Just in Time einführen: Schritt-für-Schritt – Just-in-Time (JIT) gilt als eines der zentralen Prinzipien der Lean Production, und viele Unternehmen verbinden damit vor allem die Automobilindustrie. Dennoch eignet sich der Ansatz für deutlich mehr Branchen, wenn man ihn systematisch einführt und an die eigene Situation anpasst. Dieser Fachartikel zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Just in Time in Ihrem Unternehmen etablieren, ohne in typische Fallen zu tappen und ohne Ihre Lieferfähigkeit zu gefährden.
1. Was bedeutet Just in Time überhaupt?
Just in Time bedeutet, dass Materialien, Teile und Produkte genau dann bereitstehen, wenn Sie diese im Prozess benötigen – nicht früher und nicht später. Dadurch reduzieren Sie Bestände, verkürzen Durchlaufzeiten und erhöhen die Transparenz im Materialfluss.
1.1 Kerngedanken von Just in Time
Typische Leitprinzipien sind:
- Produktion nach Kundenbedarf statt auf Lager
- Kleine Lose und kurze Rüstzeiten
- Klare Taktung und stabile Prozesse
- Synchronisation von Lieferanten, Produktion und Logistik
- Hohe Transparenz vom Kundenauftrag bis zur Anlieferung des Materials
Just in Time ist kein reines Logistikkonzept, sondern ein ganzheitlicher Managementansatz, der Prozesse, Organisation und Kultur betrifft.
1.2 Ziele und Nutzen
Wenn Sie JIT professionell einführen, können Sie unter anderem:
- Bestände und Lagerflächen reduzieren
- Kapitalbindung und Lagerkosten deutlich senken
- Durchlaufzeiten verkürzen und dadurch schneller auf Kundenwünsche reagieren
- Fehler und Verschwendung früher sichtbar machen
- Lieferfähigkeit und Termintreue verbessern, weil Prozesse stabiler werden
Dabei entsteht der größte Nutzen meistens nicht allein durch niedrigere Bestände, sondern durch die konsequente Prozessverbesserung, die JIT überhaupt erst ermöglicht.
1.3 Risiken und Grenzen
Just in Time hat auch Schattenseiten, wenn Sie es undifferenziert einsetzen:
- Höhere Abhängigkeit von Lieferanten und Transportwegen
- Störanfälligkeit bei unzuverlässigen Prozessen
- Steigende Koordinationsanforderungen in Planung und Disposition
- Mögliche Kostensprünge bei Sonderfahrten und Eilbestellungen
Deshalb sollten Sie JIT immer mit Risikobetrachtung, Redundanzen und einem professionellen Störungsmanagement kombinieren, statt Bestände blind „auf Null“ zu fahren.
2. Voraussetzungen im Unternehmen klären
Bevor Sie mit der eigentlichen Einführung starten, sollten Sie prüfen, ob die Rahmenbedingungen passen und welche Baustellen Sie zuerst angehen.
2.1 Strategische Einbettung und Ziele
Zunächst braucht JIT einen klaren Platz in Ihrer Unternehmensstrategie, denn ohne übergeordnetes Ziel rutscht das Projekt schnell in lokale Optimierungen ab.
Klären Sie zum Start:
- Welche übergeordneten Ziele verfolgen Sie? (z. B. Lieferzeit, Kosten, Qualität, Flexibilität)
- In welchen Geschäftsbereichen versprechen Sie sich den größten Nutzen?
- Welche Kundenanforderungen beeinflussen die Eignung von JIT (z. B. Volatilität, Lieferbereitschaft, Variantenvielfalt)?
Formulieren Sie daraus ein verständliches Zielbild, das Sie dem gesamten Team erklären können, damit alle Beteiligten wissen, wofür sich der Aufwand lohnt.
2.2 Prozessreife und Stabilität
Just in Time funktioniert nur, wenn Ihre Prozesse ein Mindestmaß an Stabilität besitzen. Hohe Störungsraten, unzuverlässige Maschinen oder chaotische Abläufe führen sonst nur zu Stress und Mehrarbeit.
Prüfen Sie insbesondere:
- Anlagenverfügbarkeit und Störungsstatistiken
- Qualitätskennzahlen (Ausschuss, Nacharbeit, Reklamationen)
- Planungsgenauigkeit und Häufigkeit kurzfristiger Änderungen
- Datenqualität in ERP, MES oder Dispositionssystemen
Wo Sie gravierende Schwächen erkennen, sollten Sie zuerst Stabilisierung und Basis-Optimierungen einplanen, bevor Sie JIT voll ausrollen.
