Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster

Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster – Das Johari-Fenster gehört in vielen Trainings und Coachings zum Standardrepertoire, doch im Arbeitsalltag tauchen immer wieder dieselben Missverständnisse auf. Dadurch verliert das Modell an Wirkung, obwohl es gerade für Teams und Führungskräfte enorm hilfreich sein kann. In diesem Artikel erhalten Sie einen fundierten Überblick über das Johari-Fenster, typische Fehlinterpretationen und konkrete Hinweise für die Praxis.

Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster
Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster

1. Das Johari-Fenster kurz erklärt

1.1 Ursprung und Ziel des Modells

Das Johari-Fenster wurde in den 1950er-Jahren von den Psychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt. Der Name setzt sich aus ihren Vornamen zusammen (Jo + Hari). Das Modell soll verdeutlichen, wie sich Selbst- und Fremdbild überschneiden und welche Rolle Offenheit und Feedback für vertrauensvolle Zusammenarbeit spielen.

Im Kern geht es um drei Fragen:

1.2 Die vier Felder des Johari-Fensters

Das Johari-Fenster teilt die Wahrnehmung einer Person in vier Bereiche:

  1. Öffentliche Person („Arena“)
    • Aspekte, die sowohl mir als auch anderen bekannt sind.
    • Beispiel: Meine Rolle im Team, meine Fachkompetenzen, mein bevorzugter Kommunikationsstil (wenn ich darüber spreche).
  2. Blinder Fleck
    • Dinge, die andere über mich wahrnehmen, die mir selbst aber nicht bewusst sind.
    • Beispiel: Ich unterbreche andere häufig, aber mir fällt das selbst nicht auf.
  3. Verborgener Bereich („Fassade“)
    • Informationen, die ich über mich kenne, die ich aber nicht teile.
    • Beispiel: Unsicherheiten, persönliche Werte, private Themen, frühere Misserfolge.
  4. Unbekanntes Feld
    • Anteile, die weder mir noch anderen bewusst sind.
    • Beispiel: Unentdeckte Talente, Reaktionen in völlig neuen Situationen, verdrängte Erfahrungen.

Das Modell zeigt damit, wie sich Selbsterkenntnis und vertrauensvolle Beziehungen entwickeln können – nämlich durch bewusstes Teilen von Informationen und durch konstruktives Feedback.


2. Warum das Johari-Fenster so oft falsch verstanden wird

Obwohl die Grafik sehr einfach wirkt, steckt dahinter ein komplexer Kommunikations- und Lernprozess. Viele Menschen sehen nur die vier Felder und übersehen, dass es um Haltung, Sicherheit und Kontext geht. Dadurch entstehen typische Missverständnisse, die den Nutzen des Modells deutlich einschränken.

Im Folgenden finden Sie die häufigsten Irrtümer – und was Sie stattdessen beachten sollten.


3. Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster

3.1 Missverständnis 1: „Das Johari-Fenster ist so etwas wie ein Persönlichkeitstest.“

Fehlannahme:
Viele setzen das Johari-Fenster unbewusst mit einem Test gleich, der „objektive“ Aussagen über die Persönlichkeit liefert. Dadurch entsteht der Eindruck, es gehe um eine Art Diagnose, die am Ende „stimmt“ oder „nicht stimmt“.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls:
Nutzen Sie das Johari-Fenster als Startpunkt für Gespräche („So sehe ich mich – so siehst du mich“),
aber vermeiden Sie Formulierungen wie „So bist du eben“ oder „Das Johari-Fenster hat gezeigt, dass …“.


3.2 Missverständnis 2: „Je mehr ich offenlege, desto besser.“

Fehlannahme:
Weil das Modell nahelegt, den öffentlichen Bereich zu vergrößern, interpretieren manche das so,
dass möglichst viel persönliche Information geteilt werden sollte – unabhängig von Kontext und Beziehung.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls:

Stellen Sie sich vor einer Offenlegung drei Fragen:

Wenn Sie zwei dieser Fragen mit „Nein“ beantworten, sollten Sie Ihre Offenheit dosieren.


3.3 Missverständnis 3: „Feedback bedeutet vor allem Kritik.“

Fehlannahme:
Viele verbinden Feedback in erster Linie mit Fehlern, Defiziten oder Konflikten.
Dadurch wirkt der „blinde Fleck“ wie eine Problemzone, in der nur unangenehme Wahrheiten lauern.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls – einfache Feedback-Formel:

Nutzen Sie im Team eine klare Struktur, etwa:

  1. Beobachtung: „In der letzten Sitzung hast du …“
  2. Wirkung: „Das hatte auf mich/uns die Wirkung …“
  3. Wunsch / Idee: „Ich würde mir wünschen, dass … / Eine Idee wäre, dass …“

So bleibt der Fokus auf Verhalten und Wirkung, nicht auf Zuschreibungen („Du bist immer …“).


