Auswirkungen des 996-Systems auf Mitarbeiter & Kultur – Ein Arbeitszeitmodell, in dem täglich von 9 bis 21 Uhr und das an sechs Tagen pro Woche gearbeitet wird, klingt zunächst wie ein Extremfall – ist aber in vielen Tech-Ökosystemen Realität. Das sogenannte 996-System gilt als Symbol bedingungsloser Leistungsbereitschaft, hat jedoch massive Nebenwirkungen auf Menschen, Teams und ganze Organisationen.
Dieser Beitrag zeigt, was hinter dem 996-Modell steckt, welche kurzfristigen Vorteile es verspricht, welche langfristigen Risiken es birgt – und wie Führungskräfte stattdessen eine belastbare Hochleistungskultur gestalten, ohne Mitarbeiter zu verschleißen.

Was ist das 996-System?
Das 996-System ist ein Arbeitszeitmodell, bei dem Mitarbeitende:
- von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends arbeiten
- an 6 Tagen pro Woche
- über längere Zeiträume hinweg, meist ohne systematischen Ausgleich
Kurz gesagt: rund 72 Stunden Arbeit pro Woche als quasi-normaler Zustand.
Seinen Ursprung hat das Modell vor allem in der chinesischen Tech- und Start-up-Szene, wurde aber international zum Synonym für extrem lange Arbeitszeiten, permanente Verfügbarkeit und eine Kultur, in der „Hustle“ wichtiger ist als Nachhaltigkeit.
Wichtige Merkmale:
- hohe Präsenzzeit statt klar definierter Leistungserwartungen
- unausgesprochener oder direkter sozialer Druck, ebenfalls so zu arbeiten
- Verschiebung von Normen: 40 Stunden wirken plötzlich „unterambitioniert“
Warum das 996-Arbeitsmodell für Unternehmen attraktiv erscheint
Aus Unternehmenssicht erscheint ein solches Modell auf den ersten Blick verlockend – insbesondere in wettbewerbsintensiven Märkten.
Häufige Argumente:
- „Wir müssen schneller liefern als der Wettbewerb.“
- „Unsere Kunden erwarten 24/7-Reaktionsfähigkeit.“
- „Wir sind ein Start-up, keine Behörde – hier gilt Ausnahmezustand.“
Versprochene Vorteile:
- Höhere Verfügbarkeit von Teams gegenüber Kunden und Stakeholdern
- Kurze Durchlaufzeiten für Projekte und Releases
- Signal nach innen: „Wir ziehen alle an einem Strang, jeder gibt 150 %“
- Signal nach außen: „Wir sind besonders leistungsbereit und hungrig“
Was dabei oft übersehen wird: Diese „Vorteile“ basieren auf einem kurzfristigen Leistungspeak, der sich aus Motivation, Gruppendruck und Adrenalin speist – und nicht auf strukturell gut aufgesetzten Prozessen.
Mittel- bis langfristig verschieben sich die Effekte deutlich ins Negative.
Wie wirkt sich das 996-System auf Mitarbeiter aus?
1. Gesundheit und psychische Belastung
Dauerhaft extreme Arbeitszeiten sind mit klaren Risiken verbunden:
- Erhöhtes Burn-out-Risiko durch anhaltende Überlastung
- Schlafmangel und daraus resultierende kognitive Einbußen
- Herz-Kreislauf-Belastung durch chronischen Stress
- Psychische Symptome wie Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung
Besonders kritisch: Der Schaden entsteht nicht über Nacht, sondern schleichend. Mitarbeitende „funktionieren“ oft erstaunlich lange, bis es zu einem plötzlichen Einbruch kommt – etwa in Form von Langzeiterkrankungen, innerer Kündigung oder einem abrupten Jobwechsel.
Typische Warnsignale im Alltag:
- stetig ansteigende Krankentage
- regelmäßig sehr späte E-Mails oder Chats
- kaum genommener Urlaub oder „Urlaub mit Laptop“
- Sätze wie „Das geht schon noch“ oder „Nach dem Projekt wird es besser“ – über Monate
2. Motivation, Engagement und Loyalität
Kurzfristig kann ein 996-Modell zu hoher Leistungsbereitschaft führen – etwa in kritischen Produktphasen. Langfristig wirkt es jedoch häufig demotivierend.
Typische Entwicklungen:
- Sinnverlust: Wenn Arbeit alles dominiert, wird selbst ein spannender Job zur Belastung.
- Abnehmende Identifikation: Mitarbeitende fühlen sich ausgenutzt statt wertgeschätzt.
- Schnellere Fluktuation: Gute Leute gehen dorthin, wo Leistung und Gesundheit besser ausbalanciert sind.