2.3 Kultur und Zusammenarbeit
Just in Time lebt von bereichsübergreifender Zusammenarbeit, denn Sie müssen Einkauf, Logistik, Produktion, Qualität, IT und oft auch Vertrieb eng vernetzen. Wenn jede Abteilung primär ihre eigenen Kennzahlen optimiert, entstehen Zielkonflikte.
Deshalb sollten Sie:
- Ein interdisziplinäres Projektteam aufsetzen
- Frühzeitig mit Lieferanten und Logistikdienstleistern sprechen
- Ziele und Rollen klar kommunizieren und aufeinander abstimmen
- Ein Klima schaffen, in dem Probleme offen angesprochen werden dürfen
Gerade diese kulturellen und organisatorischen Aspekte entscheiden oft mehr über den Erfolg als technische Tools oder Methoden.
3. Schritt-für-Schritt: Just in Time einführen
Im Folgenden finden Sie einen praxisnahen Fahrplan, mit dem Sie JIT systematisch einführen können. Natürlich müssen Sie die Schritte an Ihre Branche und Ihr Unternehmensumfeld anpassen, aber die Grundlogik bleibt in der Regel ähnlich.
3.1 Schritt 1: Zielbild und Scope definieren
Starten Sie nicht mit dem gesamten Unternehmen, sondern mit einem klar abgegrenzten Bereich. Dadurch behalten Sie die Komplexität im Griff und können Erfahrungen sammeln.
Definieren Sie:
- Pilotbereich (Produktlinie, Werk, Wertstrom)
- Zielgrößen (z. B. Bestandsreduktion um 30 %, Servicegrad ≥ 98 %, Durchlaufzeit -20 %)
- Zeitrahmen und Meilensteine
- Rollen und Verantwortlichkeiten im Projektteam
Formulieren Sie ein verständliches Zukunftsbild, das beschreibt, wie der Materialfluss idealerweise aussieht, damit alle dieselbe Richtung vor Augen haben.
3.2 Schritt 2: Wertstrom und Materialflüsse analysieren
Als Nächstes sollten Sie Ihre heutigen Prozesse detailliert verstehen, bevor Sie sie verändern. Ein Wertstromdiagramm (Value Stream Mapping) hilft, Material- und Informationsfluss vom Kundenauftrag bis zum Lieferanten transparent zu machen.
Achten Sie dabei auf:
- Bestände und Lagerorte zwischen den Prozessschritten
- Durchlauf- und Wartezeiten
- Losgrößen und Rüstzeiten
- Transportwege und Materialbewegungen
- Planungs- und Informationspunkte (Wer löst was aus? Wie?)
Nutzen Sie Workshops am Shopfloor, damit Sie nicht nur Systeme, sondern auch die praktische Realität sehen. Häufig entdecken Teams dabei Medienbrüche, Doppelarbeit und unnötige Puffer, die JIT später gezielt adressiert.
3.3 Schritt 3: Geeignete Teile und Produkte auswählen
Nicht jedes Teil eignet sich gleichermaßen für Just in Time. Deshalb sollten Sie sortieren und priorisieren, statt den gesamten Materialkatalog gleichzeitig umzustellen.
Nutzen Sie z. B. folgende Kriterien:
- Verbrauchswert (ABC-Analyse)
- Verbrauchsverlauf und Vorhersagbarkeit
- Lieferantenperformance und Entfernung
- Kritikalität für die Produktion (engpassrelevante Teile)
In vielen Fällen starten Unternehmen mit A-Teilen, die einen hohen Wert haben und gut planbar sind, während sie bei C-Teilen eher Kanban oder klassische Disposition nutzen. So kombinieren Sie JIT mit anderen Materialversorgungskonzepten.
3.4 Schritt 4: Lieferanten einbinden und Vereinbarungen treffen
Just in Time funktioniert nicht, wenn Lieferanten das Konzept nicht mittragen. Deswegen sollten Sie sehr früh mit ausgewählten Partnern sprechen und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Wichtige Punkte in der Zusammenarbeit:
- Lieferfrequenz und Lieferlosgrößen
- Lieferzeit und Planungshorizonte
- Abrufmechanismen (z. B. EDI, Web-Portal, Kanban, Lieferpläne)
- Servicegrad, Qualität und Eskalationswege
- Vertragsgestaltung inklusive Pönalen und Bonusmodellen
Oft lohnt es sich, mit wenigen Schlüssellieferanten zu beginnen und gemeinsam Verbesserungen zu erarbeiten, statt sofort alle Partner unter JIT-Bedingungen zu setzen.
