Service Owner vs. Service Manager vs. Process Owner – Wie Sie Rollen endlich sauber trennen und wirksam zusammenbringen
In vielen Organisationen tauchen immer wieder dieselben Fragen auf: Wer ist eigentlich wofür verantwortlich? Warum spricht der eine vom Service Owner, der andere vom Service Manager und ein dritter vom Process Owner – und alle meinen etwas anderes?
Wenn diese Rollen unscharf bleiben, entstehen Reibungsverluste, Grauzonen und am Ende unzufriedene Kunden. Wenn Sie die Rollen dagegen klar definieren und gezielt zusammenspielen lassen, gewinnen Sie an Transparenz, Geschwindigkeit und Qualität.
In diesem Fachartikel erfahren Sie:
- wie sich Service Owner, Service Manager und Process Owner fachlich unterscheiden
- welche Verantwortlichkeiten jede Rolle konkret trägt
- wie die Rollen in der Praxis optimal zusammenarbeiten
- welche typischen Fehler Sie vermeiden sollten
- wie Sie die Rollen in Ihrem Unternehmen pragmatisch einführen oder schärfen

1. Begriffsgrundlagen: Service, Prozess und Verantwortung
Bevor wir in die Rollen einsteigen, lohnt sich ein kurzer Blick auf zwei Kernbegriffe: Service und Prozess. Denn hier liegt oft schon die erste Ursache für Missverständnisse.
1.1 Was ist ein „Service“?
Vereinfacht gesagt, ist ein Service eine wiederkehrende Leistung, die einen erkennbaren Geschäftsnutzen stiftet. Ein Service:
- löst ein konkretes Problem oder unterstützt einen Geschäftsprozess
- besitzt einen definierten Leistungsumfang (Scope)
- hat messbare Qualitätsmerkmale (z. B. Verfügbarkeit, Reaktionszeiten)
- hat eine klar benannte Zielgruppe (interne oder externe Kunden)
Beispiele: „E-Mail & Kollaboration“, „SAP Finanzbuchhaltung“, „HR-Self-Service-Portal“.
1.2 Was ist ein „Prozess“?
Ein Prozess beschreibt dagegen den geregelten Ablauf von Aktivitäten, die eine bestimmte Zielsetzung unterstützen. Prozesse:
- sind standardisierte Vorgehensweisen
- definieren Rollen, Inputs, Outputs und Entscheidungspunkte
- laufen oft über mehrere Services und Teams hinweg
Beispiele: „Incident Management“, „Change Management“, „Request Fulfilment“, „Onboarding-Prozess“.
1.3 Warum die Rollen schnell verschwimmen
Weil Services und Prozesse eng verzahnt sind, vermischen sich in der Praxis häufig auch die Rollen. Dennoch verfolgen sie unterschiedliche Ziele:
- Service-Rollen fokussieren auf den Wert des Services für den Kunden.
- Prozess-Rollen fokussieren auf Effizienz, Einheitlichkeit und Steuerbarkeit der Abläufe.
Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für die drei Rollen: Service Owner, Service Manager und Process Owner.
2. Der Service Owner – „CEO“ eines einzelnen Services
Der Service Owner ist die unternehmerische Verantwortungsperson für einen spezifischen Service. Er betrachtet „seinen“ Service wie ein Produkt mit Lebenszyklus, Business-Case und Zielgruppe.
2.1 Kernaufgabe: Business Value sicherstellen
Der Service Owner sorgt dafür, dass der Service:
- einen klaren Beitrag zu den Geschäftszielen leistet
- wirtschaftlich sinnvoll betrieben wird
- über seinen Lebenszyklus hinweg weiterentwickelt wird
- für Kunden verständlich beschrieben und bestellbar bleibt
Typische Verantwortlichkeiten sind:
- Definition von Zweck, Zielgruppe und Nutzen des Services
- Gestaltung des Service-Designs (Leistungsumfang, Optionen, Packages)
- Festlegung und Priorisierung des Anforderungs-Backlogs zum Service
- Mitwirkung an Preis- und Kostenmodellen
- Verantwortung für KPIs, z. B. Kundenzufriedenheit, Nutzung, Wirtschaftlichkeit
2.2 Blickrichtung: vom Business zum Service
Der Service Owner denkt konsequent vom Kunden her. Deshalb spricht er intensiv mit Fachbereichen, versteht deren Sprache und übersetzt Anforderungen in Service-Funktionen.
