Digitalisierung vs. Automatisierung – Die Begriffe „Digitalisierung“ und „Automatisierung“ werden in vielen Unternehmen synonym verwendet – mit handfesten Folgen: falsche Erwartungen, verfehlte Investitionen und Projekte, die zwar Technik einführen, aber keine Wirkung auf Produktivität oder Kundenerlebnis haben. Wer Entscheidungen zu Projekten und Budgets trifft, sollte den Unterschied genau verstehen.
In diesem Beitrag erfahren Sie, was Digitalisierung und Automatisierung wirklich bedeuten, wie sie zusammenwirken, wo typische Missverständnisse lauern – und wie Sie eine pragmatische Roadmap für Ihr Unternehmen aufsetzen. Mit klaren Definitionen, konkreten Beispielen aus der Praxis und einem Entscheidungsleitfaden, der Ihnen hilft, Prioritäten zu setzen und messbare Ergebnisse zu erzielen.

Was ist Digitalisierung?
Digitalisierung bezeichnet die Umwandlung analoger Informationen, Prozesse und Geschäftsmodelle in digitale Form und deren Nutzung zur Verbesserung von Effizienz, Qualität und Wertschöpfung.
Typische Dimensionen der Digitalisierung:
- Analoge Informationen digital erfassen (Dokumente, Formulare, Messwerte)
- Prozesse digital abbilden (Workflows, Tickets, Freigaben)
- Zusammenarbeit digital unterstützen (Collaboration-Tools, Wissensplattformen)
- Produkte und Services digital erweitern (Self-Service-Portale, Apps, IoT)
- Daten systematisch nutzen (Reporting, Analytics, KI-Anwendungen)
Wichtig: Digitalisierung ist zunächst ein Enabler. Sie schafft die Grundlagen, damit Informationen verfügbar, durchsuchbar und auswertbar sind. Ob daraus echte Effizienzgewinne entstehen, hängt davon ab, ob auch die Prozesse selbst angepasst und – wo sinnvoll – automatisiert werden.
Was ist Automatisierung?
Automatisierung bedeutet, wiederkehrende Tätigkeiten durch technische Systeme teilweise oder vollständig ohne menschliches Eingreifen ausführen zu lassen.
Formen der Automatisierung:
- Technische Automatisierung: Maschinen, Sensorik, Steuerungen in der Produktion
- Prozessautomatisierung (BPA): Ende-zu-Ende-Automatisierung von Geschäftsprozessen
- Workflow-Automatisierung: Regelbasierte Weiterleitung von Aufgaben und Informationen
- Robotic Process Automation (RPA): Bots bedienen bestehende Anwendungen wie ein Mensch
- IT-Automatisierung: Skripte, Orchestrierung, Infrastructure as Code
Automatisierung setzt oft digitale Daten und Systeme voraus, ist aber nicht identisch mit Digitalisierung. Man kann Prozesse digitalisieren, ohne sie zu automatisieren – und umgekehrt auch analoge Abläufe teilweise automatisieren (z. B. durch mechanische Vorrichtungen).
Digitalisierung vs. Automatisierung: Der zentrale Unterschied
Kurz gesagt:
Digitalisierung macht Informationen und Abläufe digital verfügbar.
Automatisierung lässt Aufgaben regelbasiert und ohne manuelle Eingriffe ablaufen.
Oder anders formuliert:
- Digitalisierung beantwortet die Frage:
„Wie bringen wir Informationen und Prozesse in eine digitale, vernetzte Form?“ - Automatisierung beantwortet die Frage:
„Welche Schritte können wir der Technik dauerhaft überlassen?“
In vielen erfolgreichen Vorhaben greifen beide Konzepte ineinander:
Sie digitalisieren zunächst Informationen und Prozesse (z. B. digitale Formulare, Workflows) und automatisieren dann klar definierte, wiederkehrende Schritte (z. B. Freigaben, Datentransfers, Benachrichtigungen).
Typische Missverständnisse in Unternehmen
Warum ist der Unterschied zwischen Digitalisierung und Automatisierung im Alltag so relevant? Weil Missverständnisse direkt zu Fehlentscheidungen führen. Häufige Beispiele:
- „Wir haben doch schon digitalisiert, warum sind wir nicht effizienter?“
Es wurden nur Papierprozesse 1:1 in digitale Form übertragen (z. B. PDF statt Formular), ohne Prozessoptimierung und Automatisierung. - „RPA löst unsere Digitalisierungsprobleme.“
RPA kann Lücken überbrücken, aber schlechte Prozesse und fragmentierte Systemlandschaften nicht dauerhaft heilen. - „Mehr Tools bedeuten mehr Digitalisierung.“
Viele Einzellösungen ohne integrierte Daten- und Prozesssicht erhöhen die Komplexität, statt sie zu senken. - „Automatisierung ersetzt Menschen.“
In der Praxis werden in vielen Wissens- und Verwaltungsbereichen Routinetätigkeiten automatisiert, um Kapazität für wertschöpfende Aufgaben zu schaffen.
Wer diese Fallstricke kennt, kann Projekte sauberer aufsetzen und Erwartungen besser steuern.
Praxisbeispiele: Digitalisierung ohne Automatisierung – und umgekehrt
1. Digitalisierung ohne Automatisierung
Ein Unternehmen führt ein zentrales Dokumentenmanagement ein:
- Papierakten werden eingescannt
- Dokumente sind durchsuchbar
- Zugriff ist standortübergreifend möglich
Aber:
- Freigaben erfolgen weiterhin per E-Mail
- Versionierung erfolgt manuell
- Verantwortlichkeiten sind unklar
Ergebnis: Informationen sind zwar digital vorhanden, doch Bearbeitungszeiten, Fehlerquoten und Abstimmungsaufwände bleiben nahezu unverändert. Das ist „Digitalisierung light“, aber noch keine echte Produktivitätssteigerung.
2. Automatisierung ohne echte Digitalisierung
In einer Produktionslinie werden mechanische Förderbänder und Sensoren eingesetzt, um Teile zu transportieren und zu zählen:
- Maschinen stoppen automatisch bei Störungen
- Zählerstände werden auf einem lokalen Display angezeigt
Aber:
- Daten werden nicht zentral erfasst oder ausgewertet
- Ursachenanalysen und Optimierungsmaßnahmen erfolgen manuell
- Schnittstellen zu ERP oder MES fehlen
Hier gibt es klare Automatisierung im technischen Sinne, aber kaum Digitalisierung im Sinne vernetzter, auswertbarer Daten und durchgängiger Prozesse.
3. Kombination aus Digitalisierung und Automatisierung
Ein Service-Center führt ein Ticket-System mit Self-Service-Portal ein:
- Kunden erfassen Anfragen über ein Webportal oder eine App
- Tickets werden automatisch kategorisiert und priorisiert
- Standardanfragen werden mit Wissensartikeln beantwortet
- Eskalationen laufen regelbasiert an die richtige Fachabteilung
- Reporting zeigt Engpässe, Bearbeitungszeiten und Ursachen
Hier greifen Digitalisierung (digitale Kanäle, strukturierte Daten, Wissensdatenbank) und Automatisierung (Routing, Standardantworten, Eskalationslogik) ineinander. Die Folge: schnellere Reaktionszeiten, transparente Steuerung und bessere Kundenzufriedenheit.
Warum der Unterschied strategisch so wichtig ist
Für Entscheider, Projektverantwortliche und Fachbereiche ist „Digitalisierung vs. Automatisierung“ keine akademische Diskussion, sondern eine Frage der richtigen Steuerung von Investitionen und Veränderung.
Wesentliche Gründe:
- Klarere Zielbilder
Wollen Sie Dokumente verfügbar machen, Prozesse vereinheitlichen, manuelle Tätigkeiten reduzieren oder neue Geschäftsmodelle schaffen? Je nach Ziel unterscheidet sich der Fokus. - Saubere Priorisierung von Projekten
Manche Bereiche profitieren zunächst von grundlegender Digitalisierung (z. B. Stammdatenqualität), andere direkt von Automatisierung (z. B. wiederkehrende Freigaben). - Bessere Kommunikation im Unternehmen
Wenn alle ein gemeinsames Verständnis haben, werden Erwartungen realistischer, Widerstände geringer und Entscheidungen nachvollziehbarer. - Gezieltere Auswahl von Technologien
Tools für Dokumentendigitalisierung, Workflow-Management, RPA, Low-Code, ERP, CRM oder Prozess-Mining haben unterschiedliche Stärken. Ohne klares Ziel entstehen „Tool-Zoos“. - Messbare Wertbeiträge
Nur wenn Sie wissen, ob Sie digitale Transparenz, Durchlaufzeitverkürzung, Fehlerreduktion oder Personalkapazitäten adressieren, können Sie geeignete Kennzahlen und Business Cases aufsetzen.
Wie entwickeln Sie eine kohärente Digitalisierungs- und Automatisierungsstrategie?
Ein pragmatisches Vorgehen könnte in folgenden Schritten aussehen:
- Ausgangslage erfassen
- Welche Kernprozesse sind für Ihr Geschäftsmodell kritisch?
- Wo existieren noch Medienbrüche (Papier, Excel, E-Mail-Chaos)?
- Welche Systeme und Datenquellen sind bereits vorhanden?
- Ziele klären und priorisieren
- Effizienz (Zeit, Kosten, Durchsatz)?
- Qualität (Fehlerreduktion, Compliance, Nachvollziehbarkeit)?
- Kundenerlebnis (Reaktionszeiten, Self-Service, Transparenz)?
- Innovation (neue Services, datengetriebene Angebote)?
- Prozesse analysieren und standardisieren
- Ist der Prozess stabil und sinnvoll, bevor Sie ihn digitalisieren?
- Gibt es Varianten, die vereinheitlicht werden sollten?
- Wo liegen heute Engpässe und manuelle Schleifen?
- Digitalisierung als Basis schaffen
- Digitale Erfassung (Formulare, Schnittstellen)
- Zentrale Datenhaltung (Stammdaten, Prozessdaten)
- Transparente Workflows (wer macht was, wann, womit)
- Automatisierungspotenziale identifizieren
Typische Kandidaten:- Hohe Volumen, niedrige Varianz (Standardaufträge, Standardanfragen)
- Klare Entscheidungsregeln (If-Then-Logiken, Schwellenwerte)
- Medienbrüche zwischen Systemen (Copy & Paste, Doppelpflege)
- Repetitive Tätigkeiten in Backoffice und Administration
- Technologieauswahl und Architektur klären
- ERP-/CRM-Erweiterungen oder spezialisierte Workflow-/BPM-Lösungen?
- RPA als Brückentechnologie oder strategisches Werkzeug?
- Low-Code-Plattformen für Citizen Developer?
- Roadmap und Umsetzung planen
- Start mit Pilotprozessen (schnelle, sichtbare Erfolge)
- Iteratives Vorgehen: testen, messen, nachsteuern
- frühzeitige Einbindung von Fachbereichen, IT, Betriebsrat, Compliance
Entscheidungsleitfaden: Was sollten Sie zuerst angehen?
Die Frage „Digitalisierung oder Automatisierung – womit beginnen?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Hilfreich sind einige Leitfragen:
- Sind unsere Prozesse ausreichend definiert und verstanden?
Wenn nicht, ist Prozessklärung und -standardisierung der erste Schritt – vor jeder größeren Automatisierung. - Arbeiten wir noch stark papierbasiert oder mit vielen manuellen Excel-Lösungen?
Dann liegt der Fokus zunächst auf Digitalisierung: Dokumente, Formulare, zentrale Datenbasis. - Gibt es klar umrissene, wiederkehrende Tätigkeiten mit hohem Volumen?
Diese sind ideale Kandidaten für Automatisierung, sobald Daten und Regeln hinreichend klar sind. - Wie hoch ist unser Risiko bei Fehlern oder Verzögerungen?
In regulierten oder sicherheitskritischen Bereichen kann Automatisierung helfen, Compliance und Qualität zu sichern – vorausgesetzt, Prozesse und Regeln sind sauber dokumentiert. - Welche Ressourcen und Fähigkeiten haben wir intern?
Verfügen Sie über Prozess- und Datenkompetenz, aber wenig Entwicklerkapazität, können Low-Code-Tools, Workflow-Engines oder RPA ein sinnvoller Einstieg sein.
Ein praxisnahes Vorgehen ist oft:
1–2 gut abgegrenzte Prozesse digitalisieren,
dann gezielt Teilprozesse automatisieren und
die gewonnenen Erfahrungen auf weitere Bereiche übertragen.
Erfolgsfaktoren für Digitalisierung und Automatisierung
Unabhängig von Branche und Unternehmensgröße lassen sich einige Erfolgsfaktoren erkennen:
- Klare Ownership für Prozesse
Ohne verantwortliche Prozesseigner bleibt jede Initiative im Tool-Denken stecken. - Kleine, fokussierte Pilotprojekte
Statt eines riesigen „Digitalisierungsschirms“ lieber konkrete Anwendungsfälle mit messbarem Nutzen. - Frühe Einbindung der Fachbereiche
Diejenigen, die heute manuell arbeiten, kennen Schwachstellen und Ausnahmen am besten. - Transparente Kommunikation der Ziele
Geht es um Kapazitätsschaffung, Fehlerreduktion oder Compliance? Offene Kommunikation reduziert Ängste. - Datenqualität und Stammdatenpflege
Schlechte Daten torpedieren jede Automatisierung. Qualitätssicherung ist Pflicht, kein „nice to have“. - Governance und Standards
Regeln für Modellierung, Dokumentation und Änderung von Prozessen verhindern Wildwuchs.
Häufige Stolpersteine und wie Sie sie vermeiden
Typische Fallstricke:
- 1: Technik statt Problem im Fokus
Auswahl eines Tools, bevor klar ist, welches Problem gelöst werden soll.
Gegenmaßnahme: Erst Business Cases und Prozesse klären, dann Technologie auswählen. - 2: 1:1-Übernahme alter Prozesse
Alte Abläufe werden unverändert digitalisiert oder automatisiert – inklusive aller Umwege und Sonderfälle.
Gegenmaßnahme: Prozess-Redesign (Verschlankung, Standardisierung) vor bzw. parallel zur Digitalisierung. - 3: Unklare Rollen und Verantwortlichkeiten
Wer entscheidet bei Zielkonflikten zwischen Fachbereichen, IT und Compliance?
Gegenmaßnahme: Eindeutige Governance mit klaren Entscheidungswegen etablieren. - 4: Unzureichendes Change Management
Mitarbeitende werden erst zur Schulung eingeladen, wenn alles „fertig“ ist.
Gegenmaßnahme: Betroffene frühzeitig einbinden, Feedbackschleifen einplanen, Nutzen klar kommunizieren. - 5: Fehlende Erfolgsmessung
Projekte werden nach Einführung der Lösung abgeschlossen, ohne Wirkung zu überprüfen.
Gegenmaßnahme: Kennzahlen und Zielwerte vor Projektstart definieren, Monitoring etablieren.
Kennzahlen: Wie messen Sie den Erfolg?
Je nach Zielsetzung lassen sich unterschiedliche KPIs für Digitalisierung und Automatisierung definieren:
Effizienz und Produktivität
- Durchlaufzeiten von Prozessen (z. B. Auftragsabwicklung, Rechnungsfreigabe)
- Anzahl bearbeiteter Vorgänge pro Mitarbeiter und Zeitraum
- Anteil vollständig automatisierter Vorgänge (Straight-Through-Processing-Quote)
Qualität und Risiko
- Fehlerquote (z. B. fehlerhafte Buchungen, Reklamationsrate)
- Anzahl manueller Korrekturen und Nacharbeiten
- Compliance-Verstöße oder Audit-Feststellungen
Mitarbeiter- und Kundenerlebnis
- Mitarbeiterzufriedenheit in betroffenen Prozessen
- Kundenzufriedenheit (NPS, CSAT) bei digitalisierten Services
- Reaktionszeiten auf Anfragen und Störungen
Wirtschaftlichkeit
- Einsparung von Personalkapazitäten (Stunden, FTE-Äquivalente)
- Reduktion externer Kosten (z. B. Druck, Porto, Lager)
- Beitrag zu Umsatzsteigerungen durch neue digitale Angebote
Wichtig ist, Digitalisierung und Automatisierung nicht nur als einmaliges Projekt, sondern als kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu verstehen.
Fazit: Digitalisierung vs. Automatisierung richtig einordnen
Digitalisierung und Automatisierung sind eng miteinander verknüpft, aber nicht dasselbe:
- Digitalisierung sorgt für digitale Informationen, transparente Prozesse und vernetzte Systeme.
- Automatisierung baut darauf auf und reduziert manuelle Tätigkeiten, beschleunigt Abläufe und steigert Qualität.
Wer in der Unternehmenspraxis sauber zwischen beiden Konzepten unterscheidet, kann:
- Strategien klarer formulieren
- Projektportfolios besser priorisieren
- Investitionen gezielter steuern
- Erfolge messbar machen
Wenn Sie vor der Aufgabe stehen, in Ihrem Unternehmen Digitalisierung und Automatisierung strukturiert anzugehen, lohnt sich ein neutraler Blick von außen. Ein erfahrener Partner wie die PURE Consultant kann Sie dabei unterstützen, Prozesse zu analysieren, eine tragfähige Roadmap zu entwickeln und geeignete Technologien pragmatisch einzuführen – mit Fokus auf messbaren Nutzen statt auf Schlagworte.