Häufige Fehler bei Just in Time – Just-in-Time (JIT) gilt seit Jahrzehnten als Königsdisziplin der schlanken Produktion. Viele Unternehmen erhoffen sich niedrigere Bestände, weniger gebundenes Kapital und eine deutlich höhere Flexibilität. In der Praxis scheitern jedoch zahlreiche JIT-Initiativen, obwohl die Grundidee durchaus sinnvoll ist.
In diesem Beitrag lesen Sie, welche typischen Fehler bei Just-in-Time auftreten, warum sie entstehen und wie Sie JIT so gestalten, dass es im Alltag tatsächlich funktioniert.
1. Was Just-in-Time wirklich bedeutet – und was nicht
Bevor man über Fehler spricht, muss klar sein, was Just-in-Time eigentlich umfasst. Viele Firmen reduzieren JIT fälschlicherweise auf „wir senken die Lagerbestände“, doch der Ansatz ist wesentlich umfassender.
Kernideen von Just-in-Time:
- Produktion erfolgt streng bedarfsgesteuert, nicht auf Vorrat.
- Material und Teile treffen „gerade rechtzeitig“ an der Linie ein.
- Durchlaufzeiten werden verkürzt, sodass Prozesse insgesamt stabiler werden.
- Verschwendung (Überproduktion, Wartezeiten, Transporte usw.) wird systematisch reduziert.
Wichtig ist: JIT setzt stabile Prozesse, verlässliche Lieferanten und eine saubere Datenbasis voraus. Wer diese Grundlagen ignoriert, baut auf Sand.
2. Strategische Fehlannahmen beim Einsatz von JIT
Viele Probleme mit Just-in-Time entstehen bereits auf der strategischen Ebene, weil falsche Ziele gesetzt oder falsche Annahmen getroffen werden.
2.1 JIT nur als Bestandsreduktionsprogramm verstehen
Einer der häufigsten Fehler besteht darin, JIT ausschließlich als Hebel zur Bestandsreduzierung zu betrachten. Dann werden Sicherheitsbestände drastisch gesenkt, während Prozesse, Lieferanten und Daten unverändert bleiben.
Die Folge liegt auf der Hand:
- Liefertermintreue bricht ein.
- Störungen in der Lieferkette schlagen ungefiltert auf die Produktion durch.
- Mitarbeitende verlieren schnell das Vertrauen in den Ansatz.
Bestand ist ein Symptom, kein Selbstzweck. Wenn Sie Bestände reduzieren möchten, müssen Sie vorher die Ursachen langer Durchlaufzeiten und hoher Streuungen bearbeiten – etwa Rüstzeiten, Qualitätsschwankungen oder schlechte Prognosen. Erst wenn diese Themen im Griff sind, kann Just-in-Time robust funktionieren.
2.2 Ignorieren der Prozessreife
Ein weiterer strategischer Fehler entsteht, wenn Unternehmen JIT einführen wollen, bevor ihre Organisation prozessreif genug ist.
Typische Anzeichen fehlender Prozessreife:
- Hohe Ausschuss- und Nacharbeitsquoten
- Unklare oder ständig wechselnde Arbeitsanweisungen
- Häufige Eilaufträge, die den Plan permanent durcheinanderbringen
- Keine durchgängigen Standards für Rüstvorgänge und Reihenfolgen
Solange Prozesse stark schwanken, wirkt Just-in-Time wie ein Verstärker für Instabilität. Deshalb sollten Sie zunächst Standards etablieren, Kennzahlen einführen und Ursachen für Prozessvariabilität systematisch reduzieren.
2.3 JIT ohne Risikobetrachtung einführen
Just-in-Time reduziert bewusste Puffer. Dadurch steigt die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten, Transportwegen und IT-Systemen. Viele Unternehmen führen JIT jedoch ein, ohne die Risikoperspektive ernsthaft zu betrachten.
Wichtige Fragen, die oft fehlen:
- Welche Teile sind kritisch, weil kein zweiter Lieferant existiert?
- Welche Transportwege sind anfällig für Staus, Streiks oder Wetterereignisse?
- Wie reagieren wir, wenn das ERP-System oder die Leitstands-Software ausfällt?
