996-System erklärt

996-System erklärt – Das 996-System gilt vielen als Sinnbild extremer Arbeitskultur – vor allem in Chinas Tech-Szene. Für internationale Unternehmen, Projektmanager und Führungskräfte ist es mehr als eine Kuriosität: Es wirft zentrale Fragen nach Produktivität, Verantwortung und Wettbewerbsfähigkeit auf.
Dieser Beitrag erklärt das 996-Modell verständlich, ordnet es rechtlich und kulturell ein, zeigt Risiken auf und leitet konkrete Handlungsimpulse für Führung und Organisation ab.

996-System erklärt
996-System erklärt

Was ist das 996-System?

Das 996-System ist ein in Teilen Chinas verbreitetes Arbeitszeitmodell.
Der Name steht für:

Damit summiert sich die Arbeitszeit typischerweise auf rund 72 Stunden pro Woche, häufig mit nur sehr begrenzten echten Ruhezeiten.

Kurzdefinition:

Das 996-System bezeichnet eine informelle, aber weit verbreitete Praxis in manchen chinesischen Unternehmen, bei der Beschäftigte regelmäßig von 9 bis 21 Uhr an sechs Tagen pro Woche arbeiten – also deutlich über den gesetzlichen Grenzen.

Typische Merkmale:


Woher kommt das 996-System?

Die 996-Arbeitskultur entstand vor allem im Kontext von:

Treiber waren insbesondere:

Das 996-Modell war nie ein offizielles Gesetz, sondern ein de-facto-Standard in bestimmten Branchen. Es wurde häufig als notwendige Bedingung für Erfolg verkauft – und von vielen Mitarbeitenden zunächst akzeptiert, teils sogar aktiv mitgetragen.


Rechtliche Situation in China: Ist das 996-System erlaubt?

Rein arbeitsrechtlich ist das 996-System nicht mit chinesischem Recht vereinbar.

Die wichtigsten Punkte:

Chinas Oberstes Volksgericht und die nationale Arbeitsbehörde haben das 996-Modell in Leitlinien und konkreten Gerichtsentscheidungen ausdrücklich als rechtswidrig eingestuft.[3] In mehreren Fällen wurden Unternehmen verurteilt, die Beschäftigte zur Teilnahme an 996-ähnlichen Modellen drängten oder diese für die Verweigerung von Überstunden sanktionierten.

Seitdem gilt:

Gleichzeitig zeigen Statistiken, dass die tatsächlichen durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten vieler Beschäftigter in China noch über den gesetzlichen Zielwerten liegen.[1] Juristische Realität und gelebte Praxis klaffen also häufig auseinander.


Warum Unternehmen das 996-System eingeführt haben

Aus Unternehmenssicht lässt sich die Verbreitung des 996-Systems durch eine Kombination aus Kultur, Anreizstrukturen und Wettbewerbsdruck erklären.

Typische Argumente von Befürwortern:

Aus Sicht mancher Gründer und Investoren ist 996 damit eine Art Turbo, um:

Kurzfristig kann ein solcher Ansatz tatsächlich sichtbare Effekte haben: Produkte kommen schneller auf den Markt, Bugs werden „über Nacht“ gefixt, Kundenanfragen werden außerhalb üblicher Geschäftszeiten beantwortet.

Die zentrale Frage für Führungskräfte lautet jedoch: Zu welchem Preis – und wie lange funktioniert das wirklich?


Die Schattenseiten: Risiken und Folgen des 996-Systems

Aus Sicht von Arbeitswissenschaft, Organisationspsychologie und Praxis ist das 996-Modell mit erheblichen Risiken verbunden – für Menschen, Unternehmen und ganze Ökosysteme.

1. Gesundheit und Sicherheit

2. Produktivität und Qualität

Kurzfristig steigt das Output-Volumen. Mittelfristig kippt der Effekt:

3. Employer Branding und Talentgewinnung

Arbeitskultur ist heute ein zentraler Wettbewerbsfaktor im „War for Talent“:

Für international agierende Unternehmen stellt sich zudem die Frage:
Will ich mich als Partner oder Investor mit einem Geschäftsmodell identifizieren, das auf systematischer Überlastung basiert?