- „Quiet Quitting“: Formal wird gearbeitet, aber nur noch das absolute Minimum geliefert.
Für Führungskräfte wird es dadurch schwerer, eine stabile Kernmannschaft zu halten. Wissenstransfer leidet, Teams müssen ständig neu aufgebaut werden – was wiederum Druck erzeugt und das System verstärkt.
3. Produktivität und Fehlerquote
Auf den ersten Blick wirkt mehr Arbeitszeit wie mehr Output. In der Praxis ist das Gegenteil häufig der Fall:
- Sinkende Stundenproduktivität: Mit zunehmender Müdigkeit dauert jede Aufgabe länger.
- Steigende Fehlerquote: Fehler in Code, Konzepten oder Verträgen häufen sich.
- Mehr Rework: Zeit geht in Korrekturen, Firefighting und „Bugfixing“ statt in Wertschöpfung.
- Verlust an Kreativität: Unter Dauerstress fehlt kognitive Kapazität für neue Ideen oder strategisches Denken.
Besonders in wissensintensiven Umfeldern (IT, Beratung, Produktentwicklung) ist mentale Frische oft wertvoller als zusätzliche Stunden Präsenz.
Welche Folgen hat das 996-Modell für die Unternehmenskultur?
Ein Arbeitszeitmodell ist nie nur eine organisatorische Regel – es prägt tief die Kultur. Das 996-System sendet starke Signale, was in einem Unternehmen wirklich zählt.
1. Von Vertrauenskultur zu Präsenzkultur
Statt Vertrauen in Ergebnisorientierung entsteht:
- Misstrauen gegenüber normaler Arbeitszeit: Wer pünktlich geht, gilt als „weniger engagiert“.
- Heroisierung von Überstunden: Diejenigen mit der höchsten Präsenz erhalten oft die meiste Anerkennung.
- Mikromanagement: Führungskräfte achten stärker auf Verfügbarkeit als auf Output.
Die Folge: Menschen richten sich stärker danach, „gesehen“ zu werden, als danach, effektiv zu arbeiten. Präsenz ersetzt Leistung als Leitgröße.
2. Innovation und Fehlerkultur
Innovation braucht:
- Zeit zum Nachdenken
- psychologische Sicherheit
- die Möglichkeit, auch mal innezuhalten
Dauerhaftes 996-Arbeiten bewirkt das Gegenteil:
- Kein Raum für Reflexion: Es bleibt kaum Zeit, Prozesse oder Produkte zu hinterfragen.
- Fehlertoleranz sinkt: Unter Dauerstress steigt die Reizbarkeit, kleine Fehler eskalieren schneller.
- Kurzfristigkeit dominiert: Strategische Themen werden zugunsten von „Dringendem“ verschoben.
So können Unternehmen zwar kurzfristig viel Output generieren, mittelfristig aber an Innovationskraft verlieren.
3. Teamdynamik und interne Konflikte
In einer 996-geprägten Kultur entstehen typische Muster:
- Leistungswettbewerb statt Zusammenarbeit: „Wer bleibt am längsten?“ wird zur informellen Währung.
- Rollenverschiebung: Mitarbeitende ohne familiäre Verpflichtungen werden stärker belastet („Du kannst doch noch…“).
- Stille Ausgrenzung: Teilzeitkräfte, Eltern oder Ältere gelten unbewusst als „weniger belastbar“.
- Konflikte an den Schnittstellen: Teams, die (noch) normaler arbeiten, werden als Bremsklotz wahrgenommen.
Für Führungskräfte wird es schwierig, eine integrative, diverse und langfristig stabile Kultur aufzubauen.
Rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Rein rechtlich unterscheidet sich die Bewertung je nach Land stark. Während in einigen Märkten Arbeitszeitgesetze weniger restriktiv sind, setzen europäische Länder wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz klare Grenzen (z.B. tägliche Höchstarbeitszeit, Ruhezeiten).
Für international tätige Unternehmen ergeben sich Spannungsfelder:
- Unterschiedliche Erwartungen zwischen Standorten (z.B. Asien vs. DACH)
- Employer-Branding-Risiken, wenn extreme Arbeitszeiten öffentlich werden
- Konflikt mit ESG-Kriterien: Nachhaltige Unternehmensführung schließt systematische Selbstausbeutung eigentlich aus.
Selbst wenn 996-artige Modelle lokal rechtlich zulässig wären, kollidieren sie zunehmend mit gesellschaftlichen Erwartungen an gesunde, familienfreundliche Arbeitsbedingungen.