3.4 Missverständnis 4: „Alle vier Quadranten sollten ungefähr gleich groß sein.“

Fehlannahme:
Weil viele Darstellungen vier gleich große Felder zeigen, entsteht der Eindruck,
ein „gesundes“ Johari-Fenster müsse überall ein Gleichgewicht aufweisen.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls:

Fragen Sie im Team nicht: „Sind unsere Felder gleich groß?“
sondern: „Passen unsere Offenheit und unser Feedback zu unseren gemeinsamen Aufgaben und Zielen?“


3.5 Missverständnis 5: „Das Johari-Fenster ist eine einmalige Übung.“

Fehlannahme:
In vielen Workshops wird das Modell an einem Tag eingeführt, kurz ausprobiert
und danach kaum wieder aufgegriffen. Dadurch entsteht der Eindruck, das Thema sei „abgehakt“.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls:

Nutzen Sie das Johari-Fenster als „mentale Landkarte“, auf die Sie immer wieder zurückkommen, zum Beispiel:


3.6 Missverständnis 6: „Das Johari-Fenster funktioniert in jeder Kultur gleich.“

Fehlannahme:
Manche gehen stillschweigend davon aus, dass Offenheit und Direktheit überall gleich bewertet werden.
Dadurch entsteht Druck auf Menschen, die aus Kulturen kommen, in denen Zurückhaltung oder indirekte Kommunikation üblich ist.

Warum das problematisch ist:

Besseres Verständnis:

Praxisimpuls:

In internationalen Teams lohnt sich ein expliziter „Teamvertrag“ zu Feedback und Offenheit.
Halten Sie gemeinsam fest, was gewünscht ist und was als grenzüberschreitend erlebt würde.


4. Wie Sie das Johari-Fenster sinnvoll in der Praxis nutzen

Damit das Johari-Fenster wirkt, braucht es mehr als eine gute Erklärung.
Entscheidend ist, wie Sie das Modell einführen, moderieren und im Alltag verankern.

4.1 Erfolgsfaktoren für den Einsatz im Team

Achten Sie insbesondere auf folgende Punkte:

  1. Freiwilligkeit statt Zwang
    • Niemand sollte zu Offenheit oder Feedback gedrängt werden.
    • Vertrauen wächst, wenn Menschen sich entscheiden dürfen, wie viel sie teilen.
  2. Klare Zielsetzung
    • Machen Sie transparent, warum Sie mit dem Johari-Fenster arbeiten:
      Geht es um bessere Zusammenarbeit, um Führungskräfteentwicklung, um Konfliktprävention?
    • Je klarer das Ziel, desto leichter verstehen alle, welche Art von Offenheit sinnvoll ist.
  3. Sichere Rahmenbedingungen
    • Vereinbaren Sie Vertraulichkeit, respektvolle Sprache und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern.
    • Sorgen Sie dafür, dass Führungskräfte das Modell nicht als Instrument zur Leistungskontrolle missbrauchen.
  4. Vorbildfunktion der Führung
    • Wenn Führungskräfte selbst angemessen offen sind und aktiv um Feedback bitten,
      senkt das Hemmschwellen im Team.
    • Authentische Selbstoffenbarung („Hier bin ich unsicher …“) kann deutlich mehr bewirken
      als perfekt vorbereitete Botschaften.
  5. Regelmäßige Wiederholung
    • Planen Sie feste Zeitpunkte, an denen Sie Feedback einholen
      und Selbsteinschätzungen aktualisieren.
    • So wird das Johari-Fenster vom Workshop-Thema zum lebendigen Bestandteil der Kultur.

4.2 Konkretes Vorgehen für eine Teamsession

Ein möglicher Ablauf könnte so aussehen:

  1. Einführung (Kurzinput)
    • Modell erklären, Missverständnisse direkt ansprechen
      und den Rahmen (Ziel, Zeit, Regeln) klären.
  2. Individuelle Reflexion
    • Jede Person beschreibt kurz:
      • Was ist mir an mir selbst bewusst?
      • Was teile ich bisher nicht?
    • Optional: Nutzung klassischer Johari-Listen mit Adjektiven,
      allerdings immer mit Hinweis auf ihre Grenzen.
  3. Feedback-Runden in Kleingruppen
    • 3–4 Personen geben sich gegenseitig beschreibendes Feedback,
      sowohl zu Stärken als auch zu Entwicklungsfeldern.
    • Moderator achtet auf Ausgewogenheit und wertschätzende Sprache.
  4. Gemeinsame Auswertung
    • Welche Erkenntnisse gab es zu blinden Flecken?
    • Was möchte ich künftig häufiger zeigen oder anders machen?
  5. Transfer in den Alltag
    • Konkrete Vereinbarungen:
      • Wie halten wir Feedback lebendig?
      • Welche Signale nutzen wir, wenn etwas zu persönlich wird?

5. Fazit Typische Missverständnisse beim Johari-Fenster: Johari-Fenster als Einladung, nicht als Urteil

Das Johari-Fenster ist ein starkes Werkzeug, wenn es richtig verstanden wird.
Es liefert keine endgültigen Antworten über Persönlichkeit,
sondern öffnet einen Raum für Dialog, Selbsterkenntnis und gegenseitiges Verständnis.

Die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst:

Wenn Sie diese Missverständnisse im Blick behalten und das Johari-Fenster bewusst als Einladung zu gemeinsamen Lernprozessen nutzen, stärken Sie nicht nur einzelne Personen, sondern auch die Beziehungsqualität und Leistungsfähigkeit Ihres gesamten Teams.

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