Wer hier keine Antworten vorbereitet, riskiert, dass schon kleinere Störungen die komplette Produktion lahmlegen.
3. Operative Fehler in Planung und Steuerung
Selbst wenn die Strategie passt, scheitert Just-in-Time häufig an operativen Details. Planung, Disposition und Steuerung müssen zusammenarbeiten, doch genau hier entstehen typische Fehler.
3.1 Unzuverlässige Bedarfsprognosen
JIT benötigt keine perfekte Prognose, allerdings braucht es eine ausreichend stabile Sicht auf die nächsten Tage und Wochen. Wenn der Vertrieb seine Forecasts ständig ändert oder wichtige Informationen zu Großaufträgen zu spät liefert, geraten Materialflüsse schnell ins Schlingern.
Häufige Ursachen:
- Vertrieb plant rein opportunistisch und kommuniziert schlecht.
- Produktlebenszyklen sind kurz, aber das System nutzt noch historische Durchschnittswerte.
- Promotions oder Kampagnen werden nicht frühzeitig in die Planung eingespeist.
Lösung ist hier nicht nur bessere Software, sondern vor allem integrierte Planung: Vertrieb, Produktion, Einkauf und Logistik müssen gemeinsam auf einen abgestimmten Plan hinarbeiten.
3.2 Fehlen klarer Puffer- und Prioritätslogiken
Just-in-Time bedeutet nicht „Null Puffer in allen Bereichen“. Dennoch interpretieren viele Teams den Ansatz genau so und entfernen sämtliche Sicherheiten.
Dadurch entstehen typische Probleme:
- Jede kleine Störung löst einen Kaskadeneffekt aus.
- Linien stehen, weil winzige Teile fehlen, obwohl der Rest verfügbar wäre.
- Es gibt keine klare Regel, welche Aufträge im Störungsfall Vorrang haben sollen.
Sinnvolle JIT-Systeme arbeiten mit gezielten, transparent definierten Puffern:
- Zeitpuffer, z. B. bei hochkritischen Arbeitsschritten
- Bestandspuffer bei A-Teilen mit hoher Kritikalität
- Kapazitätspuffer, um auf Nachfragespitzen reagieren zu können
Zudem braucht der Shopfloor eine klare Prioritätslogik, damit Teams wissen, welches Teil oder welcher Auftrag „zuerst“ laufen muss.
3.3 Überlastete und statische Produktionspläne
Viele Unternehmen erstellen detailgenaue Wochenpläne, die schon nach wenigen Stunden obsolet sind. Trotzdem halten sie an diesen Plänen fest, obwohl Störungen und Änderungen längst eingetreten sind.
Typische Anzeichen:
- Hoher Anteil an Eil- und Umplanungen
- Häufige Rüstvorgang-Sprünge ohne erkennbare Logik
- Lange Entscheidungswege, wenn eine Abweichung vom Plan notwendig wird
JIT verlangt dynamische, aber klare Steuerung. Das bedeutet:
- Kurze Planungszyklen mit täglichem oder sogar mehrfachem Abgleich
- Klare Eskalationswege bei Abweichungen
- Entscheidungskompetenz möglichst nah an der Linie, damit Reaktionen schnell erfolgen
4. Fehler im Lieferanten- und Logistikmanagement
Just-in-Time endet nicht am Hallentor. Wer die Lieferantenbeziehung vernachlässigt oder Logistikrisiken unterschätzt, gerät früher oder später in Schwierigkeiten.
4.1 JIT ohne Lieferantenintegration
Ein klassischer Fehler: Die eigene Produktion wird auf JIT getrimmt, während Lieferanten weiterhin in großen, unflexiblen Losen produzieren. Dann verschiebt sich der Bestand lediglich vom eigenen Lager zum Lieferantenhof.
Folgen:
- Lieferanten arbeiten unter permanentem Druck und liefern unzuverlässig.
- Qualität leidet, weil kurzfristig „irgendwie“ nachproduziert wird.
- Die Gesamtkosten der Supply Chain steigen, obwohl die eigenen Lagerkennzahlen gut aussehen.