Messbare Folgen: woran Unternehmen 996-Tendenzen erkennen
Nicht jedes Unternehmen nennt sein Modell „996“. Oft entstehen ähnliche Muster schleichend – etwa durch Dauerprojekte, Personalknappheit oder eine „Always on“-Kultur.
Indikatoren, auf die Entscheider achten sollten:
1. HR-Kennzahlen
- steigende Fluktuationsrate, vor allem bei High Performern
- erhöhte Krankentage, insbesondere psychische Diagnosen
- auffällige Abgänge innerhalb der ersten 12–18 Monate
2. Projekt- und Qualitätskennzahlen
- häufiger Projektverzug trotz Überstunden
- Anstieg von Produktionsfehlern, Bugs oder Reklamationen
- hohe Rework-Anteile in Projekten
3. Mitarbeiterfeedback
- wiederkehrende Hinweise auf Überlastung in Mitarbeiterbefragungen
- Rückmeldungen wie „Wir sind nur noch im Feuerlöschen“
- sinkende Teilnahmebereitschaft an Weiterbildungsangeboten („Keine Zeit“)
Wer diese Signale ignoriert, zahlt mittelfristig einen hohen Preis – in barer Münze ebenso wie im Verlust von Reputation und Attraktivität als Arbeitgeber.
Warum 996 langfristig auch wirtschaftlich unattraktiv ist
Aus Managementperspektive lohnt sich ein Blick auf die Gesamtbilanz:
- Kosten durch Fluktuation: Recruiting, Onboarding, Produktivitätsverluste
- Kosten durch Fehler: Garantiefälle, Nacharbeit, Vertragsstrafen, Imageverlust
- Kosten durch Krankheit: Ausfallzeiten, Vertretungsaufwand, Wissenslücken
- Verpasste Chancen: nicht realisierte Innovationen, verschobene Initiativen
Vergleicht man diese Effekte mit den vermeintlichen Leistungsgewinnen, zeigt sich häufig: Das Modell ist ökonomisch fragwürdig. Kurzfristige Output-Erhöhung wird mit langfristigem Substanzverlust bezahlt.
Alternativen zum 996-System: nachhaltige Hochleistung
Die Frage lautet nicht: „Entweder 996 oder Bequemlichkeit“. Entscheidend ist: Wie gelingt hohe Leistungsfähigkeit ohne systematische Überlastung?
Ansätze, die sich in vielen Organisationen bewährt haben:
1. Klare Priorisierung und realistische Planung
- stringentes Portfolio-Management: Nicht jedes Projekt gleichzeitig
- Priorisierung nach strategischem Wert, nicht nach Lautstärke einzelner Stakeholder
- ehrliche Aufwandsschätzungen und transparente Kapazitätsgrenzen
2. Ergebnisorientierung statt Präsenzkultur
- Fokus auf Zielerreichung, nicht auf „abgesessene“ Stunden
- klare, messbare Objectives (z.B. OKR-Ansätze)
- regelmäßige Review-Formate, in denen Ergebnisse reflektiert werden
3. Zeitlich begrenzte Hochphasen mit echtem Ausgleich
Es wird immer Phasen geben, in denen mehr gearbeitet wird – etwa vor Produktlaunches. Entscheidend ist:
- diese Phasen klar zu benennen und zu begrenzen
- danach gezielt Ausgleich zu schaffen (z.B. zusätzliche freie Tage, ruhigere Projektphase)
- Hochphasen nicht zum Dauerzustand werden zu lassen
4. Strukturierte Zusammenarbeit und schlanke Prozesse
- gute Übergaben, klare Verantwortlichkeiten, saubere Dokumentation
- sinnvolle Meeting-Disziplin (Agenda, Zeitboxen, klare Entscheidungen)
- Automatisierung repetitiver Tätigkeiten, um wertschöpfende Arbeit zu stärken
5. Führung, die Grenzen ernst nimmt
Führungskräfte prägen Arbeitszeitnormen massiv:
- E-Mails am späten Abend nur in Ausnahmefällen – und nicht als Standard
- Vorleben gesunder Grenzen: auch selbst pünktlich Feierabend machen
- Offenes Ansprechen von Überlastung statt „Die Zähne zusammenbeißen lassen“
Wie Führungskräfte 996-Tendenzen im eigenen Umfeld erkennen
Ein pragmatischer Einstieg ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Reflexionsfragen:
- Wie oft arbeiten meine Teams regelmäßig deutlich über 45 Stunden pro Woche?
- Wer sind die „stillen Tragenden“, die immer wieder Überstunden machen, aber selten auffallen?
- Gibt es Projekte, die seit Monaten im „Dauer-Notfallmodus“ laufen?