4. Rechtliche und Compliance-Risiken

Auch wenn Kontrollen nicht überall gleich streng sind, wachsen die Risiken:

Für börsennotierte Unternehmen oder Firmen mit westlicher Eigentümerstruktur wird das zunehmend zum Governance-Thema.

5. Innovation und Kreativität

Innovative Lösungen entstehen selten im 14-Stunden-Dauerstress:


996-System im internationalen Vergleich

Einige Einordnungen für internationale Entscheider:

Im Vergleich wirkt das 996-System wie eine extreme Ausprägung einer global bekannten Tendenz:
kurzfristig Wachstum über Überlastung zu erkaufen – mit langfristig hohen Kosten.


Was Führungskräfte aus dem 996-Modell lernen können

Aus Managementperspektive lohnt es sich, das 996-System nicht nur als Negativbeispiel zu sehen, sondern die Lernchancen herauszuarbeiten.

1. Produktivität ist mehr als Präsenzzeit

2. Wachstumsziele brauchen realistische Kapazitätsplanung

3. Kultur schlägt jede Arbeitszeitrichtlinie


Alternativen zum 996-System: Hohe Leistung, gesunde Teams

Für Unternehmen, die hohe Ambitionen mit tragfähiger Arbeitskultur verbinden wollen, bieten sich verschiedene Ansätze an.

1. Klare Priorisierung und Portfolio-Management

2. Zielsysteme wie OKR (Objectives and Key Results)

3. Zeitlich begrenzte Intensive Phasen statt Dauer-Hochlast

4. Prozess- und Tool-Exzellenz

5. Führung & People Practices


996 bei Lieferanten und Partnern: Was Unternehmen beachten sollten

Viele internationale Unternehmen arbeiten mit Dienstleistern, Zulieferern oder Tochtergesellschaften in China zusammen. Damit rückt die Frage nach 996 indirekt auch in den eigenen Verantwortungsbereich.

Mögliche Handlungsfelder:

1. Transparenz herstellen

2. Verhaltenskodizes und Richtlinien

3. Integration in ESG- und Compliance-Systeme

4. Partnerschaftlich statt paternalistisch


Konkrete Empfehlungen für Entscheider und Projektmanager

Wenn Sie Verantwortung für Teams, Projekte oder einen Standort tragen und mit dem Thema Arbeitszeit ringen, können folgende Leitfragen helfen:

1. Diagnose: Wie „nah“ sind wir an 996?

2. Ursachen verstehen

3. Hebel für Veränderung

4. Governance und Kennzahlen

5. Externe Unterstützung nutzen

Gerade bei gewachsenen Strukturen ist es schwierig, Überlastmuster von innen zu erkennen und aufzubrechen. Externe Organisations- und Projektmanagement-Experten können helfen,

Beratungshäuser wie PURE Consultant unterstützen Unternehmen dabei, Projektarbeit, Ressourcenplanung und Governance so auszurichten, dass hohe Performance nicht auf Kosten der Gesundheit und Bindung der Mitarbeitenden geht.


Fazit: Warum das 996-System kein Zukunftsmodell ist

Das 996-System wirkt auf den ersten Blick wie eine radikale Antwort auf harten Wettbewerb und ambitionierte Wachstumsziele. Tatsächlich ist es vor allem ein Symptom für unausgewogene Strategien, unklare Prioritäten und fehlende professionelle Steuerung.

Für Entscheider, Projektmanager und Führungskräfte liegt die eigentliche Aufgabe darin, Arbeitsmodelle zu gestalten, die hohe Ziele ermöglichen, ohne Menschen zu verschleißen.

Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, Arbeitszeit, Effizienz und Ambition in ein tragfähiges Gleichgewicht zu bringen, stärkt nicht nur seine Attraktivität als Arbeitgeber, sondern auch die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Unternehmens.

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