Professionelles JIT verlangt daher enge Lieferantenintegration:
- Gemeinsame Planung und transparente Forecasts
- Rahmenverträge mit klaren Service-Level-Vereinbarungen
- Unterstützung bei Prozessverbesserungen beim Lieferanten
4.2 Ungeeignete Transportkonzepte
Just-in-Time mit unzuverlässiger Transportlogistik ist ein Widerspruch in sich. Dennoch setzen viele Firmen auf den billigsten Spediteur, während sie gleichzeitig hochfrequente Anlieferungen verlangen.
Häufige Schwächen:
- Keine Zeitfenstersteuerung an den Rampen
- Keine alternativen Routen oder Dienstleister hinterlegt
- Unzureichende IT-Anbindung, sodass Sendungsverfolgung nur grob möglich ist
Ein tragfähiges JIT-Konzept braucht logistische Redundanz und Transparenz. Deshalb sollten Sie:
- Transportpartner nach Zuverlässigkeit und Flexibilität bewerten, nicht nur nach Preis
- Tracking-Daten in Ihre Planungssysteme integrieren
- Klare Reaktionspläne für Verspätungen definieren
4.3 Einseitige Abhängigkeit von Single-Sourcing
Single-Sourcing und JIT verstärken sich gegenseitig, denn beides erhöht die Abhängigkeit von einem Partner. Viele Unternehmen unterschätzen dieses Risiko deutlich.
Wenn der einzige Lieferant ausfällt – sei es durch Brand, Insolvenz oder politische Ereignisse –, bricht die Just-in-Time-Versorgung sofort zusammen. Deshalb sollten Sie kritisch prüfen, wo Single-Sourcing wirklich sinnvoll und beherrschbar ist und wo Sie besser auf Dual-Sourcing setzen.
5. Menschliche und kulturelle Stolpersteine
Just-in-Time ist nicht nur ein technisches oder logistisches Konzept, sondern auch ein kulturelles. Wenn die Organisation nicht mitzieht, wird das System instabil.
5.1 Fehlende Schulung und Einbindung der Mitarbeitenden
In vielen Projekten wird JIT „von oben“ entschieden, doch die Belegschaft erfährt nur am Rande, was das konkret bedeutet. Dann nehmen Mitarbeitende die Veränderungen als reine Arbeitsverdichtung wahr.
Typische Effekte:
- Widerstand gegen neue Abläufe
- Umgehung von Standards, weil diese als praxisfern gelten
- „Schattenbestände“ direkt am Arbeitsplatz, um sich abzusichern
Erfolgreiche Unternehmen investieren daher konsequent in:
- Schulungen zu den Grundprinzipien von JIT und Lean
- Gemeinsame Workshops zur Gestaltung der neuen Prozesse
- Shopfloor-Management, bei dem Führungskräfte regelmäßig vor Ort sind
5.2 Angstkultur statt Fehlerkultur
Just-in-Time legt Probleme schonungslos offen, weil Puffer verschwinden. Wenn die Unternehmenskultur Fehler hart sanktioniert, berichten Mitarbeitende Störungen jedoch nur ungern.
Das führt dazu, dass sich kleine Probleme unbemerkt aufschaukeln, bis sie zu schweren Krisen werden. Dagegen braucht ein JIT-System eine offene Fehlerkultur:
- Probleme werden früh gemeldet, ohne Schuldzuweisung.
- Ursachenanalysen (z. B. 5-Why) sind Standard, nicht Ausnahme.
- Verbesserungsimpulse aus der Linie werden ernst genommen und zügig erprobt.
5.3 Falsche Kennzahlen und Anreizsysteme
Kennzahlen steuern Verhalten – und bei JIT kann das schnell in die falsche Richtung gehen. Wenn zum Beispiel Maschinenlaufzeit oder Auslastung im Vordergrund steht, geraten Fluss und Durchlaufzeit leicht in den Hintergrund.
Typische Fehlanreize:
- Schichtleiter werden an produzierten Stückzahlen gemessen, nicht an Termintreue.
- Einkauf wird an Rabatten und großen Bestellmengen gemessen, nicht an Flexibilität.
- Lager wird nach „Bestandsniveau“ bewertet, obwohl Lieferfähigkeit leidet.