Gleichzeitig muss er technische Möglichkeiten und Restriktionen kennen, damit er realistische Zusagen macht und tragfähige Roadmaps entwirft.
2.3 Typisches Profil und Einordnung
In vielen Unternehmen findet man Service Owner:
- in der IT-Organisation mit starkem Business-Fokus
- im Produktmanagement (bei extern vermarkteten Digital-Services)
- in Shared-Service-Organisationen (z. B. HR, Finance, Procurement)
Er agiert häufig auf strategischer oder taktischer Ebene, wobei er eng mit Service Managern, Architekten und dem Business zusammenarbeitet.
3. Der Service Manager – Orchestrator des täglichen Servicebetriebs
Während der Service Owner die unternehmerische Verantwortung trägt, kümmert sich der Service Manager um den reibungslosen Betrieb des Services im Alltag.
3.1 Kernaufgabe: Stabilität, Qualität und kontinuierliche Verbesserung
Der Service Manager stellt sicher, dass der Service:
- gemäß den vereinbarten SLAs bereitgestellt wird
- operativ stabil und verfügbar bleibt
- strukturiert verbessert wird, wenn Probleme oder Chancen sichtbar werden
Typische Verantwortlichkeiten:
- Steuerung der operativen Leistung (SLA-Monitoring, Reports)
- Koordination von Support-, Betriebs- und Lieferanten-Teams
- Eskalationsmanagement bei Störungen oder Qualitätsproblemen
- Initiierung und Nachverfolgung von Service-Verbesserungsmaßnahmen
- Abstimmung mit dem Service Owner über Kapazitäten, Risiken und Prioritäten
3.2 Blickrichtung: vom Betrieb zur Kundenerfahrung
Der Service Manager beobachtet permanent, wie der Service im Alltag funktioniert, und er leitet daraus konkrete Maßnahmen ab. Er balanciert dabei technische, organisatorische und vertragliche Rahmenbedingungen mit der erlebten Kundenzufriedenheit aus.
3.3 Abgrenzung zum Service Owner
Eine bewährte Faustregel lautet:
- Service Owner: „Was soll der Service leisten und warum?“
- Service Manager: „Wie stellen wir sicher, dass der Service das Tag für Tag wirklich leistet?“
In kleineren Organisationen vereint eine Person diese beiden Hüte, jedoch entstehen mit wachsender Komplexität klare Vorteile, wenn Sie die Rollen trennen.
4. Der Process Owner – Architekt standardisierter Abläufe
Der Process Owner ist nicht für einen einzelnen Service zuständig, sondern für einen Prozess, der typischerweise serviceübergreifend wirkt. Er denkt in Regeln, Rollen, Abläufen und Steuerungsgrößen.
4.1 Kernaufgabe: Prozessdesign und Governance
Der Process Owner sorgt dafür, dass ein Prozess:
- klar definiert, dokumentiert und verständlich ist
- einheitlich im gesamten Geltungsbereich angewendet wird
- an übergeordnete Standards (z. B. ITIL, ISO 20000) anschlussfähig bleibt
- messbar, steuerbar und kontinuierlich verbesserbar ist
Typische Verantwortlichkeiten:
- Definition von Prozesszielen, -rollen, -aktivitäten und -schnittstellen
- Erstellung und Pflege von Prozessdokumentationen (Flows, Anweisungen)
- Festlegung von Prozesskennzahlen (z. B. MTTR im Incident Management)
- Bewertung von Prozess-Compliance und Identifikation von Schwachstellen
- Abstimmung mit Service- und Linienorganisation, wenn sich Anforderungen ändern
4.2 Blickrichtung: vom Gesamtprozess zu beteiligten Services
Ein Process Owner schaut weniger auf den Wert eines einzelnen Services, sondern auf das Zusammenspiel der beteiligten Einheiten.
Wenn zum Beispiel ein Incident-Prozess mehrere Service-Teams betrifft, sorgt der Process Owner für konsistente Regeln, während die Service Owner auf den Wert ihrer individuellen Services achten und die Service Manager die Prozesse im Alltag leben.
5. Rollen im Vergleich: Wer macht was?
Damit die Unterschiede klarer werden, hilft eine komprimierte Gegenüberstellung.