- Wie reagieren wir, wenn jemand um Entlastung bittet – mit Verständnis oder mit Druck?
- Welche Signale sende ich selbst, bewusst oder unbewusst?
Ein einfaches, aber wirksames Vorgehen:
- Transparenz schaffen: Arbeitszeitdaten, Projektlast und Krankheitsquoten betrachten.
- Mitarbeitende befragen: anonymes Stimmungsbild zu Belastung und Kultur einholen.
- Hotspots identifizieren: Bereiche, Rollen oder Projekte mit besonders hoher Last markieren.
- Konkrete Maßnahmen planen: z.B. Umpriorisierung, zusätzliche Ressourcen, Prozessanpassungen.
- Regelmäßige Reviews: überprüfen, ob sich Belastung und Kultur messbar verbessern.
Praxisnahe Maßnahmen für Projektmanager und Linienführung
Im Projektkontext
- Puffer einplanen: unrealistische Terminpläne sind die Wurzel vieler 996-Muster.
- Transparente Risiken: lieber früh kommunizieren, wenn ein Termin kippen könnte, statt still Überstunden aufzubauen.
- Rollen sauber definieren: wer entscheidet, wer liefert zu, wer hat Vetorecht?
- Stakeholder-Management: Erwartungen aktiv steuern statt alles „hineinzuziehen“.
In der Linie und im Team
- Arbeitszeit aktiv thematisieren: z.B. in 1:1-Gesprächen und Teamrunden.
- Grenzen unterstützen: Mitarbeitende ernst nehmen, die „Nein“ sagen oder um Priorisierung bitten.
- Weiterbildung ermöglichen: statt Dauer-Feuerwehr Einsätze in Zukunfts- und Kompetenzthemen investieren.
- Erfolge anders sichtbar machen: nicht diejenigen feiern, die am längsten da sind, sondern die, die Probleme nachhaltig lösen.
Globale Unternehmen: Umgang mit unterschiedlichen Arbeitskulturen
Für international agierende Organisationen stellt sich zusätzlich die Frage: Wie gehe ich mit unterschiedlichen lokalen Normen um?
Empfehlenswerte Leitlinien:
- Klare globale Mindeststandards zu Arbeitszeit, Gesundheitsschutz und Pausen
- Lokale Anpassung ohne Verwässerung der Grundprinzipien
- Transparente Kommunikation, warum bestimmte Praktiken (z.B. 996-ähnliche Modelle) nicht akzeptiert werden
- Führungskräfteentwicklung, die interkulturelle Sensibilität und Verantwortung schärft
So lässt sich vermeiden, dass in einzelnen Regionen eine Überstundenkultur entsteht, die langfristig dem globalen Markenbild schadet.
Unterstützung bei der Transformation von Arbeitszeit- und Leistungskultur
Die Abkehr von einer impliziten 996-Logik hin zu einer nachhaltigen Hochleistungskultur ist kein Schnellschuss. Sie berührt:
- Strategie und Priorisierung
- Führungsverständnis und Anreizsysteme
- Projekt- und Portfoliosteuerung
- HR-Instrumente und Gesundheitsmanagement
Viele Unternehmen nutzen externe Sparringspartner, um blinde Flecken zu vermeiden und Veränderungsprozesse strukturiert aufzusetzen.
Wenn Sie Ihre aktuelle Arbeits- und Projektkultur kritisch überprüfen, Überlastungsmuster aufbrechen und gleichzeitig Leistung sichern möchten, kann eine unabhängige Perspektive hilfreich sein. Die PURE Consultant unterstützt Organisationen dabei, Arbeitszeitmodelle, Führung und Projektsteuerung so auszurichten, dass Hochleistung und Gesundheit kein Widerspruch sind – von der Analyse über Workshop-Formate bis zur Umsetzung im Alltag.
Fazit: Hochleistung ohne Selbstausbeutung
Das 996-System steht sinnbildlich für eine Arbeitswelt, die Geschwindigkeit und Verfügbarkeit über alles stellt. Kurzfristig mag das zu beeindruckenden Outputspitzen führen. Mittel- und langfristig schadet es jedoch Menschen, Kultur und wirtschaftlicher Substanz.
Für Entscheider, Projektmanager und Führungskräfte lautet der Kernpunkt:
- Hochleistung ist kein Produkt aus mehr Stunden, sondern aus kluger Fokussierung, guten Prozessen und verantwortungsvoller Führung.
Wer Arbeitszeit, Belastung und Kultur aktiv gestaltet, gewinnt nicht nur an Attraktivität als Arbeitgeber, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Teams langfristig leistungsfähig, innovativ und loyal bleiben – ganz ohne 996.