Ein sinnvolles Kennzahlensystem für JIT fokussiert deshalb vor allem auf:
- Termintreue gegenüber Kunden
- Durchlaufzeiten und Bestandsreichweiten
- Lieferperformance von Lieferanten
- Stabilität und Planerfüllung in der Produktion
6. Wie Sie Just-in-Time praxisnah und robust gestalten
Trotz aller Risiken bleibt Just-in-Time ein äußerst wirksamer Ansatz, wenn die Umsetzung professionell erfolgt. Im Kern geht es darum, Puffer bewusst zu gestalten, anstatt sie unreflektiert abzubauen.
6.1 Schrittweises Vorgehen statt Big Bang
Viele Fehlschläge entstehen, weil Unternehmen JIT im gesamten Werk zeitgleich einführen. Damit überfordern sie das System, während Lernschleifen kaum möglich sind.
Besser ist ein inkrementelles Vorgehen:
- Auswahl eines Pilotbereichs mit überschaubarer Komplexität
- Stabilisierung der Prozesse (Qualität, Rüstzeiten, Standardarbeit)
- Einführung klarer Steuerungslogiken (Kanban, Heijunka, regelmäßige Planungstakte)
- Enge Begleitung durch ein interdisziplinäres Team
- Systematische Auswertung und Übertragung auf weitere Bereiche
So entsteht Erfahrung, und die Organisation baut nach und nach Kompetenzen auf.
6.2 Transparente Materialflüsse und einfache Steuerungstools
JIT braucht keine überkomplexe IT, aber es benötigt Transparenz. Mitarbeitende sollten auf einen Blick erkennen können, wo Material steht, wie die aktuelle Situation aussieht und welche Aufträge Priorität haben.
Praktische Elemente:
- Klare, visuelle Kanban-Systeme (physisch oder digital)
- Andon- oder Eskalationssysteme bei Störungen
- Standardisierte Boards im Shopfloor, um Kapazitäten, Störungen und Verbesserungen zu besprechen
Je verständlicher die Steuerungslogik ist, desto eher unterstützen Mitarbeitende das System aktiv.
6.3 Systematische Zusammenarbeit mit Lieferanten
Ein reifes JIT-Konzept umfasst die gesamte Supply Chain. Deshalb sollten Sie wichtige Lieferanten frühzeitig einbinden und gemeinsam Lösungen erarbeiten.
Mögliche Maßnahmen:
- Gemeinsame Forecast-Workshops in festen Zyklen
- Synchronisierte IT-Schnittstellen für Auftrags- und Bestandsdaten
- Unterstützung bei Lean- und JIT-Einführungen beim Lieferanten
- Entwicklung gemeinsamer Notfallpläne (Second Source, Sicherheitsbestände beim Lieferanten, alternative Transportwege)
So entsteht ein Netz, das flexibel reagiert, anstatt bei der ersten Störung zu reißen.
6.4 Realistische Risikopuffer definieren
JIT ohne jeden Puffer ist ein theoretisches Ideal, jedoch selten praxistauglich. Erfolgreiche Unternehmen definieren deshalb bewusste Minimalpuffer, die sie regelmäßig überprüfen.
Dazu gehören:
- Differenzierte Sicherheitsbestände für kritische Teile
- Zeitliche Puffer vor besonders störanfälligen Prozessen
- Backup-Konzepte für IT-Systeme und Kommunikationswege
Entscheidend ist, dass diese Puffer transparent, begründet und gesteuert sind, statt unkontrolliert zu wachsen.
7. Fazit Häufige Fehler bei Just in Time: Just-in-Time funktioniert – wenn die Hausaufgaben gemacht sind
Just-in-Time ist weder Wundermittel noch Risiko per se. Die häufigsten Fehler entstehen, weil Unternehmen JIT als reines Bestandsreduktionsprogramm missverstehen, weil sie Prozessreife überschätzen oder weil sie die Risiken in Lieferkette und Organisation unterschätzen.
Wenn Sie jedoch:
- Prozesse stabilisieren, bevor Sie Bestände radikal senken,
- Planung, Einkauf, Produktion und Logistik wirklich integrieren,
- Lieferanten als Partner einbeziehen und Transporte professionell organisieren,
- und zugleich eine offene, lernorientierte Kultur fördern,
dann wird Just-in-Time zu einem leistungsfähigen System, das Verschwendung reduziert, Reaktionsfähigkeit erhöht und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärkt.