nur im „Innovationsteam“
Risiken:
- Überforderung, wenn Prioritäten unklar sind
- Explorative Themen können im Alltagsgeschäft untergehen
3. Sequentielle Ambidextrie
Sequentielle Ambidextrie wechselt zeitlich zwischen Phasen der Exploitation und Phasen der Exploration.
Typische Merkmale:
- Unternehmen fokussiert sich einige Jahre stark auf Optimierung, danach bewusst auf Erneuerung bestimmter Bereiche
- Projekte oder Programme laufen in klar definierten Innovationswellen
Vorteile:
- Konzentration auf eine Logik pro Phase
- Gut geeignet für Unternehmen, die gerade größere Transformationen durchlaufen
Risiken:
- Gefahr, dass Exploration immer „verschoben“ wird
- Trägheit bei zu langen Exploitation-Phasen
Praxisbeispiele: Wie ambidextre Organisationen aussehen
Die abstrakten Konzepte werden greifbarer, wenn man typische Muster ambidextrer Organisationen betrachtet.
Beispiel 1: Mittelständler mit Innovationsunit
- Kernorganisation:
- Fokus auf Serienfertigung, Qualität, Liefertermine
- Lean Management, Standardprozesse, klare Hierarchien
- Explorative Einheit (z. B. „Digital Business Unit“):
- Entwickelt neue digitale Services rund um das Produkt
- Arbeitet agil, in crossfunktionalen Teams
- Nutzt eigene Tools und Entscheidungswege
Wichtig: Es gibt klare Schnittstellen zur Linie, etwa über gemeinsame Steering Committees oder Portfolio-Boards.
Beispiel 2: IT-Organisation mit „bimodaler“ Struktur
- Modus 1 (Exploitation):
- Stabiler Betrieb, SLA-Erfüllung, Sicherheit, Compliance
- Modus 2 (Exploration):
- Pilottests mit Cloud-Lösungen, KI-Anwendungen, neuen Technologien
- Enge Zusammenarbeit mit Fachbereichen und Start-ups
Ambidextrie wird hier sichtbar in unterschiedlichen Projektarten, Prozessen und Governance-Strukturen.
Beispiel 3: Projektportfolio mit ambidextrem Mix
- Operative Projekte: Systemrollouts, Prozessharmonisierung, Kostensenkung
- Explorative Projekte: neue Geschäftsmodell-Piloten, Innovationspartnerschaften, MVPs
Die Ambidextrie findet im Portfolio statt: Die Organisation achtet bewusst auf eine Balance von „Run the Business“ und „Change the Business“.
Ambidextrie vs. klassisches Change- und Innovationsmanagement
Ambidextrie ist mehr als „ein weiteres Veränderungsprojekt“ oder ein Innovationsprogramm.
Unterschiede im Überblick:
- Fokus
- Klassisches Change Management: Umsetzung einer klar definierten Zielstruktur
- Innovationsmanagement: Generierung und Umsetzung von neuen Ideen
- Ambidextrie: Dauerhafte Balance zwischen Optimierung und Innovation
- Zeithorizont
- Klassischer Change: meist zeitlich begrenzt
- Ambidextrie: langfristiges Organisationsprinzip
- Umfang
- Innovationsmanagement oft punktuell (z. B. Ideenkampagne, Hackathon)
- Ambidextrie betrifft Struktur, Kultur, Führung, Steuerung und Portfolio gleichzeitig
Ambidextrie erklärt damit nicht nur ein Projekt, sondern ein grundlegendes Führungs- und Organisationsprinzip.
Voraussetzungen für eine ambidextre Organisation
Damit Ambidextrie funktioniert, braucht es bestimmte Voraussetzungen auf mehreren Ebenen.
Struktur & Governance
- Klare Rollen für Exploitation (Linie, Betrieb, Delivery) und Exploration (Innovation, Transformation)
- Entscheidungsstrukturen, die schnelle Freigaben für Experimente ermöglichen
- Projekt- und Portfoliosteuerung, die sowohl Effizienz- als auch Innovationsziele abbildet
Kultur & Mindset
- Akzeptanz von Spannung und Widerspruch („Sowohl-als-auch“ statt „Entweder-oder“)
- Fehler- und Lernkultur für experimentelle Vorhaben
- Wertschätzung sowohl operativer Leistung als auch innovativer Beiträge
Führung
- Führungskräfte, die bewusst zwischen Stabilität und Veränderung navigieren
- Fähigkeit, sehr unterschiedliche Teams zu führen (Prozessdenker und Innovatoren)
- Bereitschaft, Prioritäten transparent zu machen und Zielkonflikte anzusprechen
Kompetenzen & Methoden
- Know-how in Lean, Prozessmanagement, Kontinuierlicher Verbesserung
- Know-how in Agilität, Design Thinking, Lean Startup, Innovationsmethoden
- Fähigkeit, die richtige Methode für den Kontext auszuwählen
Ambidextrie umsetzen: Schritt-für-Schritt-Vorgehen
Wie lässt sich Ambidextrie konkret einführen? Eine mögliche Vorgehensweise:
- Ist-Analyse: Wo stehen wir heute?
