Abilene-Paradox: Beispiele aus Meetings & Projekten

Abilene-Paradox: Beispiele aus Meetings & Projekten – Viele Teams sind überzeugt, sie würden rational entscheiden und offen diskutieren. Trotzdem landen sie immer wieder bei Beschlüssen, die eigentlich niemand wirklich will. Genau hier zeigt sich das Abilene-Paradox – ein verblüffendes Phänomen, das in Meetings und Projekten enormen Schaden anrichten kann, obwohl alle „gute“ Absichten haben.

Dieser Artikel erklärt präzise, was hinter dem Abilene-Paradox steckt, wie Sie es in Ihrem Arbeitsalltag erkennen und welche konkreten Strategien helfen, es zu vermeiden. Dazu erhalten Sie praxisnahe Beispiele aus Meetings und Projekten, die Sie direkt auf Ihre eigene Situation übertragen können.

Abilene-Paradox: Beispiele aus Meetings & Projekten
Abilene-Paradox: Beispiele aus Meetings & Projekten

Was ist das Abilene-Paradox?

Der Begriff geht auf den Organisationspsychologen Jerry B. Harvey zurück. Er beschreibt eine Familie, die an einem heißen Tag scheinbar einvernehmlich beschließt, in das entfernte Abilene zu fahren, obwohl keiner wirklich Lust darauf hat. Erst nach der anstrengenden Fahrt stellt sich heraus: Jeder Einzelne ist nur mitgegangen, weil er dachte, die anderen wollten unbedingt fahren.

Übertragen auf Organisationen bedeutet das:

Beim Abilene-Paradox entscheidet eine Gruppe sich für einen Weg, den in Wahrheit keiner der Beteiligten bevorzugt – aus Angst, den vermeintlichen Konsens zu stören.

Wichtig ist die Abgrenzung zu Groupthink:

Im Abilene-Paradox liegt also kein echter Überzeugungswandel vor, sondern ein Kommunikationsproblem: Jeder hält die anderen für überzeugte Befürworter, obwohl diese heimlich genauso zweifeln.


Psychologische Mechanismen hinter dem Abilene-Paradox

Damit Teams auf „Ausflüge nach Abilene“ gehen, müssen mehrere psychologische Faktoren zusammenspielen. Typischerweise finden Sie eine Kombination aus:

Diese Faktoren wirken häufig gleichzeitig, wodurch auch erfahrene Teams anfällig für das Abilene-Paradox bleiben.


Typische Anzeichen in Meetings

In realen Meetings zeigt sich das Abilene-Paradox selten so klar wie in der Abilene-Geschichte. Dennoch gibt es Muster, an denen Sie hellhörig werden sollten.

1. Die Diskussion ist „zu glatt“

Ein verdächtiges Signal in komplexen Themen ist eine fast konfliktfreie Diskussion:

Wenn ein Thema hohe Tragweite hat, aber niemand „aufsteht“ und ernsthaft widerspricht, lohnt sich eine zweite Blick:
Fehlt wirklich die Kritik – oder nur der Mut, sie zu äußern?

2. Kritische Stimmen tauchen erst nach dem Meeting auf

Ein sehr häufiges Muster:

Typische Sätze im Nachgang sind zum Beispiel:

Wenn Sie regelmäßig erleben, dass echte Kritik erst hinterher kommt, ist das ein deutliches Warnsignal.

3. Zustimmung mit schwacher Begründung

Auf Nachfrage, warum jemand zustimmt, erhalten Sie ausweichende oder vage Antworten:

In solchen Momenten fehlt oft eine eigene, unabhängige Begründung. Die Zustimmung stützt sich mehr auf die vermutete Haltung der Gruppe als auf eine persönliche Überzeugung.


Beispiele aus Projekten: So zeigt sich das Abilene-Paradox in der Praxis

Im Projektalltag entstehen immer wieder Situationen, in denen Teams ungewollt nach Abilene fahren. Die folgenden Beispiele orientieren sich an typischen Projektkonstellationen, wie Sie sie in vielen Organisationen beobachten können.

Beispiel 1: IT-Einführungsprojekt – das falsche Tool

Ausgangslage
Ein Unternehmen möchte sein CRM-System ablösen. Im Steering Committee sitzt eine Mischung aus Vertrieb, Marketing, IT und Geschäftsführung. Die Geschäftsführung erwähnt zu Beginn, sie habe „Gutes gehört“ von einem bestimmten Anbieter.

Verlauf des Meetings

Am Ende des Termins gibt es eine einstimmige Entscheidung für das Tool, obwohl keine der beteiligten Funktionen wirklich überzeugt ist.