5.1 Auf einen Blick
- Service Owner
- Fokus: Business Value eines Services
- Ebene: eher strategisch/taktisch
- Treibt: Service-Strategie, Scope, Roadmap, Wirtschaftlichkeit
- Service Manager
- Fokus: Qualität und Stabilität im Betrieb eines Services
- Ebene: eher taktisch/operativ
- Treibt: SLA-Erfüllung, tägliche Steuerung, operative Verbesserungen
- Process Owner
- Fokus: Effizienz und Einheitlichkeit eines Prozesses
- Ebene: organisationale Governance
- Treibt: Prozessdesign, Prozessregeln, Messgrößen, Einhaltung
5.2 Typische Missverständnisse und deren Folgen
Häufige Missverständnisse sind:
- Service Owner = technischer Experte
- Folge: Der Blick auf Business Value fehlt, und Entscheidungen orientieren sich zu stark an Technologie.
- Service Manager = besserer Teamleiter im Betrieb
- Folge: Der Service Manager verwaltet nur Tickets, statt übergreifend zu steuern und aktiv zu verbessern.
- Process Owner = Dokumentationsverantwortlicher
- Folge: Prozesse existieren nur auf dem Papier, werden aber nicht aktiv gemanagt oder verbessert.
Sobald Sie diese Rollen missverstehen, verlieren Sie Geschwindigkeit, Verantwortlichkeiten bleiben diffus und Entscheidungen ziehen sich unnötig in die Länge.
6. Zusammenarbeit in der Praxis: Wer greift wann wie ineinander?
Die Rollen entfalten ihren größten Wert, wenn sie bewusst aufeinander abgestimmt arbeiten. Reibung entsteht meist nicht durch „zu viele Rollen“, sondern durch unklare Schnittstellen.
6.1 Beispiel: Incident Management für einen zentralen Business-Service
Stellen Sie sich einen kritischen Business-Service vor, etwa „SAP Finance“. Jetzt tritt eine schwere Störung auf. Wer tut was?
- Service Manager
- koordiniert die operative Störungsbearbeitung
- stellt sicher, dass Support-Teams, Anbieter und Infrastruktur zusammenspielen
- informiert Stakeholder und pflegt die Kommunikationskanäle
- Process Owner Incident Management
- achtet darauf, dass der Incident-Prozess korrekt angewendet wird
- prüft, ob Eskalationsregeln, Priorisierung und Dokumentation passen
- nutzt das Ereignis, um Prozessschwächen zu erkennen und Verbesserungen abzuleiten
- Service Owner
- bewertet die Auswirkungen auf das Business
- priorisiert Maßnahmen im Kontext von Service-Roadmap und Finanzzielen
- entscheidet ggf. über zusätzliche Investitionen oder Kapazitätsanpassungen
Alle drei Rollen greifen also ineinander, doch jede Rolle hält ihre klare Perspektive.
6.2 RACI-orientierte Sicht
Zur Abgrenzung hilft ein einfaches RACI-Denken (Responsible, Accountable, Consulted, Informed):
- Accountable (letztverantwortlich):
- Servicewert & -strategie: Service Owner
- Serviceperformance im Betrieb: Service Manager
- Prozessdesign & -governance: Process Owner
- Responsible (operativ ausführend):
- Betreuung & Umsetzung von Verbesserungen im Servicebetrieb: Service Manager
- Pflege von Prozessdokumentation & Schulungen: Process Owner
- Consulted:
- Service Owner und Process Owner beraten den Service Manager bei größeren Änderungen, und der Service Manager gibt operative Rückmeldungen an beide.
- Informed:
- Key Stakeholder im Business, Compliance-Teams, Lieferanten, weitere Service-Owner.
7. Wie Sie die Rollen in Ihrem Unternehmen sauber zuschneiden
Theorie ist das eine, aber in Organisationen mit gewachsenen Strukturen wird die Umsetzung schnell komplex. Deshalb lohnt sich ein pragmatisches Vorgehen.
7.1 Schritt 1: Services und Prozesse inventarisieren
- Erstellen Sie ein Service-Portfolio mit klar beschriebenen Services.
- Legen Sie ein Prozessmodell fest (z. B. nach ITIL oder einem eigenen Framework).
- Klären Sie gemeinsam, welche Services für das Geschäft besonders kritisch sind.
7.2 Schritt 2: Rollenbeschreibungen formulieren
Für jede der drei Rollen sollten Sie klare, knappe Rollenbeschreibungen erarbeiten:
- Zweck der Rolle (Warum gibt es diese Rolle?)
- Kernverantwortungen (Was ist immer ihre Aufgabe?)
- Entscheidungskompetenzen (Wo darf die Rolle verbindlich entscheiden?)
- Schnittstellen (Mit wem arbeitet die Rolle eng zusammen?)
Achten Sie bewusst darauf, dass keine Überlappungen in der Letztverantwortung entstehen, damit Entscheidungen nicht zwischen den Stühlen hängen bleiben.
7.3 Schritt 3: Geeignete Personen benennen
- Wählen Sie Personen mit passendem Skillprofil und Mindset statt nur mit „freiem Zeitbudget“.
- Der Service Owner braucht ausgeprägte Business-Orientierung und Kommunikationsstärke.
- Der Service Manager benötigt operative Steuerungskompetenz, Durchsetzungsvermögen und ein gutes Verständnis für Prozesse.
- Der Process Owner sollte prozessuale Denke, Abstraktionsfähigkeit und Governance-Stärke mitbringen.
7.4 Schritt 4: Zusammenarbeit institutionalisieren
Rollen funktionieren nicht isoliert, deshalb sollten Sie gezielt Formate schaffen:
- Regelmeetings zwischen Service Owner und Service Manager (z. B. Service-Review)
- Prozess-Communities unter Leitung der Process Owner
- Gemeinsame Verbesserungs-Backlogs, in denen Service- und Prozessmaßnahmen sichtbar verknüpft sind
Wenn diese Foren gut moderiert sind, entsteht ein kontinuierlicher Dialog, der Silos abbaut und die Gesamtqualität deutlich verbessert.
7.5 Schritt 5: Messen, lernen, nachschärfen
Rollenmodelle reifen über die Zeit. Deshalb sollten Sie:
- früh Feedback einholen: „Wo ist unklar, wer entscheidet?“
- Kennzahlen pro Rolle definieren, die tatsächlich beeinflussbar sind
- Rollenbeschreibungen iterativ weiterentwickeln, statt sie in Stein zu meißeln
Auf diese Weise entwickelt sich ein lebendiges Governance-Modell, das sich an der Realität orientiert, statt diese zu ignorieren.
8. Typische Stolpersteine – und wie Sie sie vermeiden
Zum Abschluss ein paar Praxisfallen, die immer wieder auftreten:
- Alle Rollen bei einer Person bündeln
- In sehr kleinen Organisationen ist das manchmal unvermeidlich, aber Sie sollten trotzdem die unterschiedlichen Hüte bewusst machen, damit Sichtweisen nicht einseitig bleiben.
- Rollen definieren, aber keine echten Befugnisse geben
- Wenn Service Owner und Process Owner zwar Namen tragen, aber nichts entscheiden dürfen, verlieren die Rollen schnell an Glaubwürdigkeit.
- Fehlende Transparenz über Verantwortlichkeiten
- Sorgen Sie dafür, dass alle relevanten Mitarbeitenden wissen, wer Service Owner, Service Manager und Process Owner ist – und wie man diese Personen erreicht.
- Rollen von Werkzeugen diktieren lassen
- Tools unterstützen Prozesse und Services, sie definieren aber nie die Governance. Erst kommt die Rollenlogik, dann die Werkzeugkonfiguration.
9. Fazit Service Owner vs. Service Manager vs. Process Owner: Drei Rollen, ein Ziel
Service Owner, Service Manager und Process Owner verfolgen unterschiedliche Perspektiven, doch sie zahlen letztlich alle auf dasselbe Ziel ein: stabile, wertstiftende Services für das Business.
- Der Service Owner verantwortet den Geschäftsnutzen und die strategische Ausrichtung des Services.
- Der Service Manager stellt im Alltag sicher, dass der Service zuverlässig und in der vereinbarten Qualität läuft.
- Der Process Owner schafft die prozessuale Basis, damit Abläufe effizient, konsistent und steuerbar bleiben.
Wenn Sie diese Rollen klar benennen, sauber abgrenzen und konsequent in die Zusammenarbeit bringen, gewinnen Sie nicht nur Struktur, sondern vor allem Vertrauen – bei Kunden, bei Fachbereichen und bei Ihren eigenen Teams.