3.5 Schritt 5: Produktionsprozesse und Layout anpassen
Nun müssen Sie Ihre internen Abläufe so ausrichten, dass Material wirklich „just in time“ an den Verbrauchsort gelangt und dort verarbeitet wird.
Typische Hebel sind:
- Reduktion von Rüstzeiten, um kleinere Lose wirtschaftlich zu fertigen
- Linienfertigung und Flussprinzip, statt funktionaler Inseln
- Taktung von Arbeitsschritten entlang des Kundentakts
- Standardisierte Arbeitsabläufe (Standard Work)
- Visuelles Management (z. B. Andon, Schilder, Bodenmarkierungen)
Wenn Sie das Layout optimieren, entstehen kürzere Wege und weniger Umlagerungen, sodass Materialbewegungen einfacher planbar sind und weniger Bestände notwendig werden.
3.6 Schritt 6: Steuerungslogik und IT-Systeme ausrichten
Just in Time erfordert eine klare Steuerung des Materialflusses, damit Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort landen. Je nach Komplexität setzen Unternehmen unterschiedliche Mechanismen ein:
- Kanban-Systeme (physisch oder elektronisch)
- Feinplanung über APS/MES-Systeme mit klarer Prioritätslogik
- Rahmenverträge und Lieferpläne mit Lieferanten
- Automatisierte Abrufe über EDI oder Portale
Prüfen Sie, welche Funktionen Ihr bestehendes ERP oder Produktionsplanungssystem bereits bietet, und ergänzen Sie gezielt Tools, statt parallele Schatten-IT aufzubauen. Wichtig ist, dass Daten konsistent bleiben und Prozesse robust laufen.
3.7 Schritt 7: Kennzahlen, Transparenz und Eskalationswege definieren
Ohne messbare Größen lässt sich die Wirksamkeit von JIT kaum beurteilen. Deshalb sollten Sie frühzeitig ein Kennzahlensystem aufbauen, das Transparenz schafft und als Grundlage für Verbesserungen dient.
Typische Kennzahlen:
- Bestandsreichweiten und Lagerumschlag
- Termintreue und Lieferservicegrad
- Durchlaufzeit von Auftrag bis Auslieferung
- Planerfüllungsgrad in Produktion und Logistik
- Störungs- und Stillstandszeiten, insbesondere materialbedingt
Definieren Sie zudem:
- Regelkommunikation (Shopfloor-Meetings, Tagesrunden)
- Eskalationsstufen, wenn Material fehlt oder Termine gefährdet sind
- Verantwortlichkeiten, damit Entscheidungen schnell getroffen werden
So sorgen Sie dafür, dass Probleme sichtbar werden und dass die Organisation strukturiert reagiert.
3.8 Schritt 8: Pilotprojekt planen und umsetzen
Bevor Sie unternehmensweit umstellen, sollten Sie ein klar umrissenes Pilotprojekt durchführen, in dem Sie das gesamte JIT-Konzept unter Realbedingungen testen.
Für das Pilotprojekt:
- Wählen Sie eine überschaubare Produktfamilie oder einen Wertstrom
- Legen Sie klare Erfolgskennzahlen und Zielwerte fest
- Beschreiben Sie die neuen Prozesse in Arbeitsanweisungen und Standards
- Schulen Sie alle Beteiligten intensiv und praxisnah
- Führen Sie einen Testbetrieb mit paralleler Beobachtung durch
Begleiten Sie den Piloten eng mit Daten und Feedback aus der Praxis, damit Sie Schwachstellen früh erkennen und nachjustieren können.
3.9 Schritt 9: Ergebnisse auswerten und Konzept anpassen
Nach einer definierten Laufzeit des Piloten sollten Sie eine strukturierte Auswertung vornehmen. Dabei geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um Erfahrungen und kulturelle Effekte.
Fragen Sie unter anderem:
- Haben sich die Bestände wie geplant reduziert?
- Wie hat sich der Servicegrad entwickelt?
- Welche Störungen und Engpässe sind aufgetreten, und warum?
- Wie beurteilen Mitarbeitende und Lieferanten die Veränderung?
- Welche Maßnahmen haben sich bewährt, und wo besteht Anpassungsbedarf?
Auf dieser Grundlage passen Sie Prozesse, IT-Einstellungen, Lieferantenabstimmungen und Schulungskonzepte an, bevor Sie den Rollout auf weitere Bereiche starten.
3.10 Schritt 10: Rollout und kontinuierliche Verbesserung
Wenn das Pilotprojekt erfolgreich war und Sie das Konzept geschärft haben, können Sie den Rollout auf weitere Produktlinien, Werke oder Standorte planen.
Dabei hilft folgende Vorgehensweise:
- Erstellen Sie eine Roadmap mit Prioritäten und Zeitplan
- Übertragen Sie Bewährtes aus dem Piloten konsequent, passen Sie aber Details an lokale Gegebenheiten an
- Bauen Sie eine interne Experten-Community (z. B. Lean- oder JIT-Spezialisten) auf
- Verankern Sie Kaizen bzw. kontinuierliche Verbesserung im Alltag
- Überprüfen und aktualisieren Sie regelmäßig Standards und Kennzahlen
Just in Time ist kein einmaliges Projekt, sondern ein langfristiger Entwicklungsweg. Je stärker Sie Verbesserungen zum Bestandteil der täglichen Arbeit machen, desto stabiler und leistungsfähiger wird das gesamte System.
4. Praktische Erfolgsfaktoren und typische Stolpersteine
Zum Abschluss lohnt sich ein Blick auf Faktoren, die in vielen JIT-Projekten über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
4.1 Erfolgsfaktoren
- Top-Management-Unterstützung: JIT erfordert Entscheidungen über Bereiche hinweg und verändert Kennzahlenlogiken, deshalb braucht es Rückhalt von oben.
- Realistische Zielsetzung: Ambitionierte, aber erreichbare Ziele motivieren, während überzogene Erwartungen Frust erzeugen.
- Schrittweises Vorgehen: Pilotieren, Lernen, Anpassen und erst dann Skalieren ist nachhaltiger als ein Big-Bang-Rollout.
- Enge Lieferantenintegration: Offene Kommunikation, gemeinsame Planung und faire Verträge stärken die Partnerschaft.
- Starke Shopfloor-Einbindung: Mitarbeitende im direkten Prozess erkennen Probleme früh und liefern viele Verbesserungsimpulse.
4.2 Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden
- Nur auf Bestandsreduktion starren
Wenn Sie ausschließlich Lagerkosten betrachten und Prozessstabilität ignorieren, steigen Risiken und Störungen.
→ Kombinieren Sie Bestandsziele mit Qualitäts-, Service- und Stabilitätskennzahlen. - Überstürzter Rollout
Wenn Sie zu viele Bereiche gleichzeitig umstellen, überfordern Sie Organisation und Systeme.
→ Planen Sie bewusst Pilotphasen, Reviews und Lernschleifen. - Unzureichende Datenqualität
Wenn Stammdaten und Verbrauchswerte fehlerhaft sind, brechen JIT-Konzepte im Alltag schnell zusammen.
→ Investieren Sie früh in Datenbereinigung und klare Verantwortlichkeiten. - Mangelnde Schulung und Kommunikation
Wenn Mitarbeitende nicht verstehen, warum Sie JIT einführen und wie die neuen Abläufe funktionieren, wachsen Widerstände.
→ Kombinieren Sie Trainings mit praxisnahen Beispielen, Shopfloor-Workshops und laufender Kommunikation.
5. Fazit Just in Time einführen: Schritt-für-Schritt: Just in Time als Entwicklungsreise verstehen
Just in Time ist weit mehr als ein logistisches Schlagwort, denn es verändert die Art, wie Ihr Unternehmen über Bestände, Prozesse und Zusammenarbeit denkt. Wenn Sie JIT schrittweise einführen, Lieferanten konsequent einbinden und die Organisation systematisch befähigen, entsteht ein stabiler, transparenter und effizienter Materialfluss.
Sehen Sie JIT daher nicht als einmaliges Projekt, sondern als Entwicklungsreise, auf der Sie kontinuierlich lernen, nachschärfen und verbessern. So entsteht langfristig genau der Wettbewerbsvorteil, den viele Unternehmen mit dem Begriff „Just in Time“ verbinden, der aber nur durch konsequente Umsetzung Wirklichkeit wird.