Warum ist das ein Abilene-Paradox?

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Beispiel 2: Produktentwicklung – ein Feature, das niemand haben will

Ausgangslage
Ein Softwareunternehmen diskutiert im Produkt-Board über die Roadmap für das nächste Release. Ein Sales-Lead bringt eine Idee für ein neues Feature ein, weil ein großer Kunde es angeblich „stark nachfragt“.

Verlauf

Im Meeting entsteht der Eindruck, dass „wir dem Kunden entgegenkommen sollten“. Alle nicken, obwohl mehrere Teilnehmer die Priorisierung innerlich für falsch halten.

Warum ist das ein Abilene-Paradox?

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Warum das Abilene-Paradox so gefährlich ist

Auf den ersten Blick sieht das Abilene-Paradox harmloser aus als offen ausgetragene Konflikte. Doch gerade seine Leisetreterei macht es so schädlich:


Wie Sie das Abilene-Paradox aktiv vermeiden

Um nicht immer wieder in unerwünschte Entscheidungen hineinzurutschen, brauchen Teams klare Strukturen und eine Meetingkultur, die echten Widerspruch ermöglicht.

1. Entscheidungsauftrag klären

Vor jeder wichtigen Entscheidung sollte eindeutig sein:

Wenn alle wissen, wie und worüber genau entschieden wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass „irgendwie“ ein scheinbarer Konsens entsteht.

2. Abweichende Meinungen explizit einladen

Führungskräfte und Moderation spielen hier eine Schlüsselrolle. Folgende Vorgehensweisen sind hilfreich:

Dadurch entsteht ein Rahmen, in dem Widerspruch nicht als Illoyalität gilt, sondern als Beitrag zur Qualität der Entscheidung.

3. Stille Meinungen sichtbar machen

Extrovertierte Stimmen dominieren in vielen Runden automatisch. Leisere Teilnehmende halten sich eher zurück, obwohl sie oft wichtige Hinweise haben. Deshalb lohnt es sich, strukturierte Methoden zu nutzen, wie zum Beispiel:

4. Sprache bewusst einsetzen

Die Art, wie Fragen gestellt werden, beeinflusst, ob Menschen wirklich sagen, was sie denken. Konkrete, hilfreiche Formulierungen sind etwa:

Solche Fragen signalisieren: Zweifel und Vorbehalte sind erwünscht, nicht störend.

5. Psychologische Sicherheit aufbauen

Ohne psychologische Sicherheit bleibt jede Methode Stückwerk. Mitarbeitende müssen erleben, dass es konsequenzlos oder sogar erwünscht ist, kritische Punkte anzusprechen. Dazu gehört:

Je öfter Teams erleben, dass offene Kritik tatsächlich zu besseren Ergebnissen führt, desto seltener werden sie stumm „mitfahren“.


Konkrete Fragen & Formulierungen für Ihre nächsten Meetings

Sie können das Risiko eines Abilene-Paradox deutlich senken, wenn Sie in kritischen Momenten gezielt nachhaken. Einige Formulierungen, die sich in der Praxis bewährt haben:

Wenn solche Fragen zum Normalfall werden, entsteht nach und nach eine Kultur, in der kaum noch jemand aus reiner Anpassung mitnickt.


Fazit Abilene-Paradox: Beispiele aus Meetings & Projekten: Bessere Entscheidungen durch echten statt scheinbaren Konsens

Das Abilene-Paradox ist kein exotisches Randphänomen, sondern ein alltäglicher Begleiter in Organisationen – besonders dort, wo Harmonie hoch geschätzt wird und Kritik ungeübt ist. Gruppen fahren nicht deshalb nach Abilene, weil sie irrational sind, sondern weil sie einander falsch einschätzen und den Mut zum Widerspruch verlieren.

Wer das Paradox versteht, erkennt es schneller:

Indem Sie Entscheidungsprozesse klar strukturieren, abweichende Meinungen explizit einladen und psychologische Sicherheit fördern, schaffen Sie eine Kultur, in der echter Konsens wachsen kann. Dann entscheiden Teams nicht, was sie für die Meinung „der anderen“ halten, sondern wofür sie selbst mit Überzeugung einstehen.

Wenn Sie möchten, können wir im nächsten Schritt gemeinsam Ihre typischen Meeting- oder Projektformate durchgehen und konkrete Fragen oder Abläufe formulieren, die das Abilene-Paradox in Ihrem Kontext unwahrscheinlicher machen.

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