- Welche Bereiche sind stark auf Exploitation ausgerichtet?
- Wo finden bereits explorative Aktivitäten statt (oft informell)?
- Welche Zielkonflikte werden heute nicht adressiert?
- Zielbild definieren
- Wo brauchen wir mehr Exploration (z. B. neue Geschäftsmodelle, neue Technologien)?
- Wo ist operative Exzellenz besonders kritisch?
- Welche Form der Ambidextrie (strukturell, kontextuell, sequentiell) passt zu uns?
- Organisatorische Verankerung
- Entscheidung: eigene Innovationsbereiche, Labs, Venture-Einheiten oder kontextuelle Ambidextrie im Team
- Anpassung von Rollen, Gremien und Entscheidungswegen
- Etablierung eines Projekt- und Portfoliomanagements, das beides abbildet
- Führungs- und Kulturarbeit
- Schulungen und Sparrings für Führungskräfte (Ambidextriekompetenz)
- Klärung von Erwartungen und Leitplanken an Teams
- Anpassung von Incentives und Performance-Systemen, um Exploration nicht zu bestrafen
- Pilotierung
- Start in ausgewählten Bereichen (z. B. ein Geschäftsbereich, ein Land, eine Produktlinie)
- Konkrete Ambidextrie-Piloten: Kombination von Effizienzprojekt und Innovationsprojekt
- Laufende Reflexion: Was funktioniert, wo hakt es?
- Skalierung und Verstetigung
- Erfolgreiche Muster in andere Bereiche übertragen
- Anpassung von Governance, KPIs und Struktur auf Gesamtunternehmensebene
- Ambidextrie als dauerhaftes Führungsprinzip verankern
Ambidextrie in Projekten und Portfolios
Für Projektleiter und PMOs ist Ambidextrie besonders relevant, weil sie sich direkt im Projektportfolio widerspiegelt.
Ambidextre Projektlandschaft gestalten
Typische Fragen:
- Wie hoch sollte der Anteil explorativer Projekte im Portfolio sein?
- Welche Projekte dienen vorrangig der Kostensenkung, Standardisierung, Risikominimierung?
- Welche Projekte adressieren neue Geschäftsmodelle, Innovation, Zukunftsthemen?
Ein ambidextres Portfolio berücksichtigt beispielsweise:
- Run-Projekte (Exploitation)
- Prozessoptimierung
- Systemharmonisierung
- Effizienzsteigerung
- Change-/Grow-Projekte (Exploration)
- Innovationspiloten
- Digitale Geschäftsmodelle
- Markteintritte, neue Kundensegmente
Projektmanagement-Ansätze differenziert einsetzen
- Exploitative Projekte:
- Eher klassische PM-Ansätze (Wasserfall, PRINCE2, klare Scope-Definition)
- Starke Planung, Risikomanagement, Termin- und Budgetfokus
- Explorative Projekte:
- Agile Methoden (Scrum, Kanban, Design Sprints)
- Iteratives Vorgehen, MVPs, frühes Kundenfeedback
Ambidextres Projektmanagement bedeutet, bewusst das richtige Vorgehensmodell pro Projekttyp zu wählen und im Portfolio die Balance zu steuern.
Kennzahlen und Steuerung einer ambidextren Organisation
Ambidextrie erklärt auch, warum klassische KPI-Sets oft nicht ausreichen: Sie sind meist stark auf Exploitation ausgerichtet.
Typische Exploitation-Kennzahlen
- Produktivität pro Mitarbeiter
- Durchlaufzeit, Fehlerrate, Ausschuss
- Kosten je Einheit, OEE, SLA-Erfüllung
- Stabilität und Verfügbarkeit von IT-Systemen
Typische Exploration-Kennzahlen
- Anzahl und Qualität von Innovationsprojekten
- Time-to-Market für neue Produkte/Services
- Anteil des Umsatzes aus neuen Angeboten (z. B. <3 Jahre im Markt)
- Anzahl getesteter Hypothesen / Experimente
- Kundenfeedback und Nutzungsraten neuer Lösungen
Ambidextre Steuerung in der Praxis
- Getrennte KPI-Sets für Linienorganisation und Innovationseinheiten
- Portfolio-Reporting, das Run- und Change-Projekte sichtbar macht
- Regelmäßige Strategie-Reviews, in denen die Balance von Exploration und Exploitation reflektiert wird
Entscheidend ist, dass explorative Einheiten nicht an rein exploitationsorientierten Kennzahlen gemessen werden – sonst werden Innovation und Risikoaversion unbewusst bestraft.
Typische Stolpersteine und wie Sie sie vermeiden
Bei der Einführung von Ambidextrie tauchen in vielen Unternehmen ähnliche Probleme auf.
Häufige Stolpersteine:
- Unklare Prioritäten
- Exploration wird „on top“ zum Tagesgeschäft gepackt
- Lösung: Klare Entscheidungs- und Ressourcenpriorisierung, explizite Zeitbudgets
- Falsche Messgrößen
- Innovation wird mit Effizienzkennzahlen bewertet
- Lösung: Eigenständige KPI-Logik für explorative Aktivitäten
- Silo-Denken zwischen Linie und Innovationseinheiten
- „Die da drüben im Lab“ vs. „die im Tagesgeschäft“
- Lösung: Gemeinsame Gremien, Rotationsprogramme, gemischte Teams
- Überforderung der Führungskräfte
- Widersprüchliche Anforderungen (Kosten senken und gleichzeitig innovativ sein)
- Lösung: Qualifizierung zu ambidextrem Führen, Peer-Formate, Sparring
- Symbolische Ambidextrie
- Innovationstheater ohne echte Entscheidungs- und Ressourcenmacht
- Lösung: Klare Mandate, Budgets und Entscheidungsrechte für explorative Vorhaben
Ambidextrie funktioniert nur, wenn das Top-Management bereit ist, echte Zielkonflikte auszuhalten und transparent zu machen.
Häufige Fragen rund um Ambidextrie
Was ist Ambidextrie einfach erklärt?
Ambidextrie bedeutet, dass ein Unternehmen gleichzeitig sein bestehendes Kerngeschäft effizient betreibt (Exploitation) und neue Chancen durch Innovation und Experimente erkundet (Exploration) – beides wird bewusst organisiert und gesteuert.
Warum ist Ambidextrie wichtig?
Weil reine Effizienzorientierung in stabilen Märkten zwar funktioniert, aber in dynamischen, digitalen Märkten nicht mehr genügt. Unternehmen brauchen beides: Kurzfristige Performance und langfristige Erneuerungsfähigkeit.
Wie unterscheidet sich organisationale Ambidextrie von persönlicher Ambidextrie?
Persönliche Ambidextrie beschreibt die Fähigkeit einer Führungskraft oder Person, zwischen unterschiedlichen Denkmustern und Aufgaben zu wechseln. Organisationale Ambidextrie fokussiert auf Strukturen, Prozesse und Kultur der gesamten Organisation.
Braucht jedes Unternehmen Ambidextrie?
Nicht jedes Unternehmen braucht den gleichen Ausprägungsgrad. Aber praktisch alle Organisationen profitieren davon, bewusst zu entscheiden, wo mehr Exploration nötig ist und wo Exploitation im Vordergrund stehen soll.
Wie lange dauert es, Ambidextrie aufzubauen?
Die Einführung ist kein kurzfristiges Projekt. Erste sichtbare Ergebnisse können innerhalb von 6–18 Monaten entstehen (z. B. durch Piloten), die volle Verankerung als dauerhaftes Führungsprinzip dauert meist mehrere Jahre.
Fazit Ambidextrie erklärt: Ambidextrie als zentrale Führungsaufgabe
Ambidextrie erklärt das Kernproblem moderner Unternehmen: Wie können wir zugleich stabil und innovativ sein? Die Antwort liegt nicht in der Wahl von „entweder Effizienz oder Innovation“, sondern im bewussten Gestalten eines Sowohl-als-auch:
- Strukturen und Governance, die Exploitation und Exploration unterscheiden und verbinden
- Kultur und Führung, die Widersprüche aushalten und produktiv machen
- Projektportfolios und Kennzahlensysteme, die beide Logiken sichtbar und steuerbar machen
Für Entscheider, Projektmanager und Führungskräfte bedeutet das: Ambidextrie ist keine Aufgabe „der Innovationseinheit“, sondern ein zentrales Element moderner Unternehmensführung.
Wenn Sie prüfen möchten, wie ambidextre Ihr Unternehmen heute bereits ist und wo konkrete Hebel zur Verbesserung liegen, kann ein externer Sparringspartner helfen – etwa für eine Ambidextrie-Reifegradanalyse, die Gestaltung Ihres Projektportfolios oder die Begleitung eines Piloten. Die PURE Consultant unterstützt Organisationen genau in diesen Fragestellungen und entwickelt gemeinsam mit Ihnen ein Vorgehen, das zu Ihrer Struktur, Kultur und Strategie passt.